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Aus dem Alltag eines Zeitungshändlers

Mag sein, dass immer weniger Menschen gedruckte Zeitungen kaufen. Warum aber sind dann in einem ganz normalen Berliner Kiosk schon vormittags so viele Zeitungen ausverkauft? Von Ulrike Simon

Zoltan hatte mich am Sonntag bereits erwartet. „Ich will Dir etwas zeigen“, sagte der Kioskhändler meines Vertrauens, musste aber erst noch zwei andere Kunden bedienen. Ich fischte solange aus dem noch nicht ausgepackten Stapel die Zeitungen, die ich kaufen wollte. Der Laden war erst seit einigen Minuten geöffnet. Zoltan hatte offensichtlich noch keine Zeit, die Blätter in den dafür vorgesehenen Ständer zu räumen. Wenn er sich damit nicht beeilt, dachte ich, kann er es gleich lassen. Nachdem ich gefunden hatte, was ich wollte, war der Stapel nur noch wenige Zentimeter hoch.

Als die beiden Kunden weg waren, zog Zoltan eine Schublade auf und streckte mir eine in Klarsicht gehüllte Zettelsammlung entgegen. Was sollte ich damit? Er erklärte, das seien die Lieferscheine der vergangenen Wochen, dazu die Kassenbons, aus denen hervorgeht, von welchem Zeitungstitel er um welche Uhrzeit wie viele Exemplare verkauft hat. Dann machte er mich aufmerksam auf die roten Kringel, mit denen er markiert hatte, wann an den jeweiligen Tagen das jeweils letzte Exemplar eines Titels über den Tresen gegangen war. Ich sah mir die Listen durch.

Am 1. August war die „Süddeutsche“ schon um 10.48 Uhr ausverkauft, sechs Minuten später die „B.Z.“. Am 2. August war die „B.Z.“ bereits um 10.41 Uhr nicht mehr zu haben. Am 4. August war der letzte Tagesspiegel um 11.12 Uhr weg, der letzte „Berliner Kurier“ um 12.25 Uhr. Und am 5. August ergatterte ein Kunde die letzte „Berliner Zeitung“ um 10.54 Uhr, obwohl im Laufe des Tages noch drei weitere Kunden gerne zugegriffen hätten. Kurze Zeit darauf waren auch „B.Z.“, „Bild“ und um 13.21 Uhr auch die „Berliner Morgenpost“ ausverkauft. Für jeden vertrösteten Kunden hatte Zoltan Strichliste geführt. Es waren viele rote Striche. Zoltan wirkte frustriert.

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Ich überlegte, wie viele potenzielle Kunden wohl enttäuscht den Kiosk verlassen hatten, ohne aktiv nach der gewünschten Zeitung zu fragen. Auf diese Weise vergrault man auch den treuesten Käufer. In den umliegenden Cafés gibt es locker bis zum späten Nachmittag Frühstück. Wer dazu Zeitung lesen will, muss früh aufstehen.

Hatten Zoltan schon die Einführung des Mindestlohns und die irrwitzigen Vorgaben für den Sonntagsverkauf in Berlin zu schaffen gemacht, war er nun überzeugt: Die wollen uns kaputt machen. Wer aber waren die?

Seit Jahren sinken die Auflagen aller deutschen Zeitungen. Anfangs lasteten das die Verlage den Chefredakteuren an und tauschten sie reihenweise aus. Inzwischen nimmt man sinkende Auflagen als gottgegeben hin: Das Internet ist schuld. Die Digitalisierung. Die jungen Leute. Die gestiegenen Preise. Die Fülle an kostenlosen Informationen, die es überall gibt.

Warum aber werden dann mehr Exemplare nachgefragt als geliefert? Sind Zeitungen Mangelware wie früher im Osten Südfrüchte? Gibt’s nicht genügend Papier? Fürchten die Häuser jedes zu viel gedruckte Exemplar?

