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Der alte und der neue Präsident

BDZV verabschiedet Helmut Heinen und feiert eine deutlich aufgewertete Theodor-Wolff-Preisverleihung. Von Ulrike Simon

Norbert Lammert konnte nichts dafür. Der Bundestagspräsident war am Mittwoch ja nicht dabei, als Helmut Heinen drei Stunden zuvor seine Abschiedsrede als Präsident des Bundesverbands deutscher Zeitungsverleger (BDZV) hielt und, wie auch im Anschluss sein Nachfolger Mathias Döpfner, ein Loblied auf die Freiheit der Presse sang. Es war also keine Absicht, dass Lammert den beiden BDZV-Präsidenten (alt und neu) gewissermaßen eine Ohrfeige verpasste, als er zu Beginn der Theodor-Wolff-Preisverleihung sagte, die Festrede falle aus, denn ihm falle nichts wirklich Festliches ein, weshalb er jetzt zwar die Bedeutung der freien Presse lobpreisen könne, aber die bestreite ja ohnehin keiner, daher wolle er auf solche gut gemeinten Gemeinplätze verzichten.

Um ehrlich zu sein, war ich ein wenig enttäuscht, dass Döpfner nicht schon bei  Heinens Abschiedsempfang die Frage beantwortete, die mir seit seiner Wahl, ich weiß nicht, wie oft schon gestellt worden ist: „Warum tut er sich das an?“

In jenem Telefonat, in dem Heinen dem Springer-Vorstandschef das Amt antrug, soll er gesagt haben, es sei ihm „eine Verpflichtung, hier Verantwortung zu übernehmen“. So erzählte es Heinen jedenfalls, erwähnte aber nicht, dass Döpfner zur Bedingung gemacht hatte, dass ihn die Verlage bitteschön geschlossen zu unterstützen haben. Für ein knappes Wahlergebnis stand er nicht zur Verfügung, was riskant war, denn bisher galt die Geschlossenheit der Verleger nämlich eher unter denen aus dem Norden gegen die im Süden (und vice versa) oder der Kleinen gegen die Großen (und umgekehrt), im Zweifel aber immer die aller gemeinsam gegen Springer.

Es spricht für Heinens diplomatisches Geschick, dass es ihm gelungen ist, kurz vor Torschluss im Alleingang doch noch einen Nachfolger für sich zu finden, und zwar nicht irgendeinen, ihn zu überzeugen und obendrein gegen alle Vorbehalte durchzuboxen.

Wie halsstarrig Heinen bei Verhandlungen sein kann, erzählte der Vorsitzende der SPD-Medienkommission, Marc Jan Eumann, der bei dem Abschiedsempfang das meiste Pathos verströmte, aber eben auch die oben angedeutete Anekdote vom misslungenen Autoverkauf in Usbekistan kannte. Was nämlich kaum jemand ahnt, der Heinen nur oberflächlich kennt: Der Mann liebt Abenteuerurlaube, gern weit weg und in Länder, die nicht jedem auf Anhieb als Ferienziele einfielen.

Heinen beschloss damals, mit einem alten Ford Transit nach Usbekistan zu reisen. Nachdem er es gerade so geschafft hatte, das Ziel zu erreichen, beschloss er, die Karre zu verkaufen. Doch ihm gelang nicht, den von ihm erwarteten Preis zu erzielen. Was also machte der knauserige Verleger? Lieber nahm er es auf sich, mit dem Ding den ganzen langen Weg zurück nach Köln zu holpern. Unprätentiös und bescheiden. So wurde Heinen zu seinem Abschied beschrieben. Es gibt nicht viele, die ihren Reichtum derart zu verbergen wissen wie dieser treue Nutzer der Kölner Verkehrsvertriebe.

