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Lead Awards: Der Wert des Preises

Alle Verlage loben die jährliche Leistungsschau. Sind sie auch bereit, sich gebührend dafür einzusetzen? Eine Umfrage. Von Ulrike Simon

Bevor es hier um die Lead Awards gehen soll, sei an den wenige Tage zuvor, ebenfalls in Hamburg verliehenen Deutschen Radiopreis erinnert. Vor allem an diesen einen Moment, als Steffen Hallaschka die beste Programmaktion des vergangenen Jahres auszeichnete: das „Hamburger Radiobündnis gegen Fremdenhass“.

Zu dem Bündnis zusammengeschlossen hatten sich im vorigen Herbst acht Hamburger Radiostationen, private wie öffentlich-rechtliche, Schrebergartendenken gab es in diesem Fall nicht. Um ein Zeichen gegen den rechten Mob zu setzen, spielten sie an einem Mittag, Punkt 12 Uhr, alle zeitgleich „Imagine“ von John Lennon. Die Hörer drehten ihre Radios auf, ließen die Musik auf die Straßen dringen und demonstrierten damit: In unserer Stadt gelten andere Werte.

Hätten die Organisatoren die Friedenshymne bei der Preisvergabe noch einmal gespielt, wäre das sicher ein magischer Moment gewesen. Leider versäumten sie es. Hörfunk versteht sich als Unterhaltungsmedium. Entsprechend unpolitisch war die Veranstaltung. Zwar war zwischendurch auch mal von Haltung die Rede. Eine politische Aussage gab es aber nur von Sting, der mit dem Preis für sein Gesamtwerk in der Hand sagte, wie wichtig in diesen schwierigen politischen Zeiten sei, dass Radio frei, unabhängig und der Wahrheit verpflichtet bleibt.

Wie viel politischer sind dagegen die Lead Awards, erst recht in diesem Jahr. Leider bekamen davon nur wenige etwas mit, denn die Preisvergabe verlief in einem sehr intimen Rahmen, mit nur 200 geladenen Gästen, vornehmlich Preisträger und Juroren. Schauplatz waren nicht wie sonst die Deichtorhallen, sondern das Haus der Photographie, in dem noch bis Ende des Monats alle nominierten Arbeiten ausgestellt sind. Der Jury-Vorsitzende Markus Peichl ratterte die Preisträger herunter, nach weniger als einer Stunde war der offizielle Teil beendet. Wegen Geldmangels war die große Feier gestrichen.

Die Stimmung war trotzdem nicht übel, obgleich Peichl insgeheim gehofft hatte, den Gästen würde der Abend nicht gefallen. Lieber wäre ihm, die Lead Awards bekämen wieder die Bühne, die sie verdient hätten. „Aber wir brauchen dafür Partner und Unterstützer.“ Kann das so schwer sein?

Zuletzt beschränkte sich das Engagement der Verlage darauf, der Lead Academy ein Anzeigenkontingent zur Weitervermarktung in Eigenregie zu überlassen. Wer weiß, welche Rabatte dort üblich sind, kann sich ausrechnen: Unterm Strich bleibt von Jahr zu Jahr weniger Geld. Also muss ein Sponsor her, oder die Verlage verstärken ihr Engagement – oder aber die Lead Awards haben ihre beste Zeit hinter sich. Können die Verlage das wollen? 2017 werden die Lead Awards zum 25. Mal vergeben.

Rainer Esser, der Geschäftsführer des Zeit-Verlags, ließ mit seiner Antwort nicht auf sich warten: „Die LeadAwards sind in der Branche einzigartig und besonders wertvoll. Das Auswahlverfahren ist ungeheuer aufwändig – mit dem Ergebnis, dass die wirklich besten Arbeiten der letzten zwölf Monate ausgezeichnet werden. Zur Preisverleihung kommen Kreative, Verlagschefs und Redakteure – eine tolle Mischung. Die Stimmung ist jedes Jahr klasse, es gibt kaum eine andere Veranstaltung, die so viel Spaß macht.“ Warum engagieren sich die Medienhäuser dann nicht aktiver? Esser antwortete: „Das müssten Sie diejenigen Medienhäuser fragen, die die LeadAcademy sehr zaghaft oder gar nicht unterstützen“. Für den Zeit-Verlag gelte: „Natürlich können wir uns vorstellen, unser Engagement zu verstärken. Aber es sind jetzt alle Verlage gefragt. Wir schätzen die Lead Academy und die Arbeit von Markus Peichl sehr und werden ihn nach besten Kräften auch weiter unterstützen“.

