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Journalisten applaudieren nicht

Jedenfalls nicht bei Pressekonferenzen, Hintergrundgesprächen und Veranstaltungen vergleichbarer Art. Ein Weihnachtswunsch. Von Ulrike Simon

Es ist wieder passiert. Wieder war es bei Springer. Wie jedes Jahr lud der Verlag zum „Presse-Get-together“, um „einen Einblick in aktuelle Projekte und Entwicklungen unseres Unternehmens zu geben“. Ein Verlagsmanager nach dem anderen betrat die Bühne, jeder präsentierte, woran er gerade arbeitet. Und womit endeten die Auftritte? Mit Applaus.

Immerhin waren es nicht die eingeladenen Journalisten, die damit angefangen haben. Springer hatte genügend hauseigene Claquere im Saal. Leider aber scheint Applaus auf manche Kollegen derart ansteckend zu wirken, dass das Hirn aussetzt. Die klatschende Journalistin neben mir bemerkte meinen bösen Blick nicht einmal. Bei einer Presseveranstaltung denen Beifall schenken, über die man hinterher schreibt? Sie hielt das anscheinend für völlig normal.

Ich erinnere mich gut an das erste Mal, als mich dieses Gefühl von Fremdscham überkam. 1999 war das. Noch nie hatte der Hamburger Bauer-Verlag bis dahin eine Bilanz-Pressekonferenz veranstaltet. Das änderte sich, als Kohl-Berater Andreas „Fritzi“ Fritzenkötter aus der Politik an die Spitze der Bauer-Kommunikation wechselte. Entsprechend groß war der Andrang der Presse. Als der Moment kam, an dem die anwesenden Journalisten ihre Fragen stellen konnten, erhob sich einer von ihnen, strich sich formvollendet die Krawatte glatt, richtete ehrerbietig den Blick zu Heinz Bauer und dankte dem Verleger „im Namen von uns allen“. Wofür? Für sein leibhaftiges Erscheinen zu dieser ersten Bilanz-PK.

„Geht’s noch?“ hätte ich am liebsten laut vernehmlich in die Runde gerufen. Leider war ich damals 16 Jahre jünger und wohl noch nicht ganz so bissig, wie der Kollege vom „Altpapier“ vorige Woche schrieb. Fassungslos wartete ich, wie die anderen reagieren. Aber keiner sagte etwas. Immerhin: Es applaudierte auch keiner.

Auch 2000 klatschte keiner Beifall, obgleich Thomas Middelhoff alles dafür tat. Bertelsmann lud in jenem Jahr zur jährlichen Bilanz-Pressekonferenz nach Hannover, in dieses kartoffelförmigen Gebilde, das die Gütersloher eigens für die Expo hatten bauen lassen. „Planet M“ hieß es, und alle vermuteten, das M stehe nicht nur, wie von Bertelsmann behauptet, für „Menschen“ und „Medien“ – sondern für „Mohn“, höchstwahrscheinlich sogar für „Middelhoff“.

Die Pressekonferenz begann, der Saal verdunkelte sich. Aha, deshalb hatte es für die Journalisten zuvor Kulis gegeben, die beim Schreiben einen kleinen Lichtkegel aufs Papier werfen. Die Präsentation ließ keinen Zweifel: Wirtschaftlich stand Bertelsmann glänzend da. Gruner + Jahr hatte mit 726 Millionen Mark mal wieder den höchsten Gewinn aller Konzerntöchter erzielt. Dem nicht genug: Dank dem AOL-Verkauf waren für Akquisitionen locker zusätzlich 30 Milliarden Mark drin. „Wir sitzen auf einem Sack voll Geld“, war der am meisten zitierte Satz. Von Weltmarktführerschaft war viel die Rede. Ach ja.

Als das Licht wieder anging, betrat „Big T“ mit diesem „Wie-war-ich?“-Blick die Bühne. Erwartungsschwanger blickte der Vorstandschef auf die vor ihm versammelte Presse. Jeder spürte: Middelhoff hätte jetzt gerne Applaus. Doch kein Journalist, der etwas auf sich hält, wäre auf die Idee gekommen, ihm diesen Gefallen zu tun.

Inzwischen ist das Tabu gefallen. Sogar bei einer Pressekonferenz des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger wurde im November geklatscht. Beim ersten Mal drehte ich mich noch strafenden Blickes möglichst auffällig nach hinten um, wo ich die Quelle des Applauses vermutete. Beim zweiten Mal gab ich kopfschüttelnd auf.

Jetzt aber, so kurz vor Weihnachten, in dieser letzten Kolumne im zu Ende gehenden Jahr 2015, sei mir dieser eine Wunsch vergönnt: Liebe Journalisten, es gehört sich nicht, denen zu applaudieren, über die man schreibt. Danke.