Sechzehn Jahre, oder wie BDZV-Geschäftsführer Dietmar Wolff ausgerechnet hat: 35 Tage länger als Helmut Kohls Kanzlerschaft gedauert hat, war Heinen Präsident des Zeitungsverlegerverbands. Jetzt, da er abgetreten ist, würden einige darauf wetten, dass es dem BDZV bald ähnlich ergeht wie dem Verband nordamerikanischer Zeitungsverleger. Er hat dieser Tage das Wörtchen „paper“ in seinem Namen gestrichen, nennt sich nun News Media Alliance und hofft, auf diese Weise den Mitgliederschwund zu stoppen.

Was Döpfner als neuer BDZV-Präsident tatsächlich plant, behält er bisweilen für sich. Umso größer ist die Erwartung, was er bei der Eröffnung des Kongresses am 26. September sagen wird. Bei ein paar gut gemeinten Gemeinplätzen wird er es sicherlich nicht belassen. Vielmehr ist von einer programmatischen Grundsatzrede auszugehen. Bis dahin kann sich jeder selbst einen Reim darauf machen, was der Springer-Chef meinte, als er nach seiner Wahl Anfang Juli in einer E-Mail schrieb: „Unser Anspruch sollte sein, alle Unternehmen zu vertreten, die Journalismus verlegen, auch wenn sie dies vor allem oder ausschließlich digital tun und heute noch nicht Mitglied sind.“

Gelungen war Döpfners Premiere als Präsident des BD(Z)V mit Blick auf den am Abend nach Heinens Verabschiedung verliehenen Theodor-Wolff-Preises. Der Verband hat die Feier deutlich aufgewertet. Das muss man den Organisatoren lassen.

Neuerungen gab es gleich mehrere. So wird die Verleihung künftig immer in Berlin ausgerichtet anstatt mit ihr durchs Land zu tingeln, je nachdem, welches Zeitungshaus, das aber auch Mitglied des Verbands sein sollte, gerade bereit ist, die Veranstaltung zu bezahlen. Zudem werden die Gewinner nicht bereits Monate im Voraus bekanntgegeben. Stattdessen gibt es pro Kategorie drei Nominierte, aus denen die Jury am Nachmittag vor der Verleihung die jeweiligen Sieger kürt. Geheimhaltung erhöht die Spannung immer. Und: Der Verband nimmt tatsächlich mehr Geld in die Hand, was nicht mehr als recht ist, geht es doch um das, was die Verlage über ihren medienpolitischen und wirtschaftlichen Lobbyinteressen nicht vergessen sollten: die journalistischen Leistungen ihrer Mitarbeiter, deretwegen es sie überhaupt gibt.

Kurzum: Der Theodor-Wolff-Preis hat an Prominenz gewonnen und kann sich fortan mit dem meist ja doch vor allem an Magazinbeiträge gehenden Nannen-Preis messen. (Henri-Nannen-Preis darf man ja nicht mehr sagen und schon gar nicht schreiben, wie mich die Pressestelle von Gruner + Jahr aufgeklärt hat).

Bevor sich #DieMedienkolumne in eine zweiwöchige Pause verabschiedet, hier die Links zu den Gewinnerbeiträgen des Theodor-Wolff-Preises:

-         Kategorie Lokales: Karsten Krogmann und Marco Seng, „Nordwest-Zeitung“ für ihren Beitrag über den Krankenpfleger, der über Jahre bis zu 200 Patienten ermordete.

-         Kategorie Meinung: Heinrich Wefing, „Die Zeit“, für sein Plädoyer für einen starken Staat.

-         Kategorie Reportage: Tobias Haberl, „SZ-Magazin“, für sein Langzeit-Porträt des NPD-Europa-Abgeordneten Udo Voigt.

-         Kategorie „Thema des Jahres“: Nicole Bastian und Jens Münchrat, stellvertretend für alle Macher der „Handelsblatt“-Sonderausgabe „Wer seid ihr?“ über Flüchtlinge.

Ich für meinen Teil werde nun wieder testen, wo es im Ausland welche deutschsprachigen Zeitungen auf Papier gibt und melde mich am 29. September an gewohnter Stelle zurück.