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Die ARD vs. Das Erste

Über echte und unechte Reformpapiere und die Frage, warum aus der gemeinsamen Mediathek nichts wird. Von Ulrike Simon

Irgendeinen Seehofer werden sie bei „Bild“ schon gefunden haben, der sich jenen angeblich „geheimen Plan“ ausgedacht hat, aus neun ARD-Anstalten vier zu machen: je eine für den Norden, den Osten, den Süden und den Westen. So stand es vor ein paar Tagen bei „Bild“ auf der Titelseite.

Der Morgenkaffee war noch nicht ausgetrunken, als zwar schon etliche Medien die sensationell anmutende News übernommen, die ARD und bald auch die Politik sie allerdings auch schon wieder dementiert hatten. „Blanker Unsinn“, lautete der Kommentar des ARD-Sprechers Steffen Grimberg. Heike Raab sekundierte: „Weder von Seiten der Länder noch von Seiten der ARD werde die Zahl der neun Anstalten der ARD in Frage gestellt“. Die Mainzer Staatssekretärin muss es wissen, sie koordiniert die Medienpolitik der Länder. Zumindest jene, die sich in der Sache auskennen, wissen, dass gegen einen derartigen Fusionsplan das hierzulande hochgehaltene Föderalismusprinzip spricht und ganz nebenbei der einstimmige Beschluss der Ministerpräsidenten erforderlich wäre.

Freilich knallt ein schlichtes „Aus-neun-mach-vier“ besser als der ernsthafte Versuch zu analysieren, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk Geld sparen könnte ohne die regionale Identität und programmliche Vielfalt aufs Spiel zu setzen. Tatsächlich wird es mit ein bisschen Streichen hier und Kürzen da nicht getan sein, wenn ARD, ZDF und Deutschlandradio unterm Strich pro Beitragsperiode (vier Jahre) 2,8 Milliarden Euro einsparen sollen. Die Summe wurde mir von mehreren Seiten bestätigt.

Wie die Intendanten dieses Ziel erreichen wollen, sollen sie der Politik im September 2017 darlegen. Bis dahin muss das Reformprogramm stehen. In diesem und nicht im Zusammenhang mit irgendeiner geplanten Vierteilung der ARD sagte die Vorsitzende Karola Wille jene von „Bild“ zitierten Sätze: „Wir stehen vor einem tief greifenden Reformprozess. Wir müssen sehen, wie der ARD-Verbund weiter zusammenwachsen kann“. Konkret bezog sie sich auf die Produktion, Verwaltung, Technik und Programmerstellung.

Gesagt hat sie das im Pressegespräch nach der jüngsten Intendantentagung in München. Dort sprach Wille außerdem von einer „Projektstruktur“, die die Intendanten „aufgesetzt“ hätten. Sie würde nun Punkt für Punkt darauf überprüft, was in welchem Zeitraum umzusetzen ist und welche Ersparnis es bringt. Gesteuert wird das Ganze vom fusionserfahrenen RBB-Justiziar Reinhart Binder.

Beim Stichwort „Projektstruktur“ erinnerte ich mich an diese Liste, die ich kürzlich zugespielt bekam. Wer sie durchgeht, erkennt: ein knalliger „Bild“-Aufmacher lässt sich daraus nicht dichten. Dafür ist sie echt.

ARD Projektstruktur_foto

Unter dem Punkt „Vorschläge der KEF“ zum Beispiel verbirgt sich jene Harmonisierung der in der ARD eingesetzten technologischen Systeme, über die ich erstmals hier, und konkreter Ende September in den Zeitungen des RND geschrieben habe. Wie notwendig eine einheitliche Software wäre, zeigt sich an folgendem Beispiel:

Im Januar dieses Jahres kündigte Wille an, die Mediatheken der ARD zusammenzuführen. Ein paar Monate später sagte ARD-Programmchef Volker Herres (lustigerweise im Rotary-Magazin): „Wir haben ja die Mediathek des Ersten und eine ARD-Mediathek, die dritten Programme haben jeweils eine Mediathek, und sogar die Spartenkanäle haben eigene. Wir denken über eine Bündelung nach und über eine personalisierte Nutzung, sodass sich der einzelne Zuschauer mit seinen individuellen Interessen anmelden kann. Wer etwa oft Krimis online abruft, erhält dann gezielte Hinweise auf ähnliche Filme. Wer sich vorwiegend für politische Sendungen interessiert, bekommt weitere politische Sendungen empfohlen.“

Das ZDF hat das inzwischen erfolgreich umgesetzt. Und die ARD? Die immer noch aktuelle Antwort lautet: Das Thema werde „derzeit innerhalb der ARD in einem laufenden Entwicklungsprozess erörtert. Den Ergebnissen kann nicht vorgegriffen werden“. Auf meine Nachfrage, ob nach elf Monaten der Erörterung wenigstens irgendein Ergebnis herausgekommen sei, erhielt ich keine Antwort mehr. Dafür erfuhr ich hinter vorgehaltener Hand:

  1. Weiterhin strittig sei die Frage, welche Marke wichtiger sei: die der ARD oder die des Gemeinschaftsprogramms Das Erste. Solange steht der Name der Mediathek nicht fest
  2. Schuld sei zudem der Wirrwarr an Zuständigkeiten. Für die Digitalstrategie der ARD ist Jan Metzger zuständig, der Intendant von Radio Bremen. Heidi Schmidt vom Südwestrundfunk koordiniert ARD online. Schließlich ist da noch der in digitalen Entwicklungsfragen ambitionierte Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der in gut einem Jahr ARD-Vorsitzender werden soll. Frisch in seine Obhut genommen hat er die Entwicklung der für Mitte 2017 angekündigten ARD-Audio-App. Sie bündelt in kuratierter Form das wortbasierte Programm aller ARD-Wellen mitsamt denen des Deutschlandradios. Da erschiene es sinnvoll, auch die ARD-Mediathek in München zu entwickeln. In München wiederum sitzt die Programmdirektion fürs Erste, siehe Punkt 1.
  3. Das größte Hindernis seien die unterschiedlichen technologischen Standards in den ARD-Anstalten. Solange das nicht überwunden ist, geht gar nichts voran.

Neulich fragte ich einen, der die ARD aus dem Effeff kennt, wann er glaubt, dass die gemeinsame Mediathek kommen wird. Seine Antwort machte mir keine Hoffnung. Er meinte: „Sie und ich werden das nicht mehr erleben“.