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Die FAZ, Jürgen Kaube und die Frauen

Wieder beordert die FAZ eine Redakteurin in die Zentrale, diesmal Johanna Adorján von der FAS in Berlin. Will Herausgeber Jürgen Kaube tatsächlich Redakteurinnen ohne Doktortitel loswerden? Von Ulrike Simon.

Die Nachricht an sich ist schnell erzählt: Johanna Adorján, Redakteurin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ in Berlin, hat von FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube die Anweisung erhalten, zum 1. August nach Frankfurt zu kommen. Dort soll sie künftig Redaktionsdienste schieben.

Das Recht dazu gibt ihm die Regelung, wonach alle Berliner Redakteure, so auch Adorján, einen sogenannten Entsendungsvertrag haben, der nach fünf Jahren endet, üblicherweise aber verlängert wird. Adorján, Autorin von Büchern wie „Geteiltes Vergnügen“ (Hanser-Verlag) und 2014 von der Gesellschaft für deutsche Sprache mit dem Medienpreises für Sprachkultur ausgezeichnet, ist eine jener FAS-Namen, die das Profil der Sonntagszeitung prägen. Eine, die man liest, egal, worüber sie schreibt. Ihr Themenspektrum ist breit gefächert. Lesern der FAS ist sie seit 2001 vertraut, also seit Gründung der Sonntagszeitung.

Als ich das hörte, erinnerte ich mich an einen Artikel, den ich vor gut drei Jahren schrieb. Damals ging es um Bettina Schulz, viele Jahre Wirtschaftskorrespondentin der FAZ in London. Ungeachtet ihrer Lebensumstände als Mutter schulpflichtiger Kinder, die seit Anfang der Neunzigerjahre in der britischen Finanzmetropole lebt, bekam auch sie damals die Order, in der Frankfurter Zentrale zu arbeiten. Vorausgegangen war ein Streit mit FAZ-Herausgeber Holger Steltzner über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Sie war dafür, er dagegen.

Ich erinnerte mich auch deshalb so gut an die Geschichte, weil Karlsruhe vor ein paar Tagen das Urteil fällte zu Mario Draghis Spruch „Whatever it takes“ über den notfalls unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen – der nie erfolgte. Die Auseinandersetzung zwischen Schulz und der FAZ endete übrigens damit, dass sich die Korrespondentin und die Zeitung trennten. Schulz lebt weiterhin in London und schreibt nun, unter finanziellen Einbußen, frei für die „Zeit“, „Zeit online“ oder auch „Brand Eins“.

Wird es bei der FAZ womöglich Methode, Entsendungsverträge zu nutzen, um Redakteure loszuwerden? Und falls ja: Was treibt Kaube dazu, ausgerechnet Adorján loswerden zu wollen? Mit beiden habe ich versucht zu sprechen. Sie war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er ließ ausrichten, dass er sich dazu nicht äußern wolle.

Wie es so ist, wenn man einmal anfängt zu graben, trat Weiteres zutage. Demnach fühlen sich bei der FAS vor allem die Redakteurinnen von Kaube gegängelt. Offen reden will darüber keine, was nicht wundert, es geht um ihre Existenz. Aber das ist nicht alles. Und jetzt wird es richtig schräg: Angeblich sei Kaubes Plan, von den Frauen im Feuilleton, wenn schon nicht alle, dann doch zumindest jene ohne Doktortitel abzusägen. Er selbst trägt übrigens keinen. Zugegeben, die Geschichte klingt irre, aber ich wurde mehrfach gebeten, sie nicht als Scherz aufzufassen, und sie kam aus berufenem Munde, weshalb ich sie hier aufschreibe. Kaube sagt übrigens auch dazu – siehe oben – nichts.

Ein Fall für Pro Quote? Erst neulich veröffentlichte der Verein, der sich für mehr Frauen an der Spitze von Redaktionen einsetzt, ein Video, in dem Gerhard Delling ein in Wahrheit gar nicht so satirisch gemeintes Rennen von Spielzeugautos um die höchste Frauenquote kommentiert. Das Auto der FAZ kommt als einziges nicht einmal über die Startlinie. Wenn es so weitergeht, werden die Frankfurter ewig der Männerbetrieb bleiben, der sie immer schon waren. Aber woran liegt das?

Damals war die FAS doch angetreten, um als die buntere, progressivere, unterhaltsamere Schwester auf die werktägliche Zeitung auszustrahlen. Das war zumindest die Hoffnung von Leuten wie dem vor zwei Jahren gestorbenen Kaube-Vorgänger Frank Schirrmacher. Das Feuilleton verstand sich als Autorenfeuilleton, in dem auch andere als die in der FAZ üblichen Schreibstile und Weltsichten möglich und gewollt waren. Nun scheint sich die Absicht ins Gegenteil gedreht zu haben. Die Sonntagszeitung passt sich der FAZ an.

Noch ein Indiz gefällig für meine Behauptung, die FAZ bzw. Kaube habe ein Problem mit Frauen? Voilà: Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass sich die Autorinnen des Blogs „10 vor 8“ von faz.net verabschiedet haben. „Wir waren das ungeliebte Kind“, sagt eine der Initiatorinnen, Heike-Melba Fendel, im Hauptjob Chefin der Agentur Barbarella. Die Ablehnung, sagt sie, sei schon daran erkennbar gewesen, wie versteckt „10 vor 8“ unter dem Dach des Feuilletons auf der Seite untergebracht war. Irgendwann hatte es das Netzwerk aus Autorinnen satt: „Die haben uns richtiggehend rausgeekelt“.

Inzwischen erscheint „10 vor 8“, leicht umbenannt in „10 nach 8“, bei „Zeit online“. Dort hat man sie mit offenen Armen empfangen. Die Zugriffszahlen haben sich dem Vernehmen nach verzehnfacht, die Beiträge gehören regelmäßig zu den meistgelesenen. Chefredakteur Jochen Wegner sagt, „10 nach 8“ sei „eine große Bereicherung unseres stark durch gesellschaftliche Debatten geprägten Feuilletons“. Auch „der originelle Blick auf popkulturelle Phänomene tut uns sehr gut. Das Netzwerk der elf Frauen mit weit über hundert Autorinnen erfreut und erstaunt uns immer wieder.“

Wie gesagt: die FAZ wollte das nicht.