Geschäftsführer Stefan Hilscher vom Süddeutschen Verlag sagte: „Die LeadAwards sind (und das sage ich nicht, weil die „Süddeutsche Zeitung“ und vor allem das „SZ-Magazin“ auch in diesem Jahr wieder blendend abgeschnitten haben) weiterhin der wichtigste Gradmesser, wenn es um die Bewertung von visueller Exzellenz im Bereich des Qualitäts-Journalimus geht. Optik und Grafik sind wichtig und bleiben es, von daher ist es gut und richtig, dass es diesen Preis gibt. Und es wäre sehr zu wünschen, dass er nicht an Strahlkraft verliert.“

Jedes Engagement verweigert hat bisher Burda, gibt aber vagen Anlass zu hoffen, dass sich das ändern könnte. Ein Sprecher sagte: „Wir überlegen, wie wir die Lead Awards unterstützen können“. Zögerlich reagierte Gruner + Jahr: „Wir schätzen die Lead Awards ebenso sehr wie das Engagement von Markus Peichl. Wir unterstützen sie deshalb seit Jahren. Wie gefährdet die Zukunft des Preises ist, können wir nicht präzise einschätzen, aber wir sind mit Markus Peichl im Gespräch.“

Einer, der die Lead Awards von Anfang an förderte, war der Spiegel-Verlag. Dort wünscht man sich, dass der Preis seine Bedeutung behält: „Aus unserer Sicht sind allerdings Gala, Glanz und Glamour nicht unbedingt notwendig, um die Kreativleistungen unserer Branche öffentlichkeitswirksam auszuzeichnen und zu feiern. Vielleicht ist der anstehende 25. Geburtstag der Lead Awards ein guter Anlass, um über eine Neukonzeption des Preises nachzudenken.“ Dazu muss es ohnehin kommen, wenn auf die Verlage kein Verlass sein sollte.

Die größte Zurückhaltung legt Axel Springer an den Tag. Zwar seien die Lead Awards „eine schöne Anerkennung für unsere Marken“, weil das bestätige, „dass es sich lohnt, innovativ und mutig zu sein“. Wie wäre es also mit einer Unterstützung des schönen Preises? Nein, auf eine Kostenbeteiligung will sich Springer nicht festlegen lassen.

Vergegenwärtigt man sich, dass es bei der ganzen Chose um gerade mal 300 000 Euro geht, die Stadt Hamburg ohnehin einen Großteil der Summe zahlt, und der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger 470 Mitglieder hat, müsste bei ein wenig gutem Willen möglich sein, einen Preis aufrechtzuerhalten, der das Kulturgut Magazinjournalismus feiert und Verlage in ihrem besten Licht zeigt. Fällt das nicht unter Gattungsmarketing? Ist das nicht das Anliegen des VDZ? Doch der Verband verweist auf den „Rahmen seiner Möglichkeiten“ und sagt, mehr als kommunikative Unterstützung sei nicht drin. Dazu passt der Hinweis, wie wichtig die Lead Awards seien, „weil sie die Faszination und Strahlkraft der Zeitschriftenbranche zeigen“.

Zurück zum Deutschen Radiopreis. Nach der Verleihung steckten Vertreter von MDR und sächsischem Privatfunk die Köpfe zusammen. Sie sprachen darüber, ob sie sich das Hamburger Bündnis zum Vorbild nehmen und in ihrem Sendegebiet nachahmen könnten. In Sachsen wäre es angebracht. Der Schulterschluss zeigt, was aus Begegnung entstehen kann, wenn man sie ermöglicht und kleingeistiges Denken beiseitelässt.