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Hochkonjunktur fürs E-Paper

Mag die Auflage gedruckter Zeitungen sinken, die ihrer digitalen Ausgaben steigt. Nach München zeigte sich wieder, warum. Aber weshalb beschränken Verlage den Zugriff auf ältere Ausgaben, und was läuft im Siegerland anders? Von Ulrike Simon

Um 0.02 Uhr in der Nacht zu Sonnabend saß Chefredakteur Wolfgang Krach an seinem Schreibtisch im Büro der „Süddeutschen Zeitung“ und verschickte an die Leser in München und Umgebung eine Mail. Gerade hatte er die Seiten der Sonnabendausgabe zum letzten Mal aktualisiert. Alles, was die Redaktion an dem Abend über die Ereignisse in München zusammentragen konnte, stand im Blatt. Dazu hatte er neben dem Titel die komplette Seite 2 freigeräumt, auch der Leitartikel auf Seite 4 beschäftigte sich mit dem Thema. Den Chefredakteur trieb nun um, „ob diese Zeitung Sie wirklich erreicht. Die Polizei hat Teile des Stadtgebiets abgesperrt, und wir können nicht sagen, ob die Lastwagen, die die SZ ausliefern, auch überall hinkommen.“

Außerhalb Münchens und Umgebung war es erst recht unwahrscheinlich, dass die Leser die aktuellste, also kurz vor Mitternacht fertiggestellte Ausgabe erhalten. Als die Fernausgabe in Druck ging, schien die Welt noch in Ordnung zu sein. Gut möglich also, dass SZ-Leser am Sonnabendmorgen eine „Süddeutsche“ vorfanden, in der die Schlagzeile lautete: „Die Welt schaut auf Hillary Clinton“.

Zum Vergleich die Titelseiten der „Süddeutschen“ und der „tz“ – links der jeweilige Andruck vor den Schüssen im Olympia-Einkaufszentrum, rechts die zuletzt aktualisierten Ausgaben:

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Wolfgang Krach tat also gut daran, in seiner mitternächtlichen Mail an die Leser den Link zur digitalen Ausgabe zu schicken, „in der Hoffnung, dass Sie Ihre gewohnte Lektüre finden“.

Wie gefragt das E-Paper inzwischen ist, belegen die jüngsten IVW-Zahlen. Demnach verkaufen die deutschen Zeitungen inzwischen täglich 910.000 E-Paper-Exemplare. Die Zahl wuchs innerhalb eines Jahres um rund ein Viertel.

Wer sich nun allerdings aufgefordert fühlt, die Lektüre der SZ vom vorigen Sonnabend nachzuholen, muss sich beeilen. Länger als sieben Tage stellt die „Süddeutsche“ ihr E-Paper nicht zur Verfügung. Für die FAZ gilt übrigens dasselbe. Warum ist das so?

Bei der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ etwa lassen sich die E-Paper bis zu drei Wochen nach Erscheinen abrufen. Und – um nicht nur Blätter zu nennen, die dem RedaktionsNetzwerk Deutschland angehören – bei der Funke-Gruppe verhält es sich ähnlich, jedenfalls bei den Zeitungen in NRW. Bei den von Springer übernommenen Titeln „Hamburger Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ beträgt die Vorhaltezeit dagegen wie bei SZ und FAZ nur sieben Tage. „Offenbar ist die Nachfrage nach einem länger zurückreichenden Archiv nicht groß“, sagt Funke-Sprecher Tobias Korenke und hat ein weiteres Argument parat: „Das Vorhalten eines deutlich größeren Archivs bedeutet Speicherung großer Datenmengen und kostet also Geld“. Mein Madsack-Kollege Kay Kutschkau bestätigt das.

Die Drei-Wochen-Frist gilt anscheinend für die meisten Zeitungen. Tatsächlich dauert ein Urlaub ja auch selten länger als drei Wochen am Stück. Wer also während der Ferien keine Lust zum Zeitunglesen hatte oder über kein ordentliches WLan verfügte und erst danach wieder auf sein E-Paper-Abo zurückgreift, kann die Ausgaben dann immer noch nachlesen und/oder herunterladen.

Die Sieben-Tage-Frist von „SZ“, „FAZ“, „Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“ erscheint mir allerdings sehr knapp bemessen zu sein. Woher kommt die Fixierung auf diese Zahl? Selbst bei den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender soll die politisch gewollte Sieben-Tage-Regel, nach der die meisten Sendungen „depubliziert“ werden müssen, abgeschafft werden.

Meine Nachfrage ergab: Sowohl die Verlage von FAZ als auch SZ verwerten das Archiv mit ihren digitalen Zeitungen anderweitig und verdienen damit zusätzliches Geld. Beim Süddeutschen Verlag läuft das über die Unternehmenstochter DIZ (Dokumentations- und Informationszentrum) München, deren Leistungen vorrangig von Firmen, Pressestellen und Hochschulen in Anspruch genommen werden. Auch die Sprecherin der FAZ erläuterte mir die umfangreichen Funktionen, die das kostenpflichtige Zeitungsarchiv hat. Es sei ein „wichtiger Bestandteil des Vermögens der Zeitung“ und trage damit „zum Erhalt der Qualität und der Unabhängigkeit der Zeitung bei, die sich als Wirtschaftsunternehmen aus ihren Erträgen finanzieren muss“. Schon klar, aber wie erklärt man dem E-Paper-Abonnenten, dass er Geld für etwas bezahlt hat, das er nach sieben Tagen nicht mehr nutzen kann?

„Ganz genau, so ist es“, sagt der technisch versierte Kollege, zu dem mich der Vertriebschef der „Siegener Zeitung“ vermittelt hat. Das Blatt mit seinen beschaulichen 51.201 verkauften Exemplaren, davon 2852 E-Paper, wurde in einer Debatte, die ich im Internet zu dem Thema verfolgte, nämlich als glorreiches Vorbild genannt. E-Paper-Abonnenten der „Siegener Zeitung“ können tatsächlich auf alle Ausgaben seit 2004 zurückgreifen, was dank dem dänischen Dienstleister Visiolink angeblich überhaupt kein Problem sei. Und was ist mit dem Speicherplatz? Och, sagt der Technikexperte aus dem Siegerland. Die drei Terabyte seien doch heutzutage kein Problem.