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Dunkle Materie

Physik war schon in der Schule nicht mein Ding. Dennoch zog mich jetzt ein Artikel aus „Nature“ in den Bann. Offensichtlich teilen Wissenschaft und Medien ein ähnliches Leid. Von Ulrike Simon

Wieso mir dieser Artikel in die Hände gefallen ist, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass mein Interesse von Zeile zu Zeile gewachsen ist. Zwar verstand ich nicht, was Gammaphotonen sind, was bei einer Annihilation passiert und worum genau es bei der „astrophysikalischen Suche nach den Teilchen der Dunklen Materie“ geht. Ich verstand aber: Die Wissenschaft fürchtet um ihre Glaubwürdigkeit, ähnlich wie die Medien. Auch die Ursachen sind ganz ähnlich.

In dem Artikel steht zum Beispiel: „Der verstärkte Einsatz von frei zugänglichen Datensätzen erhöht das Risiko, dass Forscher nahe der Empfindlichkeitsgrenze eines Instruments vermeintliche Signale nachweisen.“ Zwar würden die Daten teils unabhängig von mehreren Wissenschaftlern durchsucht. „Doch gestaltet sich die Analyse ohne Insiderwissen von denen, die das Instrument gebaut und kalibriert haben, schwierig.“

Wie war das noch einmal mit den dank Internet überall verfügbaren, vermeintlichen Informationen?

Aber es geht noch weiter: Die Wissenschaftler würden zwar nicht mehr von einer „Entdeckung“, sondern von „Hinweis“ oder „Indiz“ sprechen: „Doch hat das wenig Einfluss darauf, wie mit den Ergebnissen umgegangen wird“.

Auf die Medien und Ihr Publikum angewandt heißt das nichts anderes, als dass lediglich Vermutetes von jetzt auf gleich gern mal behandelt wird, als sei es ganz gewiss so und nicht anders. Selbst dann, wenn sich hinterher herausstellt, dass die Vermutung falsch war.

Wieso das so ist? Was die Astrophysik angeht, glaubt der „Nature“-Autor, es habe damit zu tun, dass sie vor mehr als zwei Jahrzehnten damit begonnen hat, „freien Zugang zu Daten und Veröffentlichungen zu gewähren“. Nun müsse die Wissenschaftsgemeinde „die Fehlentwicklungen ins Visier nehmen, die sich im Lauf der Zeit eingeschlichen haben – und sicherstellen, dass nüchternere Darstellungen von echten wissenschaftlichen Durchbrüchen nicht von gut klingenden Berichten über nur vermeintliche Entdeckungen überschattet werden“.

Wie bei uns also. Man denke nur daran, wie hierzulande aktuell debattiert wird – falls man überhaupt von Debattieren sprechen kann. Mögen die Seriösen unter den Journalisten auch noch so klar und nüchtern argumentieren, mag sich dieses und jenes Medium noch so sehr darum bemühen abzuwägen und bloße Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen: Die Schreihälse von der anderen Seite, die die Wahrheit gepachtet zu haben glauben, sind lauter.

Was rät der „Nature“-Artikel? Sich an „althergebrachte Standards“ zu halten, auch wenn sie ausgehöhlt worden seien, etwa durch den starken Wettbewerb oder wissenschaftliches Arbeiten ohne fachliche Begutachtung.

Und was noch?

  •  „Um wissenschaftliche Standards und das Ansehen der Forscher nicht weiter zu gefährden, sollte man sich künftig an bewährte Methoden halten.“
  • „Es muss ein Verfahren etabliert werden, in dem vorbildliche Vorgehensweisen belohnt werden.“
  • Es sollten „Strategien entwickelt werden, um die jeweilige Leistung angemessen zu würdigen“.

Und dann warnt der Artikel noch vor dem Wahn, sich von Zitate-Rankings scheu machen zu lassen. Über eine angeblich besonders sensationelle Entdeckung schreibt „Nature“:

„Wenig überraschend, dass das (…) zehnmal öfter zitiert wird als das abschließende Ergebnis. Dieses Missverhältnis lässt sich häufig beobachten. Es gilt Kennzahlen auszuarbeiten, welche die Zitathäufigkeit solcher vermeintlichen Entdeckungen nicht gleichwertig einbeziehen. Damit wäre es nicht mehr vorteilhafter, ein Resultat zu veröffentlichen und wieder zurückzuziehen, als eine belastbare Aussage zu machen.

Media-Tenor lässt grüßen, die „Exklusivitis“, wie ich sie gerne nenne, grassiert also nicht nur in Redaktionen, sondern auch in der Wissenschaft. Ich fragte den Gründer des Instituts, Roland Schatz, ob auch in sein regelmäßig veröffentlichtes Zitate-Ranking vermeintlich exklusive Meldungen einfließen, die sich hinterher als falsch herausstellen. Wäre Medien-Tenor überhaupt in der Lage, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen? „Können könnten wir es“, behauptet Schatz, aber darum gehe es ja nicht. Worum dann? Um die Fragestellung: „Wer gewinnt mit welchen Themen Sichtbarkeit?“

Damit bestätigt Schatz, was „Nature“ für die Wissenschaft beklagt: Hauptsache laut. Seriosität? Wurscht!

So will es Schatz natürlich nicht stehen lassen: Wer beständig falsch liege, falsch zitiere oder Meldungen klaue, ohne die tatsächliche Quelle zu nennen, müsse damit rechnen, von ihm, Schatz (bzw. seinem Institut) ins Gebet genommen zu werden. „In Extremfällen“ würde dann auch darüber berichtet.

Unter „ferner liefen“ wahrscheinlich.