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Die Geschichte der Familie Schlesinger

Gerhard Spörl war 25 Jahre beim „Spiegel“. Seine Frau ist Intendantin des RBB. Jetzt hat er ein Buch über ihre Großeltern geschrieben. Stefan Aust hat es am Mittwoch vorgestellt. Von Ulrike Simon

Von der ehemaligen RBB-Intendantin Dagmar Reim, seit Dienstag Trägerin des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse, weiß man privat wenig mehr, als dass sie viel joggt, gern reist und noch lieber liest, Mutter zweier Söhne ist und mit Rudolf Großkopff einen Mann hat, der nicht gerade das ist, was man gemeinhin redselig nennt. Bei ihrer Nachfolgerin ist das neuerdings anders. Gerhard Spörl, fast auf den Tag genau seit 17 Jahre mit Patricia Schlesinger verheiratet, hat ein Buch über die Familiengeschichte seiner Frau geschrieben. 333 Seiten hat die bei Rowohlt erschienene Saga „Es muss noch etwas anderes geben als Angst und Sorge und Herrn Hitler“. Darin erzählt er die Liebesgeschichte von Artur und Grete Schlesinger. So hießen väterlicherseits die Großeltern der heutigen RBB-Intendantin.

Zugegeben, mein Wissen über Artur Schlesinger hatte sich bisher auf Wikipedia-Niveau bewegt. Ich wusste, dass er in der DDR das war, was man ein hohes Tier nennt, dass er zeitweise Gesundheitsminister in Sachsen war und schließlich stellvertretender Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer in Ost-Berlin. Da Patricia Schlesinger es mir einmal erzählt hat, wusste ich außerdem, dass sich in ihrer Familie jüdische, katholische und protestantische Wurzeln finden, sie die Tochter eines Republikflüchtlings ist und als Kind häufig von Hannover, wo sie aufwuchs, zu ihren Großeltern nach Berlin und Görlitz fuhr. Woraus ihr inneres Fundament besteht, ahne ich erst seit der Lektüre von Spörls Buch.

Am Mittwochabend stellte es Stefan Aust im Literaturhaus in Berlin vor. Die Atmosphäre war geradezu familiär. Vorne saß Spörl, befragt von seinem früheren Chef beim „Spiegel“, heute Herausgeber der „Welt“-Gruppe. In der ersten Reihe: Patricia Schlesinger, wenige Meter dahinter ihre Mutter, der sie wie aus dem Gesicht geschnitten zu sein scheint, und ihr Vater Peter, Artur Schlesingers Sohn und besagter Republikflüchtling. Ebenfalls im Publikum: Kuno Haberbusch vom NDR, mit dem Patricia Schlesinger einst liiert war, der frühere ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann, der ehemalige NDR-Intendant Jobst Plog und der Autor Stephan Lamby, der mit Schlesinger zu NDR-Zeiten schon bei vielen seiner Filme zusammengearbeitet hat – und dies weiterhin tut.

Worum es in dem Buch geht? Kurz zusammengefasst: Die Fabrikantentochter Grete aus Görlitz heiratet gegen den Widerstand insbesondere ihres Vaters am geschichtsträchtigen 9. November des Jahres 1932 ihre große Liebe Artur. Die beiden gehen das ein, was bald darauf eine privilegierte Mischehe genannt wird. Artur ist Jude, daran ändert in Nazi-Deutschland auch nichts, dass er vor Jahren zum Protestantismus übergetreten ist. Die beiden führen eine vorbildliche Ehe, in der sie es schaffen, allen Widrigkeiten zu trotzen. Sie finden immer eine Lücke im System. Dadurch gelingt ihnen, in ihrer Heimatstadt Görlitz zu bleiben, Geld zu verdienen, zwei Söhne zu bekommen, ein Haus zu bauen und einander verbunden zu bleiben. Nach dem Krieg macht Artur Karriere. Niemand hat ihn je gefragt, ob er Jude sein will oder überhaupt gläubig ist: weder die Nazis noch die Russen noch die DDR. Erst wird er bedroht, benachteiligt, ausgegrenzt, weil er Jude ist, dann genießt er aus demselben Grund Vorteile und Privilegien. Grete und Artur lassen sich nicht beirren. Sie führen ihr Leben mit Zuversicht, ganz gleich, was in der Welt draußen vor sich geht.

Cover_Spörl

In dem Buch sind Fotos der Familie dokumentiert. Auf einigen ist die kleine Patricia Schlesinger zu sehen. Immer wieder kommt die Enkelin zu Wort. In acht der insgesamt 32 Kapitel schildert sie ihre Sicht der Dinge. Felsenfest war ich überzeugt, diese Passagen stammten von Patricia Schlesinger selbst, doch damit ging ich Spörl auf den Leim. Spörl hat sich in die Gedankenwelt seiner Protagonisten hineinversetzt. Die Dialoge sind nachempfunden. In Patricia Schlesingers Fall versetzte er sich in sie, als sie Mitte 20 war und wegen einer geplanten Reise nach Israel zum ersten Mal von ihren jüdischen Wurzeln erfährt.

Spörls schriftstellerisches, geradezu dichterisches Talent sei ihm beim „Spiegel“ entgangen, sagte Aust. Spörl war politischer Journalist. Außer seiner Frau und seinem Schwiegervater hatte er bei der Recherche diesmal keine Kronzeugen. Ein paar Dokumente und Belege gab es. Mehr nicht. Also versuchte sich Spörl an einer, wie er es nennt, „merkwürdigen Mischung aus Roman und Historie“. Manches stimmt, manches ist fiktiv. Nur eine Regel befolgte er: Alles muss plausibel sein.

Ob und wer dieses Buch eines Tages verfilmen wird? Dass es zum Film taugt, spürt man, wenn schon beim Lesen die Bilder vor dem geistigen Auge zu laufen beginnen. Schlesinger macht keinen Hehl daraus, dass sie der Vorstellung nicht abgeneigt wäre, würde sich daran jemand versuchen wollen. So viel sei aber gewiss: Eine RBB-Produktion, versicherte sie mir, würde es nicht.