English
Menü

Hinter den Kulissen von „Spiegel Online“, „Bento“, „Ze.tt“ & Co.

Früher gab es beim „Spiegel“ ein Schwimmbad, heute gibt es bei „Bento“ ein Bällebad. Bei „Ze.tt“ werden Flaschen gesammelt, bei Funke steht ein VW Bulli. Aus der Mode gefallen ist dagegen das Einzelbüro. Warum bloß? Von Ulrike Simon

Es ist ja nicht so, dass in Medienhäusern früher nicht auch überlegt wurde, welches Ambiente für die Arbeit von Redaktionen förderlich ist. Axel Springer zum Beispiel richtete seinen Journalisten einen Club ein. Dort mussten sie zwar eine Krawatte umlegen, durften sich ansonsten aber fühlen wie bei Muttern, bei Bedarf gab es Leberwurstbrot, vom Clubchef höchstpersönlich geschmiert. Rudolf Augstein ließ für seine Redakteure ein Schwimmbad bauen. Am liebsten nutzten sie es für eine Runde Wasserball zwischendurch – bis der Ball einmal beim Spiel der Ressorts D1 gegen D2 gegen die Deckenlampe prallte und das Kabel gefährlich nah über der Wasseroberfläche baumelte.

Auch bei der Gestaltung der Räumlichkeiten ließ sich der „Spiegel“ nicht lumpen. Im alten Haus in der Brandstwiete war anfangs jede Etage in einem eigenen Farbton gestaltet – von warmem Gelb für den Empfangsbereich über Königsblau bei D1 bis zum angeblich für kreative Arbeit besonders förderlichen Billardgrün in der oberen Etage.

Man muss sich das vorstellen: Jede der 10,5 Quadratmeter großen Redakteurszellen war in nur einer Farbe gehalten, vom Teppich über die Wände und den Möbeln bis zum Papierkorb und der Bleistiftablage – alles Ton in Ton. Völlig meschugge sei man davon geworden, erzählten mir einmal Altgediente, und dass Rudolf Augstein gesagt haben soll, wenn man dann vom Dach springe, würde man auf dem Weg nach unten immerhin noch einmal den Regenbogen sehen. Die Idee war nämlich: Nachts, bei geöffneten Türen und beleuchteten Fluren, sollte das Haus in allen Farben des Regenbogens erstrahlen. Daraus wurde nur nie etwas. Zunächst, weil die meisten Redakteure nach getaner Arbeit die Bürotür hinter sich zuzogen. Später, nach der Energiekrise 1973, blieb das Licht nachts sowieso aus.

Heute machen sich die Häuser auch allerlei Gedanken zur Raumgestaltung. Einzelbüros sind allerdings nicht mehr angesagt. „Chefredaktion zieht in Teamraum“, twitterte „Spiegel-Online“-Chef Florian Harms am Mittwoch unter dem Hashtag #SPONNeustart, als sei sein neues Büro ein Grund für Jubel:

FlorianHarms

Bild: Spiegel Online

Das ist nichts gegen die Räumlichkeiten der jungen Digitalen von „Bento“, dem neuen Angebot vom Spiegel-Verlag. Dort steht unter anderem ein Bällebad, zusätzlich dieses hier in Miniaturform:

Bento Bällebad

Bild: Bento

Es ist ein Geschenk der früheren Geschäftsführerin Katharina Borchert „in Anspielung auf unseren damaligen Projektnamen“, verrät die Chefin, Frauke Lüpke-Narberhaus, und schickt zusätzlich dieses redaktionsinterne Stillleben hinterher:

BentoStillleben

Bild: Bento

Reicht das, um sich wie in einem richtigen Start-Up-Unternehmen zu fühlen? Oder wenigstens wie in einer WG? Bei „Ze.tt“ gibt es eigens dieses „Pfandregal“. „Hin und wieder bringen wir die Flaschen auch weg“, beteuert Sebastian Horn, der Chef des jungen Ablegers von „Zeit online“.

ze.tt

Bild: Ze.tt

Mehr Aufwand betrieb dagegen Funke. Der Essener Konzern ließ in seiner Berliner Digital-Abteilung eigens einen zum Besprechungsraum umfunktionierten VW Bulli aufstellen. Auf dem WAZ-roten Lack prangt der Schriftzug „Funky“.

Funke Bully

Bild: Funke Mediengruppe

Ist Funke deshalb plötzlich hip? Oder anders formuliert: Braucht es das alles wirklich?

Jeder nach seiner Fasson. Bei mir stehen weder ein Tischkicker noch eine Tischtennisplatte, schon gar nicht liegen irgendwelche Emoji-Kissen in der Ecke oder hängen Augenkrebs erregende Bilder an der Wand. Okay, auf dem Schreibtisch müssen frische Blumen sein, und die Wände sind komplett rot gestrichen. Und wer behauptet, Rot mache aggressiv, bekommt von mir die Antwort: Eine gewisse Grund-Aggressivität ist bei der Arbeit ganz hilfreich.

Einen unschlagbaren Vorteil habe ich jedenfalls: Bei mir hört niemand mit, wenn ich telefoniere. Ein einziges Mal ist es vorgekommen, dass ich in einem Großraumbüro sitzen sollte, was angeblich die redaktionsinterne Kommunikation und Zusammenarbeit verbessert, tatsächlich aber vor allem die Raumkosten pro Journalist minimiert.

Ich wollte von dem Verlagschef daraufhin wissen, ob er mit mir am Telefon ein vertrauliches Gespräch führen würde, wenn er davon ausgehen müsste, dass hinter mir mehrere Ohrenpaare mithören? Seine Antwort lautete: Nein. Zu der Zeit allerdings war in Redaktionen der Begriff „Kuratieren“, um zu benennen, was ein Journalist macht, wenn er nicht selbst recherchiert, sondern „Inhalte aufbereitet“ auch noch kein gängiger.