English
Menü

Duzen oder Siezen? Helmut Markwort und die hohe Kunst der Selbstbeschädigung

Während es der „Focus“-Gründer nicht lassen kann, gegen den „Spiegel“ zu schießen, steht jetzt fest, wer aus der Redaktion seines Magazins nicht mit nach Berlin umzieht. Von Ulrike Simon

Manchmal hat Giovanni di Lorenzo ja Recht. Zum Beispiel, als der „Zeit“-Chef am Dienstag vor den Zeitschriftenverlegern in Berlin von der „hohen Kunst der Selbstbeschädigung“ sprach und damit die eigene Branche meinte. Ich musste sofort an Helmut Markwort denken.

Es war in meinem Urlaub, und der Schock hätte mir gereicht, dass ich mich nie wieder sonnabends auf Nico Frieds „Spreebogen“ freuen darf und ich seine Abschiedskolumne in einer, wie so oft im Ausland, auf BamS-Format geschrumpften „Süddeutschen“ lesen musste.

Aber dann war da noch die Sache mit dem DFB und dem „Spiegel“, die mich immer wieder zum Handy greifen ließ, um zu lesen, was es Neues gibt. Ich staunte über die Beschuldigten, deren Verhalten noch in vielen Seminaren zum Thema Krisenkommunikation als mahnendes Beispiel dienen dürfte, wie man es nicht macht. Auch über den selbsternannten „Intensivrechercheur“ Alfred Draxler und die dann irgendwie doch intensiver recherchierenden Reporter, die bei „Bild“ zu anderen Ergebnissen kamen. Den Vogel abgeschossen hat Markwort.

Dem „Spiegel“ ausgerechnet in einem Medium wie „Focus Online“ den Vorwurf des „journalistischen Offenbarungseids“ um die Ohren zu hauen, zeugt von Chuzpe. Es ist ja kein Geheimnis, dass es „Focus Online“ wie kein zweites Portal schafft, negativ auf das Image der Marke auszustrahlen. Derart massiv wie Markworts Vorwurf war, durfte sich niemand wundern, dass Klaus Brinkbäumer ihn nicht auf sich und dem „Spiegel“ sitzen ließ. Ihm genügten wenige Zeilen. Leute wie Draxler und Markwort bezeichnete er in einem Kommentar als das, was sie nicht nur in seinen Augen sind: als Teil einer Clique aus Fans und Handlangern.

Dabei hätte man es bewenden lassen können. Aber das 1:1 weckte den Ehrgeiz des Temperamentsbolzens Markwort. Wieder gab er ein Interview. Wieder erschien es bei „Focus Online“. Dass er darin Brinkbäumers Kommentar als „unverschämte Flegelei“ bezeichnete: geschenkt. Aber warum musste er die „Spiegel“-Recherche in die Nähe der gefälschten Hitler-Tagebücher rücken? Und das in Zeiten, in denen sich seriöse Medien dem Vorwurf mangelnder Glaubwürdigkeit ausgesetzt sehen und sie als „Lügenpresse“ verunglimpft werden?

Markwort übte sich allerdings nicht allein in der hohen Kunst der Selbstbeschädigung, die, wie di Lorenzo sagte, nirgendwo so gut beherrscht würde wie in den Medien. Nachdem der „Spiegel“ von sich aus eingeräumt hatte, in der Auftaktgeschichte über den DFB die auf einem Dokument hingekrakelte Abkürzung „H.L.D.“ (für „Herr Louis Dreyfus) versehentlich zunächst als „R.L.D“ (für „Robert Louis-Dreyfus“)  entziffert zu haben (was nicht wirklich einen Unterschied macht), twitterte „Bild“-Chef Kai Diekmann:  „... das gab‘s doch schon einmal! Hitlers Tagebücher – nix AH, sondern FH“.

Eher lustig fand ich übrigens Markworts Argumentation, woran sein Status als unabhängiger Journalist zu erkennen sei: Er duzt sich nicht. Er wiederholte das, ganz so, als sei sein Siezen der ultimative Beweis für Unabhängigkeit und Distanz.

Ich für meinen Teil duze mich mit vielen. Mit Julia und Philipp, Kai und Marion, Klaus und Claus, Giovanni und Dominik, und, ja, sogar mit Uli. Bisher konnte sich keine und keiner von ihnen beschweren, ich hätte sie oder ihn in der Vergangenheit mit Samthandschuhen angefasst.

Unabhängigkeit ist keine Frage der Anrede. Sondern der Haltung.

Zurück zum DFB. Es ist ja nicht so, dass „Focus“ die Geschichte mit den 6,7 Millionen Euro nicht auch gerne gehabt hätte. Trotzdem hat sich das von Markwort gegründete und nie wieder losgelassene Magazin „Focus“ mit eigenen Recherchen zurückgehalten. Es gab eine Karikatur, zweieinhalb Fragen an Bundestrainer Löw und eine an den BKA-Chef Münch, die nun beide wirklich nichts zur Aufklärung beizutragen haben. Das war’s.

Wahrscheinlich ist „Focus“-Chef Ulrich Reitz in diesen Tagen sowieso mehr mit Personalfragen beschäftigt als ihm lieb ist. Inzwischen steht zumindest fest, wer von denen, die Änderungskündigungen bekommen haben, im Mai nicht mit an den Berliner Redaktionsstandort umziehen wird: Es trifft vor allem Sekretärinnen, die Dokumentation und die Grafik. Von den schreibenden Redakteuren verlassen „Focus“: Gregor Dolak mitsamt Ressortleiter Alexandros Stefanidis (Reportage), Regina Albers inklusive Ressortleiter Frank Fleschner (Forschung) sowie Noelani Waldenmaier aus dem Ressort Report.