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ARD-Kritiker Grimberg wird ARD-Sprecher

Letztmals werden die ARD-Intendanten unter dem Vorsitz von Lutz Marmor tagen. 2016 übernimmt Karola Wille. Zu ihrem Sprecher macht sie einen branchenbekannten Kritiker. Von Ulrike Simon

Kaum einer weiß besser als Steffen Grimberg, was bei der ARD im Argen liegt. Als Medienjournalist der „taz“ war das über viele Jahre eines seiner liebsten Themen. Später erlebte der 47-Jährige beim NDR-Medienmagazin „Zapp“, was es heißt, im Glashaus zu sitzen und Kritik am öffentlich-rechtlichen System zu üben. Sein Steckenpferd ist die Medienpolitik. Und als Referent für den Grimme-Preis hat er die Branche noch einmal aus einem ganz neuen Blickwinkel kennengelernt.

Ein knappes Jahr pendelte der Träger des Bert-Donnepp-Preises 2008 zwischen Berlin und Marl. Seine vielfältigen Kontakte sollte er auch dazu nutzen, das Grimme-Institut wieder ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Mangels freier Hand ist ihm das unter der Direktorin Frauke Gerlach nur mäßig gelungen. Nun wird Grimberg Sprecher der ARD. Mit ihm rückt in diese Position Sabine Krebs. Sie war zuletzt Chefin vom Dienst bei ARD aktuell, also zuständig für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“.

Die Rollenverteilung ist klar: Grimberg ist der printaffine, kritische Kopf von außen, der alle kennt und gestählt ist durch unzählige Stehrümchen, wie er die in der Branche geliebten Get-together gerne nennt; Krebs ist die Nachrichtenfrau, die die ARD im Innersten kennt. Ein MDR-Gewächs ist die 45-Jährige außerdem. Nach dem Studium in Leipzig arbeitete sie bereits für den MDR, als die damalige Justiziarin Karola Wille nicht im Traum daran dachte, Intendantin zu werden.

Es bedarf keiner Fantasie sich auszumalen, dass nicht jeder beim MDR, der Grimbergs Berichterstattung in Erinnerung hat, dass auch nicht jeder bei der ARD, dem er die eine oder andere Fehlbarkeit unter die Nase rieb, die Personalie vorbehaltlos begrüßt. Was also mag sich Karola Wille dabei gedacht haben?

Kommende Woche halten die Intendanten, wie es Tradition ist bei der ARD, ihre letzte Tagung unter ihrem scheidenden Vorsitzenden am Standort seines Heimatsenders, im Fall Marmors also beim NDR in Hamburg ab. Transparenz, das war der Begriff, den er sich als ARD-Vorsitzender auf die Fahne geschrieben hat. Ihm war klar: Mit der Umstellung von der geräteabhängigen Gebühr auf den nun haushaltsbezogenen Beitrag wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter mehr Legitimationsdruck geraten denn je. Inzwischen gewährt die ARD zumindest Einblicke, welches Geld sie wofür ausgibt, was ein „Tatort“ kostet oder wie viel ein Intendant verdient.

Für echte Transparenz bedarf es mehr. Grimberg würde dem niemals widersprechen. Aber Karola Wille treibt noch ein anderes Thema um: die Glaubwürdigkeit der ARD. Allem Anschein nach wird das der Begriff sein, mit dem sie ihre Amtszeit überschreiben will. Mit Fragen der Glaubwürdigkeit hatte die hörbar in Karl-Marx-Stadt geborene Juristin ganz persönlich zu ringen beim Übergang vom einen ins andere Staatssystem. Als Intendantin hat sie bis heute mit der Glaubwürdigkeit ihres Senders zu kämpfen. Noch immer ist die Affäre um Udo Foht nicht aufgeklärt. Der frühere Unterhaltungschef, der beim MDR aufflog, weil er ein komplexes System aus Geldschiebereien aufgebaut hatte, ist abgetaucht. Nicht einmal die Ermittler scheinen zu wissen, wo er steckt. Obendrein ist die Dreiländeranstalt, die Karola Wille leitet, jene, in deren Sendegebiet die Lügenpresse-Rufer Montag für Montag am zahlreichsten durch die Straßen ziehen.

Auf die Frage, was ihn an dem neuen Job reizt, sagt Grimberg, er habe schon einmal mit der Stelle des ARD-Sprechers geliebäugelt. Jetzt, da es geklappt hat, falle ihm dazu der Spruch ein: „Fahren Sie mich irgendwo hin, ich werde überall gebraucht“. Das Streben nach Transparenz, der Kampf um die Glaubwürdigkeit, ebenso starre wie komplexe Strukturen, Empfindlichkeiten allerorten und eine Außenwirkung mit reichlich Optimierungsbedarf: Man darf gespannt sein, ob die ARD das Undenkbare schaffen wird, dem unter keinen Umständen um eine Antwort verlegenen Grimberg eines Tages doch die Sprache zu rauben.