Ich fragte Zoltan, ob er nicht eine dieser computergesteuerten Kassen hätte, die dem Grossisten automatisch melden, sobald die verfügbaren Exemplare zur Neige gehen, damit umgehend nachgeliefert wird? Klar doch, antwortete er. Elieres heißen die Dinger, die Abkürzung für „elektronisches Lieferschein- und Remissionssystem“. 25 Euro zahlt er dafür monatlich. Funktioniert bloß nicht, sagte Zoltan. Und wenn er anrufe, bekomme er pampige Reaktionen. Manchmal wird auch einfach aufgelegt.

Da standen wir nun, zwei Enden derselben Verwertungskette. Er lebt von zufriedenen Kunden, denen er unter anderem Zeitungen verkauft, ich vom Honorar, das sich zumindest zum Teil aus den Verkäufen der Zeitungen finanziert, für die ich arbeite.

Ich nahm die Unterlagen mit und rief am Montag Frank Tschirch an. Tschirch ist der Geschäftsführer des Presse Vertriebs Berlin, dem für die Berliner Ostbezirke zuständigen Grossisten.

Immerhin, an den Verlagen lag es nicht, dass zu wenige Exemplare geliefert würden, klärte er mich auf. Schuld sei die spezielle Sommersituation. Spezielle Sommersituation? Ja, sagte Tschirch, wenn plötzlich die Stammkunden verreist seien und Touristen ganz andere Zeitungen kaufen wollten. Das führe zu urlaubsbedingter Kaufverlagerung. Tankstellen zum Beispiel riefen derzeit vermehrt an und orderten händeringend nach, weil der eine oder andere Kioskhändler im Urlaub sei. Aha, sagte ich und fragte: Warum funktioniert dann das Kassensystem Elieres nicht? Warum bekommt ein Händler, der anruft, pampige Antworten? Und, wenn wir schon miteinander reden: Wieso sind die von Zoltan im Frühjahr georderten Aufsteller, für die mir die Bestellung ebenfalls vorliegt, immer noch nicht geliefert?

Tschirch räumte ein, dass die Reaktionszeiten im Callcenter nicht ganz so seien, wie er sich das wünsche, dass ich da aber sicherlich auf einen ganz speziellen Einzelfall gestoßen sei. Er wolle nun nicht weiter mutmaßen, sich aber umgehend kümmern. Wir verabredeten uns telefonisch für den nächsten Tag.

Am Dienstagvormittag stand ein brandneuer Aufsteller der „Berliner Morgenpost“ vor Zoltans Kiosk. Er selbst stand drinnen und lächelte. Auch für den „Spiegel“ und die „B.Z.“ seien ihm die neuen Aufsteller versprochen worden, sagte er geradezu begeistert. Außerdem habe er jetzt einen neuen Ansprechpartner beim Presse Vertrieb Berlin, der auch schon da gewesen sei. Die Vorgängerin hatte er nie persönlich kennengelernt. „Langzeitkrank“, sagte Tschirch bei unserem für den Nachmittag verabredeten zweiten Gespräch.

Tschirch dröselte darin die vielen Fassetten auf, die in diesem speziellen Fall eine Rolle spielten, und er beteuerte: Der Presse Vertrieb Berlin unternehme wirklich alles, um die Kioskverkäufe zu steigern und notwendige Nachlieferungen schnellstens zu bearbeiten. Er gestand allerdings ein, dass da mit Elieres nicht alles so funktioniere, wie es sollte. Es werde aber alles getan, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen, versprach er.

Keine der großen Berliner Traditionszeitungen erreicht mehr eine hart verkaufte Auflage von über 100.000 Exemplaren. Mit nur 91.432 Exemplaren (inklusive "Potsdamer Neueste Nachrichten") ist der „Tagesspiegel“ noch vor der „B.Z.“ Marktführer, die „Berliner Morgenpost“ als kleinste kommt gerade mal auf 62.029 Exemplare. An vielem ist der Markt schuld, vieles ist selbstverschuldet. Aber vielleicht sollten die Verlage mal ein Auge darauf haben, wie es bei ihren Grossisten läuft.