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Der Tag, an dem mir klar wurde, wie egal die „Bild“-Zeitung ist

Über eine geplante Aktion, aus der nie etwas geworden ist, die aber wertvolle Erkenntnisse geliefert hat. Von Ulrike Simon

Die Nachricht, dass Kai Diekmanns Tage als Chefredakteur von „Bild“ gezählt sind, ließ mich zurückblicken auf die vergangenen 15 Jahre. So lange stand er an der Spitze der Zeitung. Dabei erinnerte ich mich an eine Aktion, die ich einmal geplant habe. „Bild“ feierte irgendein Jubiläum, und ich hatte keine Lust, das Übliche, Erwartbare zu schreiben. Also dachte ich über Alternativen nach und stieß darauf, wie seltsam es doch ist, dass manche so tun, als sei „Bild“ ein irgendwie schräges, aber im Grunde völlig harmloses Blatt.

Warum sollte man heute noch „Nein zu ‚Bild‘“ sagen? Das wollte ich wissen. Ich hätte es mir einfach machen und die üblichen Verdächtigen fragen können. Günter Wallraff zum Beispiel, der wahrscheinlich in seine vergilbten Unterlagen gegriffen und hinlänglich Bekanntes aus seiner Zeit als Hans Esser erzählt hätte. Obwohl. Hatte Diekmann ihn nicht auch schon bekehrt? Den Eindruck konnte man jedenfalls gewinnen. Ein einziger Besuch in der Redaktion auf Einladung Diekmanns hatte genügt, den Kritiker zu zähmen. Ich wollte auch keines dieser nichtssagenden Sternchen, die jammern, wie mies „Bild“ sei, sich ihr aber bei nächster Gelegenheit freiwillig ausliefern. Für diese Aktion wollte ich Menschen, die prominent sind, aber wirklich etwas zu sagen haben. Vor allem wollte ich solche, die mit Saft und Kraft im Leben stehen. Unabhängige Köpfe eben.

Wladimir Kaminer reagierte am schnellsten. Der Berliner Schriftsteller schrieb mir: „Ich sage Nein zu ‚Bild‘, weil zu wenig Buchstaben die soziale Kompetenz der Deutschen mindern. Die Welt ist vielfältig und kompliziert. Um sie zu verstehen, muss man das Kleingedruckte lesen.“ Am engagiertesten zeigte sich die Schauspielerin Maren Kroymann: „Ich sage Nein zu ‚Bild‘, weil ‚Bild‘ die Sprache ärmer macht. Millionen Menschen kennen nicht mehr den  Unterschied zwischen populär und populistisch, zwischen Vorurteil und Verurteilung, zwischen komplex und perplex. Und zwischen  laut und lauter.“ Am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben ist mir Ulrich Matthes, der Sohn des legendären Tagesspiegel-Lokalchefs Günter Matthes. Ich wusste: Das ist nicht nur ein wunderbarer Schauspieler, sondern einer, der Zeitungen leidenschaftlich liebt, für den Zeitunglesen keine Tätigkeit, sondern ein menschliches Grundbedürfnis, also lebensnotwendig ist. Er rief mich zurück, wir sprachen lange, sehr lange sogar. Der Mann machte sich echt Gedanken und nahm das Thema so ernst, als ginge es um das nächste Drehbuch, das nächste Theaterstück, die nächste Rolle.

Aus der Aktion wurde am Ende nichts. Meine Chefredaktion wechselte. Was ich mit dem Vorgänger vereinbart hatte, galt plötzlich nicht mehr. Erst wollte ich mich ärgern, aber dann erinnerte ich mich an das Gespräch mit Ulrich Matthes. Sinngemäß und stark verkürzt hatte er gesagt, „Bild“ sei ihm zwar unsympathisch, mehr aber noch egal. Es ging in dieselbe Richtung wie die Argumentation des Kabarettisten Jürgen Becker, der mir „vom würzigen Duft der Freiheit“ geschrieben hatte; der Freiheit, „auf dem ‚Bild‘-Boulevard ein Unbekannter zu bleiben“.

Das war der Moment, in dem auch mir „Bild“ plötzlich egal vorkam. Mir wurde klar, dass alle, mit denen ich wegen dieser Aktion Kontakt aufgenommen hatte, für „Bild“ überhaupt nicht relevant sind. „Bild“ braucht sie nicht, und sie brauchen „Bild“ nicht. Hier und da mögen sie vielleicht mal in einer Meldung oder auf einem Foto auftauchen. Das war es dann aber auch. „Bild“ lebt in einer Parallelwelt. Ihr Verständnis von Prominenz und Relevanz hat mit meinem rein gar nichts zu tun. Ich bin überzeugt, vielen anderen geht es ähnlich.

Daran wird sich auch nichts ändern, wenn die bisherige Unterhaltungschefin Tanit Koch Chefredakteurin der gedruckten „Bild“ wird.