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Stuttgarter Alternative: „Kontext“ feiert fünften Geburtstag

Ohne den Enkel eines der Herausgeber der „Stuttgarter Zeitung“ gäbe es „Kontext“ gar nicht. Inzwischen trägt sich das mit den Grünen in Baden-Württemberg gewachsene Projekt aus eigener Kraft. Von Ulrike Simon

Es war nicht ohne Pikanterie, dass ausgerechnet Andreas Schairer zur Hochphase der Stuttgart-21-Proteste die Anschubfinanzierung in Höhe von 200.000 Euro geleistet hat. Immerhin ist Schairer der Enkel eines der Mitherausgeber der „Stuttgarter Zeitung“ und ermöglichte mit seiner großzügigen Spende, dass namhafte Redakteure das Traditionsblatt verließen, um mit dem Geld ihr eigenes Projekt zu verwirklichen. „Kontext“ nannten sie es, und tatsächlich macht einem mancher ihrer Artikel Defizite der „Stuttgarter Zeitung“ erst richtig bewusst.

Schairer hatte seine Finanzspritze an das zunächst nur online geplante „Kontext“ damit begründet, dass guter Journalismus „behutsamer und gründlicher Recherche“ bedürfe: „An dieser wird heute in den Massenmedien gerne gespart“, ergänzte er. Fünf Jahre später hat sich „Kontext“ aus der Abhängigkeit eines einzelnen Großspenders befreit. Einen freut das ganz besonders: Den stets listig in sich hineinkichernden Initiator, Kopf und Motor des Ganzen, Josef-Otto Freudenreich.

Kontext Redaktion

Reporterlegende Josef-Otto Freudenreich inmitten seines Teams, v.l.n.r.: Anna Hunger, Joachim Röttgers, Susanne Stiefel, Sybille Wais // Bild: Kontext

„Natürlich“, schränkt er ein, „ä bissle mehr könnt‘s immer sein“. Der Jahresetat beläuft sich auf 350.000 Euro. Davon stammen rund 250.000 Euro aus den Beiträgen des 300 Mitglieder zählenden Trägervereins mit dem schönen Namenszusatz „für ganzheitlichen Journalismus“ sowie aus dem „Soli-Geld“ 1.500 Freiwilliger, die monatlich mindestens zehn Euro aufbringen. Die übrigen 90.000 Euro steuert die „taz“ bei, in deren gedruckter Wochenendausgabe vier redaktionelle Seiten mit Artikeln von „Kontext“-Autoren bestückt werden.

Die „Kontext“-eigene Webseite, die immer nur mittwochs aktualisiert wird, zählt laut Freudenreich wöchentlich rund 20.000 Nutzer. Werbung wird keine verkauft, auch nicht von solchen Unternehmen, die der gemeine „Kontext“-Unterstützer zu den Guten zählen könnte. Trotzdem haben sie es irgendwie geschafft, dass die Vollzeitredakteure monatlich 500 Euro mehr bekommen, alles in allem 3000 Euro. Immerhin. Allerdings brutto.

Wer übrigens meint, damit über die Runden zu kommen: Gerade sucht das Team einen siebten Kollegen, der sich abgesehen von vielem anderen auch mit sozialen Medien auskennt. Ein paar kleinere Pauschalen für Korrespondenten könnten bald hinzukommen. „Kontext“ will in die Regionen hineinwachsen, etwa nach Tübingen und Freiburg, bis rauf nach Heidelberg.

Und was machen die etablierten Medien in der Zwischenzeit, neben dem Südwestrundfunk also insbesondere die „Stuttgarter Zeitung“ und die „Stuttgarter Nachrichten“? Sie sparen. Was sonst? Ihr Eigentümer, die Südwestdeutsche Medienholding, schreibt nach dem Kauf der „Süddeutschen Zeitung“ vor acht Jahren noch immer rote Zahlen – obgleich der Verlust laut jüngster Bilanz 2014 auf vier Millionen Euro geschrumpft ist.

Ein weiterer, sehr gravierender Einschnitt in Stuttgart folgt im April. Von da an werden die „Stuttgarter Zeitung“ und die „Stuttgarter Nachrichten“ von einer „flexiblen Gemeinschaftsredaktion“ erstellt. Konkret bedeutet das: In beiden Blättern erscheinen künftig weitgehend identische Artikel. Früher wäre das undenkbar gewesen.

Zwar wurden technische und kaufmännische Abteilungen des Verlags traditionell gemeinsam genutzt. Redaktionell jedoch galt Zusammenarbeit strikt als Tabu. Zu unterschiedlich waren die Marken, hier die hochwertige „Stuttgarter Zeitung“ für das liberale, gebildete Bürgertum, dort die „Stuttgarter Nachrichten“ für den Rest. Die Trennung ging so weit, dass sich Redakteure beider Blätter nicht einmal in der Kantine an denselben Tisch gesetzt, geschweige denn, das Stockwerk des jeweils anderen betreten hätten.

Wie es aussieht, dürfte also nun in Stuttgart der Nährboden für die Oppositionsstimme „Kontext“ noch fruchtbarer werden. Wobei: Opposition ist inzwischen der falsche Ausdruck. In die Zeit der Gründung fiel das Ende der praktisch seit Kriegsende währenden CDU-Regierung. Und jetzt, zum Fünfjährigen, haben die Grünen laut der jüngsten Sonntagsfrage die Union sogar als stärkste Kraft überholt.

Für Freudenreich ist das nur ein Grund mehr, das Jubiläum zu feiern, und zwar gleich zweifach: mit dem soeben bei Klöpfer & Meyer erschienenen Buch „Kontext! – Fünf Jahre couragierter Journalismus“, einem Best-of bisher erschienener Artikel; und mit einem Festakt im Stuttgarter Theaterhaus, ganz symbolisch am 1. Mai, dem Tag der Arbeit.

„Wir werden inzwischen nicht nur wahr-, sondern auch ernstgenommen“, sagt Freudenreich und verspricht, sich mit seinen 65 Jahren nur offiziell Rentner zu nennen. Sein Faible für Medienberichterstattung aus dem Ländle wird er weiterhin pflegen. „Es macht ja sonst keiner“, sagt er und freut sich, dass diese Artikel zu den meistgeklickten gehören.