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Chefredakteur Klaus Brinkbäumer zieht sich beim „Spiegel“ zurück…

… zumindest für einige Monate. Außerdem steht fest, wohin Ende Juni das Berliner Büro umzieht. Redakteur Georg Diez nannte die Gegend einmal „ein Nichts von spätkapitalistischer Tristesse“. Von Ulrike Simon

Der Begriff Arbeitsgruppe war beim „Spiegel“ geradezu verpönt, als – kaum war Klaus Brinkbäumer Anfang 2015 als Chefredakteur angetreten – wieder neue gegründet wurden. Diesmal gleich 15, sie hießen nun Teams. Das konnte Befürchtungen nicht zerstreuen, wieder könnten die Erkenntnisse zahlreicher, zeitintensiver Sitzungen folgenlos verpuffen. Brinkbäumer versprach, diesmal würde es anders.

An der Zeit wäre es. Will der Spiegel-Verlag seine Unabhängigkeit bewahren, muss er nicht nur sparen, sondern wachsen, und das nicht irgendwann und auch nicht bald, sondern jetzt, und zwar spürbar.

Wie ernst es Brinkbäumer mit seinem Versprechen war, sieht man jetzt. Er hat sich aus der täglichen Arbeit als Blattmacher zurückgezogen, schon vor drei Wochen, und so wird es bleiben, womöglich bis August. Brinkbäumer bestätigt, er wolle „den Kopf frei haben für strategische Entscheidungen“. Bis zu vier Monate, bis August also, hat er sich dafür Zeit gegeben.

Es geht darum, die nicht nur, aber auch digitalen Projekte und Ideen der AGs zu sichten, sie auf ihre Erfolgsaussichten zu prüfen, zu priorisieren und vor allem: sie umzusetzen. Dazu gehört etwa „Spiegel International“, ein englischsprachiges, kostenpflichtiges Online-Angebot. Dazu gehört auch die mobile Digitalzeitung „Daily“, die (anders als die FAZ-App „Der Tag“) kostenpflichtig sein soll und sich montags bis freitags jeweils zum Feierabend aktualisiert. Vor allem und in erster Linie geht es darum, ein sinnvolles, funktionierendes Bezahlmodell zu finden und auch einzuführen: nicht für das gesamte, aber für Teile von „Spiegel Online“.

Technisch sind die Voraussetzungen angeblich geschaffen. Bei der Bezahlweise wird aktuell das Modell von Laterpay präferiert. Es funktioniert nach dem Bierdeckel-Prinzip: Erst lesen, später zahlen, und zwar dann, wenn eine Summe von fünf Euro zusammengekommen ist. Was fehlt, ist das inhaltliche Konzept, im Grunde also das Wichtigste. Wann werden welche Texte wie angeboten, und reicht es, den gedruckten „Spiegel“ zu plündern?

Immerhin: Querelen wie vor Jahren, als der eine Chefredakteur für, der andere gegen Bezahlschranken war, sind nicht zu befürchten. Im Zweifel hat Brinkbäumer, in Personalunion Herausgeber von „Spiegel Online“, das vertraglich zugesicherte letzte Wort, nicht „SpOn“-Chefredakteur Florian Harms.

Warum sich Brinkbäumer so entschlossen gibt und weitere Verzögerungen vermeiden will, ist verständlich: Ursprünglich war schon für die ersten hundert Tage dieses Jahres angekündigt, einzelne Artikel digital nur noch kostenpflichtig anzubieten. Diese hundert Tage sind um, passiert ist nichts.

Wie riskant ist es aber, dass er sich über einen Zeitraum von mehreren Monaten aus dem Tagesgeschäft ausklinkt? Nichts wäre gefährlicher, als das zu vernachlässigen, was den Verlag ausmacht – das, worauf allein er sich nicht mehr verlassen darf, um Erfolg zu haben, ohne das aber alles nichts ist.

Zwar heißt es, Brinkbäumer nehme weiterhin an den Konferenzen teil, wisse um die großen Themen und Debatten und treffe die letzte Entscheidung über den Titel. Das Blattmachen überlässt er aber weitgehend seinen Stellvertretern Susanne Beyer und Dirk Kurbjuweit, die sich während seiner Auszeit alle zwei Wochen abwechseln.

Beiden fehle der Blick über das Gesamte, raunt es an der Ericusspitze. Beyer sei eine Frau der Kultur, Kurbjuweit sei im Vergleich entscheidungsfreudiger, schreibe aber nebenher gerade an einem Buch. Das allerdings stimmt so nicht. Kurbjuweits Buch über Georg Herwegh, ein Dichter zur Zeit der Revolution von 1848, soll bereits fertig sein. Geplant hat der Hanser-Verlag sein Erscheinen allerdings erst im Frühjahr 2017, zu Herweghs 100. Geburtstag.

Die Kolportage zeigt: Auf Kurbjuweit sind nicht alle gut zu sprechen. Er gilt als egozentrisch, nicht nur, wenn er sich im E-Mail-Newsletter „Morgenlage“ selbst lobt, als verantwortlicher Blattmacher der Woche beim nochmaligen Blättern durch die Seiten festgestellt zu haben: „Ich glaube, dass es ein richtig gutes Heft geworden ist (ein Gefühl, das ich nicht immer habe).“.

Und was macht Alfred Weinzierl, der Dritte im Bunde der Vize-Chefs? Seine Aufgabe ist nicht das Blattmachen. Er ist unter anderem für Personalfragen zuständig, für die Koordination der investigativen Recherchen und auch für das kürzlich vom „Spiegel“ federführend gegründete Netzwerk mehrerer europäischer Medien, die European Investigative Collaboration. Nebenbei kümmert er sich um den Umzug des Hauptstadtbüros. Ende Juni ist es soweit, dann ziehen die aus Platzgründen auf zwei Standorte verteilten 90 Mitarbeiter von „Spiegel“, „Spiegel Online“ und „Spiegel TV“ unter ein gemeinsames Dach zu Pricewaterhouse Coopers ins Humboldthafeneins, ein fußläufig zum Hauptbahnhof 2015 fertiggestellter Bau am Kapelle-Ufer, direkt an der Spree.

Durch den Umzug wird der „Spiegel“ pro Jahr Mietkosten in Höhe von rund einer Viertelmillion Euro sparen. Erspart bleiben den Mitarbeitern dann auch die Unannehmlichkeiten durch ständige Sperrungen, mit Selfie-Stangen hantierende Touristen und lautstarke Demonstrationen aller Art und zu jeder Tageszeit. Das waren neben dem zu knappen Raum und der hohen Miete die Nachteile der vom damaligen Chefredakteur Stefan Aust präferierten, höchstrepräsentativen Lage am Pariser Platz mit Blick auf Adlon und Brandenburger Tor.

Künftig werden die Hauptstadtkorrespondenten des „Spiegels“ aufs Kanzleramt schauen, das nur eine „Kirschkernspuckweite“ entfernt sei, schrieb „Spiegel“-Redakteur Georg Diez 2014 über die Gegend um den Hauptbahnhof. Ein „Nichts von spätkapitalistischer Tristesse“ nannte er sie, mit Quadratbauten, die in den brandenburgischen Sand geplumpst seien. In genau so einem wird das Berliner Büro künftig seinen Sitz haben, auf anderthalb Geschosse und 2300 Quadratmeter verteilt.