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Lead Awards: Jury-Vorsitzender kritisiert Blattmacher

In diesem Jahr hatte die Jury Mühe, überhaupt ein paar Magazin-Cover zu finden, die eine Nominierung verdienen. Markus Peichl glaubt den Grund zu kennen. Von Ulrike Simon

Wie Dokumente der Zeitgeschichte in einem Museum liegen die Cover unter Glas geschützt in einem Schaukasten. „Brand Eins“ ist dabei, die „Titanic“, das „Zeit Magazin“, dahinter aufgereiht gleich mehrere Ausgaben von „Barbara“, „Reportagen“ und „Spiegel“. Doch wer vermutet, an diesem Schaukasten würde der Besucher den Höhepunkt der Ausstellung „Visual Leader“ erleben, der irrt.

Am Sonnabend, im Haus der Photographie in Hamburg, unternahm ich mit Markus Peichl einen Rundgang durch die mehr als 1.200 Quadratmeter große Ausstellungsfläche. Inzwischen ist die Ausstellung fast wichtiger als die Verleihung der Lead Awards, die in diesem Jahr am 10. Oktober wieder nebenan, in den Deichtorhallen, gefeiert wird. Zwar ist nicht einmal das Geld da, um ein paar Plakate zu drucken und für die „Visual Leader“ zu werben. Trotzdem strömen Jahr für Jahr mehr Besucher in die Ausstellung, um nicht nur die Preisträger, sondern alle von der Lead Academy nominierten Arbeiten zu sehen. Sie läuft übrigens bis Ende Oktober, und ich kann den Besuch nur empfehlen. Für ein oder zwei Stunden ist alles vergessen, was einem im Medienalltag an Einfallslosigkeit begegnet.

Als wir bei unserem Rundgang vor besagtem Schaukasten standen, hatte ich nicht das Gefühl, dass Peichl hier lange verweilen will. Er zeigte auch keinerlei Anzeichen, in einen seiner mitreißenden Begeisterungsstürme zu verfallen, um detailliert zu erzählen, was das Herausragende, Exzellente und Besondere an gerade dieser Arbeit ist. Stattdessen sagte er kühl: „Diese großen Themen, die die Welt und die Gesellschaft gerade in Atem halten, hätten vor fünf oder zehn Jahren viel pointiertere und packendere Cover-Ideen hervorgebracht“.

Die Ausbeute der Jury, deren Vorsitzender der frühere „Tempo“-Chef ist, wirkte tatsächlich mau. Als ich ihn fragte, woran das liegen mag, gab er mir gleich drei Antworten:

  1. „Offensichtlich haben die Blattmacher nicht mehr die Zeit und Luft, sich auf eine Einzelidee zu konzentrieren“.
  2. „Die Blattmacher scheinen den Glauben verloren zu haben, mit einer außergewöhnlichen Cover-Idee überhaupt noch beim Publikum durchzudringen und wahrgenommen zu werden“.
  3. „In den Köpfen der Blattmacher gibt es möglicherweise zu viele Absicherungsmechanismen, die Kreativität verhindern“.

Peichl wollte weiter, all die anderen Arbeiten zeigen, die wirklich der Rede wert sind. Ich aber wollte von ihm wissen, was ein Blattmacher aus seiner Sicht mitbringen müsse, um nicht in eine der von ihm genannten Fallen zu tappen. Seine Antwort:

„Mut. Unverfrorenheit. Selbstvertrauen“.

Und dann sagte er noch: „Wenn man sich hundertfach schon im Vorweg fragt, wie eine Idee ankommen könnte, was alles berücksichtigt werden muss, um ja keinen Fehler zu machen, dann kommt meiner Erfahrung nach kein gutes Cover zustande“.

Die Kolumne wäre an dieser Stelle zu Ende, hätte ich nicht zu erzählen, was sich die Jury der Lead Academy in ihrer Not hat einfallen lassen, um angesichts der mageren Ausbeute die Branche nicht gänzlich blöd dastehen zu lassen.

Verständlich wäre gewesen, hätte sie gesagt: Leute, das war nix, in der Kategorie Magazin-Cover hat in diesem Jahr keiner eine Nominierung verdient, schon gar keinen Lead Award. Sie hätte die Kategorie kurzerhand streichen können wie sie es vor einiger Zeit aus demselben Grund mit dem „Newcomer des Jahres“ tat. Das wäre ein Schlag ins Kontor gewesen, wahrscheinlich ein verdienter. Stattdessen hat die Jury so viele Cover nominiert wie selten, denn sie erfand zusätzlich sogar noch eine Unterkategorie, das „Cover-Konzept des Jahres“.

Bösartig formuliert wird damit die Reproduktion des immer Gleichen ausgezeichnet. Es irrt aber schon wieder, wer denkt, da hätte der „Stern“ eine Chance mit seinen in immer kürzeren Abständen sich zu wiederholen scheinenden Reisetiteln zu so unspektakulären Zielen wie London, Sylt, Nordsee oder Mallorca.

Die für ihr Cover-Konzept Nominierten sind vielmehr: „Reportagen“, da das Magazin immerzu auf die Kombination Typo und Farbe setzt; „Barbara“, die die immer selbe Frau, nämlich die Namensgeberin Barbara Schöneberger, für jedes Heft auf eine andere Weise abbildet; schließlich der „Spiegel“, der die Ausgabe zum Titelthema Fremdenhass in sechs Versionen produzierte, jeweils mit einem anderen Porträtfoto auf dem Cover.

Eine einzigartige Idee? Nein, ein alter Hut. Das sogenannte Multi-Cover ist ein inzwischen recht beliebtes Mittel, um die Bedeutung eines Themas zu unterstreichen und dadurch mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. Das Independent-Magazin „Qvest“ machte es einst vor, andere folgten, darunter vor Jahren auch schon der „Spiegel“.

Mit ihrer Notlösung verschafft die Lead Academy also lediglich dem einen oder anderen Blattmacher unverdient die eine oder andere Nominierung mehr. Sollte das den Mut, die Unverfrorenheit und das Selbstvertrauen mehren, und sollten auf diese Weise bessere Cover entstehen, hätte sich der Jury-Trick Nummer 17 wenigstens gelohnt.