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Die neue Bescheidenheit

Als das „Medium Magazin“ 2004 zum ersten Mal die „Journalisten des Jahres“ feierte, hatte die Wissensgesellschaft gerade die Spaßgesellschaft verdrängt. Jetzt ist der Spaß weg, das Wissen aber auch. Von Ulrike Simon

Journalisten des Jahres

Anja Reschke (Mitte), Journalistin des Jahres, weitere Preisträger // Bild: Wolfgang Borrs

Würde ich behaupten, Branchenfestivitäten lägen mir nicht, wäre ich schnell der Lüge überführt. Dafür bin ich zu oft mit von der Partie und bleibe vor allem viel zu lang. Von den jährlichen Preisverleihungen des „Medium Magazins“ habe ich zum Beispiel noch keine einzige verpasst – was nicht nur daran liegt, dass ich von Beginn an in der Jury sitze und einige Jahre Autorin der Zeitschrift war. Ich weiß also, wovon ich schreibe, wenn ich behaupte, dass in diesem Jahr eine besondere Atmosphäre von der Feier der „Journalisten des Jahres“ ausging.

Schon 2004 gab es das Problem, dass der offizielle Teil wegen der vielen Kategorien schlicht zu lange dauert. Im Grunde liegt das nicht einmal so sehr an der Zahl der Kategorien, sondern daran, dass sich manche Laudatoren und Preisträger so gerne reden hören. Lustigerweise vor allem jene, die vom Fernsehen kommen und denen die Sendelänge von 1:30 in Fleisch und Blut übergegangen sein müsste. Bekommen sie dann aber einmal ganze drei Minuten, wie vom „Medium Magazin“ vorgegeben, verlieren sie jegliches Zeitgefühl. Was wurde nicht schon alles versucht, um das zu ändern. Es hilft nix.

Irgendwann kam also auch diesmal der Zeitpunkt, ab dem ich einfach nicht mehr sitzen konnte. Während aber in früheren Jahren die Redner am Mikrofon immer größere Mühen hatten, gegen das Crescendo der wachsenden Anzahl von Nicht-mehr-sitzen-Könnern anzukämpfen, blieb es diesmal am Tresen hinten erstaunlich still. Okay, ein einziges Mal, ganz am Schluss, bekamen wir ein Pssst! zugezischelt. Aber da ging es auch schon um die Unterhaltungskategorie – und Gewinner Oliver Welke ist hart im Nehmen. Bis dahin aber ging es ungewöhnlich ernsthaft zu. Liegt es daran, dass vielen klar geworden ist: Es geht gerade wirklich um etwas? Und zwar um das große Ganze, die Existenzberechtigung von Journalismus, seine Legitimation, seinen grundlegenden Wert?

Es sei doch geradezu rührend, sich daran zu erinnern, dass sich Journalisten noch vor gar nicht langer Zeit darum stritten, wer das Kleid von Bettina Wulff bezahlt hat, sagte zum Beispiel der „Politikjournalist des Jahres“, Bernd Ulrich von der „Zeit“, bei seiner Dankesrede. Wie substanzieller seien die Themen jetzt!

Syrienkenner Christoph Reuter vom „Spiegel“, „Reporter (national) des Jahres“, erzählte vom Dilemma, immer mehr Tote aus seinem Adressbuch streichen zu müssen, aber andererseits auch nicht durch mehr und mehr Namen von Toten blättern zu wollen. Hans Leyendecker von der „Süddeutschen“, der für sein Lebenswerk geehrt wurde, sinnierte darüber, dass damit ja das berufliche Lebenswerk gemeint sei, obwohl doch weder der Beruf das Leben, und auch das Leben kein Werk sei. Und er zitierte die vor drei Wochen an dieser Stelle erschienene #DieMedienkolumne über die eitle Inschrift auf dem zu Lebzeiten aufgestellten Grabmal des früheren FAZ-Herausgebers Jürgen Jeske. Ob es so wichtig sei, einmal Herausgeber der FAZ, Mitglied dieser und Ehrenmitglied jener Einrichtung gewesen zu sein?

„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter komm‘ ick ohne ihr“, sagt der Berliner, und ganz unbescheiden ging es auch während dieser Feier nicht zu. Aber es sei doch bemerkenswert, wie sich die Sprüche gewandelt hätten, mit denen etwa der „Spiegel“ für sich wirbt, sagte der frühere „Geo“-Chef Peter-Matthias Gaede in seiner Laudatio auf Klaus Brinkbäumer als Chefredakteur des Jahres. Wollte der „Spiegel“ einmal das Magazin sein, „vor dem Politiker zittern“, und hatte er danach den Slogan gewählt „Keine Angst vor der Wahrheit“, heißt es jetzt, da die Redaktion wieder auf dem richtigen Kurs ist: „,Der Spiegel‘ hat die Wahrheit nicht für sich gepachtet. Aber er sucht danach.“

Ja, es geht um wirklich etwas. Um die Hilflosigkeit, für das beschimpft zu werden, was besonders herausragende Journalisten wie die an diesem Abend versammelten so auszeichnungswürdig macht. Es geht darum, dass noch nie so viel Wissen zur Verfügung stand wie heute und sich gleichzeitig noch nie so viel Unwissenheit artikuliert hat; darum, dass die Wut auf jene, die Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen, mit der Zahl der überprüften Informationen in Hass umschlägt.

Diese Ohnmacht war es, die an diesem Montagabend im Deutschen Historischen Museum spürbar war. Es ist ein Gefühl, das gute Journalisten mehr umtreibt als andere, dem sich aber gerade sie nicht beugen sollten.