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Ein Denkmal für den ehemaligen FAZ-Herausgeber Jürgen Jeske

Journalisten sind eitel, das ist nichts Neues. Darauf muss man aber erst einmal kommen: Eine Inschrift auf dem Frankfurter Hauptfriedhof verrät, wie Jürgen Jeske in Erinnerung bleiben will. Von Ulrike Simon

Der Kollege rief mich ganz aufgeregt an. Er werde mir gleich ein Foto von Jürgen Jeskes Grabstein schicken. Ich erschrak. Jeske? Tot? Es war doch gar nicht so lange her, dass ich mit dem 2002 pensionierten, bei der FAZ für die Wirtschaft zuständigen Herausgeber telefoniert hatte! Er klang ganz munter, war zugänglich, geradezu heiter. Nein, beruhigte mich der Kollege, Jeske lebe. Aber auf dem Frankfurter Hauptfriedhof habe er sich diesen Grabstein, oder, nun ja, dieses Denkmal errichten lassen. Zu Lebzeiten. Und ich möge doch mal die Inschrift lesen.

Denkmal

„Meine Träume – mein Leben“ steht da, dazu Jeskes Name und Geburtsjahr, daneben eine Lücke für das zu einem späteren Zeitpunkt nachzutragende Todesjahr. Darunter das:

Dipl.rer.pol. Journalist

Herausgeber i.R. der Frankfurter Allgemeinen

Mitglied der Ludwig-Erhard-Stiftung

9. Präsident und Ehrenmitglied der Frankfurter Gesellschaft

Ich kenne das vom Zentralfriedhof in Wien. Wie ich überhaupt ganz gerne Friedhöfe besichtige. Vor allem in Schottland, Wales, Irland. Diese seit Jahrhunderten vor sich hin verwitternden Grabsteine, verziert mit allerlei keltischen Symbolen! Wie anders dagegen diese kitschigen Kunststoffblumen auf San Michele in Venedig… Man lernt auf Friedhöfen viel über die Kultur eines Landes und seiner Menschen.

Und dann eben der Zentralfriedhof in Wien, über den Wolfgang Ambros singt, dort tanzten nachts die Juden mit den Arabern und die Pfarrer mit den Hur’n. Falco habe ich dort besucht, Hans Moser natürlich auch, und ich habe mich immer amüsiert, wie die in ihre Titel verliebten Wiener in Erinnerung bleiben möchten. Da liegt der Herr Hofrat neben der Frau Magister und der Herr Kammerschauspieler neben der Frau Diplomingenieur, und wenn es einer beruflich zu nichts gebracht hat in seinem Leben, fand sich etwas anderes. Auf einem Grab las ich einmal, dass der, der da liegt, ein Hauseigentümer war. Immerhin. Aber alle eint sie eines: Sie sind tot. Jürgen Jeske lebt.

Ich rief einige seiner Kollegen an. Aber anscheinend hatte sich in Frankfurt noch nicht herumgesprochen, wie sich Jeske auf dem Hauptfriedhof verewigt hat. Sie reagierten nicht minder erstaunt. Jeder überlegte, wann er den früheren Herausgeber zuletzt getroffen hat und erinnerte sich, wie lebensbejahend er doch sei.

Wer die Frau auf dem Stein daneben sei, wollte ich wissen: Anna Schumacher de la Cuesta? Jeskes Frau, sagten sie. Die beiden leben nach wie vor zusammen. Auch die Halbmexikanerin ließ ihre früheren Funktionen in Stein meißeln – in Ihrem Fall die bei der Deutschen Botschaft in Mexiko und dem mexikanischen Tourismusministerium in Frankfurt.

Jeskes Weggefährten erzählten mir dann noch, dass er immer unter der geringen Prominenz von Printjournalisten gelitten habe. Und dass er sich gegrämt habe, weil er eine Doktorarbeit nicht zu Ende gebracht hatte. Irgendwie stolz sei der aus dem sachsen-anhaltinischen Zeitz in den Westen übergesiedelte Jeske aber auf seine Ausbildung als Herrenschneider gewesen. Bekannt dafür sei er außerdem, auf Eitelkeiten anderer gern mit mildem Spott reagiert zu haben. Schaumschläger habe er schnell als solche entlarvt.

Ich rief daraufhin Jeske selbst an. Auf das steinerne Denkmal und die wortreiche Inschrift angesprochen, wiegelte er ab: Dazu äußere er sich nicht, das sei eine Privatangelegenheit, etwas ganz und gar Persönliches.

Stimmt. So ein Denkmal zu Lebzeiten sagt viel aus über die Persönlichkeit eines Menschen.