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Ein paar Anmerkungen zu den „Panama-Papers“

Der Scoop enthüllt nicht nur zwielichtige Geldgeschäfte, sondern entlarvt auch Neider und Gönner und straft Kritiker Lügen. Nebenbei verhilft er einem Rentner zu altem Glanz. Von Ulrike Simon

Jeder Journalist sollte Bastian Obermayer und Frederik Obermaier, den Redakteuren der „Süddeutschen Zeitung“, die die weltweite Recherche der „Panama-Papers“ angestoßen haben, dankbar sein. Jeder sollte sich ein Beispiel nehmen an dem, was Netzwerke und Kooperationen zustande bringen. Kein noch so exzellenter Essay, kein noch so kluger Kommentar, keine noch so langfristig angelegte Studie kann die weit verbreitete Untergangsstimmung in unserer Branche, kann die Marketingmaschinerie der Lügenpresse-Propaganda wirksamer stoppen als eine handwerklich saubere Recherche, noch dazu dieses Ausmaßes. Sie demonstriert, wozu Journalismus fähig ist, welche Wucht er entfalten kann.

Bastian Obermayer, Frederik Obermaier

Bastian Obermayer (links) und Frederik Obermaier // Bild: dpa/Stephanie Füssenich

Es gab und gibt viel Kritik an dem Rechercheverbund aus der privatwirtschaftlich geführten „Süddeutschen Zeitung“ und den beiden öffentlich-rechtlichen ARD-Sendern WDR und NDR. Von Quersubventionierung und einem Zitierkartell war und ist die Rede, allein schon, weil in den Hörfunkwellen der ARD, weil in „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ so häufig der Name der „Süddeutsche Zeitung“ fällt . Zumindest dieses Mal profitiert der öffentliche Rundfunk mehr als die Zeitung. Ohne Bastian Obermayer, der zu dem Whistleblower den ersten Kontakt knüpfte, wäre die ARD nie und nimmer an diesen Scoop gelangt.

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Die Vermarktung der Rechercheergebnisse wurde über alle zur Verfügung stehenden Kanäle hinweg orchestriert. Es begann am Sonntag nach Redaktionsschluss der Zeitungen in der „Tagesschau“, es folgte „Anne Will“ mit dem zuvor bewusst nicht als Gast angekündigten Georg Mascolo, der den Verbund aus SZ, NDR und WDR koordiniert. Am nächsten Morgen die Zeitung, abends die Doku im Ersten, danach „Zapp-Spezial“ mit dem Making-of. Täglich folgten und folgen News. Reaktionen machten die Story zum Selbstläufer. Dazu das Online-Rauschen auf allen Kanälen. Sogar der Verlag der „Süddeutschen“ spielt im Takt mit und wirbt mit der journalistischen Leistung um neue Abonnenten:

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Allerdings hat die ARD aus alten Fehlern nicht gelernt. Im Januar 2014 war es ihr dank Hubert Seipel gelungen, das weltweit erste Interview mit Edward Snowden auszustrahlen. Gesendet wurde es am Sonntagabend, leider nicht vor, sondern nach dem Talk. Die Folge: Bei Günther Jauch wurde über etwas diskutiert, das erst danach zu sehen war. Zu Recht provozierte das ARD-intern Kritik. Zwei Jahre später nun dasselbe Spiel, getoppt durch die späte Ausstrahlung der Doku erst einen Tag später um 23.20 Uhr. Das anschließende „Zapp-Spezial“ mit dem Making of endete erst kurz vor 1 Uhr in der Nacht. Erfreulich: Immerhin schauten trotzdem 1,53 Millionen zu, was einem Marktanteil von 12,3 Prozent entspricht. Auch „Zapp Spezial“ kam noch auf knapp eine Million Zuschauer und erreichte mit 11,8 Prozent einen zweistelligen Wert. Montag, 23.20 Uhr sei eben der angestammte Sendeplatz für Dokus im Ersten, verteidigt sich die ARD. Warum so stur? Warum nicht früher? Weil der NSU-Film um 20.15 Uhr gesetzt war und die Trilogie mit einer Eventprogrammierung enden sollte mit thematisch anschließender Diskussion in „hart aber fair“. Von diesem Vorhaben ließ sich die ARD nicht abbringen, „Panama-Papers“ hin oder her. Schön, dass die ARD solche Luxusprobleme hat, sich zwischen zwei relevanten Stoffen entscheiden zu müssen. Und das meine ich völlig ironiefrei.

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Aber musste für die Doku tatsächlich der seit fünf Jahren verrentete Christoph Lütgert reaktiviert werden? Hat der NDR keinen anderen? Nein, hat er offensichtlich nicht. Inzwischen ist der Mann mit der ebenso markanten Glatze wie Brille 71 Jahre alt. Und, ja, er ist nicht weniger eitel geworden, was bei einer Presenter-Reportage, in der der Reporter ständig im Bild ist, geradezu eine Vorbedingung ist. Andererseits: Wie sollte eine Doku, in der es außer Datensätzen und Dokumenten nicht viel zu sehen gibt, sonst mit Leben gefüllt werden? Reden wollte ja keiner der in den Panama Papieren Genannten, und immer nur Palmen in Panama, Paläste in Petersburg, Sand in Guinea und Schnee in Reykjavik mag man keinem Zuschauer zumuten. Also musste Lütgert ran. Den NDR wird gefreut haben, dass Rentnern nur die Hälfte des sonst üblichen Honorars zusteht.

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Erschüttert haben mich allerdings einige Reaktionen von Kollegen. Mal ziehen sie die Veröffentlichungen in Zweifel, da die Motive des Whistleblowers nicht nur hehre sein könnten. Als ob das etwas an den Datensätzen änderte.

Dann wieder glaubten welche, unter ihnen übrigens besonders Medienjournalisten, mal eben so urteilen zu können, der Erkenntnisgewinn der „Panama-Papers“ sei dünn und bleibe folgenlos. Razzien? Ermittlungen? Rücktritte? Eine ausgewachsene Regierungskrise in Island? Egal! In meinen Augen am erbärmlichsten sind jedoch jene, die anscheinend lieber gesehen hätten, die „Süddeutsche Zeitung“ hätte die Daten den zuständigen Strafverfolgungsbehörden übergeben, statt sie journalistisch auszuwerten. Die schlimmsten Feinde des Journalismus sind die aus den eigenen Reihen.