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Kneipenwirte sind auch keine besseren Verleger

Ein Berufsleben lang arbeitete Heiko Gebhardt für Großverlage. Irgendwann hatte er genug und gründete ein eigenes Magazin. Damit ist jetzt Schluss. „Landluft“ muss nun ohne ihn auskommen. Von Ulrike Simon

Hätten Sie ihn erkannt? Der Coverboy mit der feschen, roten Badehose ist Heiko Gebhardt, der schon unter Henri Nannen Reporter beim „Stern“ war.

Viele Jahre arbeitete der inzwischen 74-Jährige für das Magazin von Gruner + Jahr, und ich tue ihm bestimmt nicht unrecht, wenn ich behaupte, dass sein anschließender Wechsel zu Michael Ringier nach Zürich Ausdruck einer Sehnsucht nach einem richtigen Verleger war. Das änderte sich, als Ringier einen ehemaligen Tennisprofi zum Konzernchef ernannte. Seither kümmerte sich Gebhardt verstärkt um „Landluft“, jenes Magazin, für dessen Erstausgabe er sich seinerzeit vom Diogenes-Verleger Philipp Keel beim Sprung in den Gümser See fotografieren ließ.

Gümse heißt das niedersächsische Dörfchen im Wendland, in dem Gebhardt vor Jahren ein Haus mit weitläufigem Grundstück gekauft hat. Ganz in der Nähe wohnt Kai Hermann, wie Gebhardt ein ehemaliger „Stern“-Reporter und Autor des Buches „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Auch andere Journalisten, Schriftsteller, Maler und Fotografen leben in der näheren Umgebung. Am Abend geht es gern ins „Alte Haus“, eine reetgedeckte Kneipe in Jameln, irgendwo zwischen Dannenberg und Lüchow. So war das auch im Winter 2009, als bei Bier und Schnaps die Idee aufkam, man müsste mal eine eigene Zeitschrift gründen, eine übers Wendland.

LandluftBildcombo

Schon beim Debattenmagazin „Cicero“, das bis vor einigen Monaten zum Ringier-Verlag gehörte, nannten sie Gebhardt den „Man-müsste-mal“. Man müsste mal diesen interviewen…, man müsste mal jene porträtieren…, man müsste mal folgender Sache nachgehen…. So begannen Gebhardts Anregungen meist. Geliebt werden solche Kollegen nur, wenn sie dem Verursacherprinzip folgend die eigenen Ideen selbst umsetzen. Bei Gebhardt war das nicht immer so, ganz anders als nach besagtem Kneipenabend im winterlichen Jameln.

„Landluft“ sollte das werden, wozu sich etablierte Verlage nicht mehr trauen: ein Printmagazin mit großen Reportagen, Essays, Porträts und Fotostrecken. Eines, das ein Lebensgefühl authentisch einfängt und Geschichten erzählt über die Menschen, die in der Region wohnen. Und weil es einen brauchte, der sich um die Finanzierung kümmert, wurde Kneipenwirt Christian Behning kurzerhand zum Verleger ernannt. Bald waren Anzeigen für 120.000 Euro beisammen. Im März 2010 erschien die erste Ausgabe, 164 Seiten dick, zum Stückpreis von sechs Euro.

Die Sache lief. Jahr für Jahr kam seither ein neues Heft heraus. Mit von Hand geschriebenen Grüßen schickte mir Gebhardt die jeweils neueste Ausgabe zu. Einmal legte er eine Broschüre bei mit dem Hinweis: „Unser kleiner Verlag wächst und wächst und wächst…“. 2013 war das.

„Landluft“ gibt es seither in ebenso hochwertiger Ausstattung und mit identischem Layout nicht nur für das Wendland, sondern auch für das Cellerland und sogar für das Remstal, wo es in Zusammenarbeit mit der Reportageschule Zeitenspiegel entsteht. Dem Team, das Gebhardt um sich scharte, kam zugute, ein Berufsleben lang Kontakte gesammelt und gepflegt zu haben. Alle machten sie mit, wenn die Redaktion auf Gebhardts Grundstück unter Eichen sitzend die nächste Ausgabe plante: der berühmte Fotograf Jim Rakete, Büchnerpreisträger Arnold Stadler, der Adelsexperte Rolf Seelmann-Eggebert, der „Stern“-Cartoonist Tetsche, Nina Hermann, die es wie Vater Kai in den Journalismus verschlagen hat, Oscar Lebeck, der Sohn des vor zwei Jahren gestorbenen „Stern“-Fotografen Robert „Bob“ Lebeck, und andere mehr. Damit ist es nun vorbei. Das hier abgebildete Heft Nummer 7 war das letzte, in dem Heiko Gebhardt als Chefredakteur im Impressum steht.

Das Magazin werde selbstverständlich weiterhin erscheinen, versichert mir Kneipenwirtverleger Behning. Sogar eine weitere Ausgabe für die Region an der Schlei sei geplant. Verantwortlich dafür sei Angelika Schaack, eine der beiden Gründerinnen des Kinder- und Jugendhörbuchverlags Hörcompany, deren Mann Michael unter anderem Regie führte bei „Werner – Beinhart“.

Aber was ist vorgefallen zwischen Gebhardt und Behning, dessen Kneipe „Altes Haus“ inzwischen eine kleine Berühmtheit ist?

Schön länger amüsierte sich Gebhardt, dass Behning Wert darauf legt, zum Hamburger Stammtisch des Verbands der deutschen Zeitschriftenverleger zu gehen. In einem Doppelinterview der beiden für die „Welt am Sonntag“ sagte Gebhardt 2012: „Ein wenig hat ihn schon der Ehrgeiz gepackt“. Womöglich war das der Anfang vom Ende. Wie so oft soll es bei dem Streit um Geld gegangen sein.

Offensichtlich lässt sich mit „Landluft“ einiges verdienen, wenn auch nicht als Autor, und es ist zu vermuten: Kneipenwirte sind nicht zwingend die besseren Verleger.

Leider wollten sich weder Behning noch Gebhardt zu den Gründen ihrer Trennung äußern. So etwas komme im Verlagsgeschäft schon mal vor, sagte Behning, der wie selbstverständlich davon ausgeht, dass Gebhardts Team nun ihm die Treue hält. Wenn er sich da mal nicht verschätzt.

Gebhardt erzählte mir wiederum lieber von seiner neuen Beratertätigkeit für einen (etablierten) Verleger. Hoffentlich hat er die Bedingungen diesmal schriftlich vereinbart. Auf den Dorfplätzen des Wendlands galt bisher der Handschlag.