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Eine „Spiegel“-Posse

Warum die Berliner Mitarbeiter des Magazins nach dem Umzug mit ein wenig Glück den Kinderkanal und Teleshoppingsender, aber weder Phoenix noch Parlamentsfernsehen empfangen können. Von Ulrike Simon

Manchmal erfährt man in einem Gespräch beiläufig Dinge, von denen man sich im Traum nicht hätte vorstellen können, dass sie stimmen. Mir ging es so, als ich vor ein paar Tagen erzählt bekam, im Hauptstadtbüro des „Spiegels“ sei kein Fernsehempfang möglich. Bei der Planung sei das einfach übersehen worden. Ich fragte also nach und fand heraus: Die Geschichte stimmt tatsächlich. Gab es vor dem Umzug des Berliner „Spiegel“-Büros vom Pariser Platz in die Nähe des Hauptbahnhofs bloß die Befürchtung, die Gegend sei ein „Nichts von spätkapitalistischer Tristesse“, wie Redakteur Georg Diez 2014 im „Spiegel“ schrieb, stellt sich jetzt heraus: Das neue Berliner „Spiegel“-Büro befindet sich im Tal der Ahnungslosen.

Im April hatte ich an dieser Stelle den Umzug angekündigt. Inzwischen sitzen die rund 90 Mitarbeiter von „Spiegel“, „Spiegel Online“ und „Spiegel TV“ seit Ende Juni als Untermieter des Beratungsunternehmens Pricewaterhouse Coopers am Alexanderufer 5. Der Umzug erspart dem Spiegel-Verlag jährliche Mietkosten in Höhe von rund einer Viertelmillion Euro, außerdem arbeiten wieder alle unter einem Dach, und keiner ist mehr den Unannehmlichkeiten ausgesetzt am repräsentativen, aber für Menschenansammlungen und Sperrungen aller Art sehr anfälligen Platz rund ums Brandenburger Tor. Stattdessen fahren nun direkt vor der Nase der Redakteure zum Greifen nah ICEs am Fenster vorbei.

(Vielleicht ja mal ein Anlass für René Pfister, Horst Seehofer einzuladen. Bekanntlich hat der heutige Chef des Berliner Büros die geliebte Modelleisenbahn des CSU-Politikers schon einmal derart eindrücklich beschrieben, dass er dafür 2011 den Nannen-Preis bekam, ihn aber gleich wieder zurückgeben musste, nachdem sich herausgestellt hatte, dass er nie in Seehofers Keller war. Ich schweife ab…)

Der Umzug der Berliner „Spiegel“-Mitarbeiter lief jedenfalls bereits auf Hochtouren, als plötzlich jemandem auffiel, dass das Gebäude, das immerhin die Zentrale von PwC Deutschland beherbergt, über keinen Kabelanschluss verfügt. Vorausschauende Planung sieht anders aus. Aber, kein Problem, die Lösung schien schnell gefunden zu sein. Die Alternative hieß digitales Antennenfernsehen, schließlich wollte in den frisch bezogenen Räumen keiner nachträglich irgendwelche Kabel neu verlegen oder gar Wände aufklopfen. Stattdessen wurden dreißig schicke, neue Flachbildfernseher gekauft. Die Lösung entpuppte sich als eine leider nur vermeintliche, denn nun tauchte ein neues Problem auf, und damit hatte nun wirklich keiner gerechnet.

Zwar verfügt das hochmoderne Gebäude nach Angaben des Erbauers über ein Heizkraftwerk auf Biogasbasis, ein Ventilationssystem, das Wärme wiedergewinnt, und sogar über einen Wärme-Kältespeicher; auch reagiert die Beleuchtung automatisch auf die Helligkeit des Tageslichtes, und jeder kann die Temperatur an den Arbeitsplätzen selbst regulieren. Dummerweise sind die dreifach verglasten Fenster aber metallbeschichtet, was den Empfang von digitalem Antennenfernsehen empfindlich stört und dazu führt, dass je nach Ausrichtung der Büros mal der KiKa ganz gut zu empfangen ist, mal Pro 7 oder auch der eine oder andere Homeshopping-Kanal. Die Sender, die der gemeine „Spiegel“-Redakteur beruflich braucht, leider nicht.

Natürlich könnten die Kollegen auf die Livestreams im Internet ausweichen, und tatsächlich funktionieren in dem Gebäude sowohl Telefon als auch Internet. Immerhin. Gerade für die Onliner, die oft genug zum Beispiel eine Bundestagsdebatte verfolgen und zeitgleich schreiben müssen, ist das keine wirklich gute Alternative.

Auf Anfrage beim „Spiegel“ bekam ich die Antwort, das Problem sei bekannt. Man arbeite mit dem Vermieter an einer Lösung. Welche das sein könnte, wisse man derzeit nicht.