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#FootballLeaks huldigt #PanamaPapers

Die jüngste „Spiegel“-Enthüllung weckt das eine oder andere Déjà-vu. Von Ulrike Simon

Am vorigen Freitag fiel mein Feierabend kurz aus. Um 21 Uhr saß ich schon wieder vor meiner Kiste. Seit dem frühen Morgen war ich gespannt auf das neue „Spiegel“-E-Paper. Selbst die eigenen Redakteure bekamen das neue Heft nicht wie sonst am Nachmittag, sondern erst um 21 Uhr an der Pforte. Auch das E-Paper wurde nicht vorher freigeschaltet.

Punkt 21 Uhr saß ich also vor meiner Kiste und begann zu lesen, was der „Spiegel“ über Ronaldo, Özil & Co. herausgefunden hat. Ich beeilte mich, schließlich wollte ich nicht verpassen, was das „heute journal“ am selben Abend dazu berichtet. Mich interessierte, wie der „Spiegel“ seine Rechercheergebnisse inszeniert. Dazu gehörte auf Fernsehseite das „heute journal“ am Freitagabend. Die Reportage zum Thema lief zwei Tage später bei „Spiegel TV“, wegen des RTL-Jahresrückblicks zu bereits nachtschlafener Zeit.

Mit der Lektüre der 21-seitigen Titelgeschichte war ich längst nicht durch, als bei Twitter die ersten Kommentare einliefen. Das sei ja alles ganz spannend, lautete einer, aber „wer redet heute noch über Panama? Ist sowas nachhaltig?“ Ein anderer setzte zum Crescendo in Großbuchstaben an: „So, Leute und Kollegen, das war‘s jetzt. KOMMT MIR NIE WIEDER MIT #SCOOP. #Spiegel.“

Es waren Journalisten, die das twitterten – zu einem Zeitpunkt, als sie die Titelstory noch gar nicht gelesen haben konnten. Ich fühlte mich an die Panama Papers erinnert. Da gab es ähnliche Mäkeleien. Wer von der Irrelevanz der Panama-Recherche überzeugt sein will, bleibt das, da kann die „Süddeutsche“ noch so oft und ausführlich die weltweiten Konsequenzen beschreiben. Zuletzt tat sie es an eben jenem Freitag voriger Woche.

Womöglich werden internationale, datenbasierte Recherchen wie die der „Süddeutschen“ in Kooperation mit dem ICIJ oder die des „Spiegels“ mit der EIC eines Tages als maßgeblicher Beitrag gewertet werden, dass die dort beschriebenen Schattenpraktiken der Vergangenheit angehören. Das allein für möglich zu halten, würde Langmut verlangen, den offensichtlich viele Journalisten nicht bereit sind aufzubringen. Ein noch dazu komplizierter Sachverhalt, der sich nicht unmittelbar hier und jetzt und für alle sichtbar im Alltag auswirkt, erntet leicht ein müdes: Pffh. War wohl nix.

Der Verdacht, da würde journalistische Arbeit über Wert verkauft, liegt auch an der opulenten Verpackung. Ohne die entsprechende Inszenierung ist es heutzutage anscheinend noch mühsamer, im medialen Grundrauschen mit einem noch dazu komplexen Sachverhalt öffentlich Gehör finden.

Bei den Leaks-Berichten fängt es gemeinhin damit an, dass die enthüllenden Medien erst einmal darauf hinweisen, dass soundsoviele Journalisten aus soundsovielen Ländern soundsoviele Fantastilliarden-Bytes an Material ausgewertet hätten. Zu den weiteren Mitteln der Vermarktung gehören ein eigenes Logo, eigens dafür gezeichnete Illustrationen, Bewegtbild für die sozialen Medien, mindestens eine große TV-Reportage, eine eigene Webseite, ein Hashtag – was man halt so braucht, um die über einen längeren Zeitraum gezogene Berichterstattung wie aus einem Guss erscheinen zu lassen.

Ein Kollege vom „Stern“ veranlasste das zum spöttischen Tweet: „Müssen wir jetzt beim #Nannenpreis eine eigene Kategorie für #Terabyte-Journalismus einführen?“ Ein Kollege vom Radio fragte, ob „die Qualität von Journalismus jetzt in Terabyte gemessen“ werde? Beides sicher nicht.

Datenjournalismus ist eine zusätzliche Spielart, eine neue aber nicht mehr. Die Irak-Papiere im Zuge der Wikileaks-Enthüllungen wurden vor sechs Jahren veröffentlicht. Die Afghanistan-Papiere oder die geheimen US-Depeschen liegen ebenfalls Jahre zurück. Ungewöhnlich ist, dass auch eine Zeitung wie die „Süddeutsche“ inzwischen mit derartigem Datenmaterial und internationalen Journalisten-Netzwerken umzugehen weiß. Was die Vermarktung angeht, ist der „Süddeutschen“ ein Meilenstein gelungen. Sie hat sie auf eine Weise perfektioniert, dass sie dem „Spiegel“ als Vorbild dient. Insofern ist Football Leaks durchaus eine Verneigung  der Hamburger Magazin- vor den Zeitungskollegen aus München.

Was bleibt, ist die Frage des FAZ-Digital-Chefredakteurs: „Wo kommt der Reflex her, knifflige Enthüllungen erst einmal kleinzureden?“ Lieber Mathias Müller von Blumencron, das frage ich mich schon lange. Ist es mangelnde Selbstachtung? Unvermögen? Neid? Um ehrlich zu sein: Ich weiß es auch nicht.