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Investigativ-Chef: "Süddeutsche Zeitung" klärt Nachfolge von Leyendecker

Hans Leyendecker hat einen Schlag bei jungen Journalisten. 2016, hat er angekündigt, werde er bei der Süddeutschen das Investigativressort abgeben. Seitdem fragen alle: an wen bloß? Von Ulrike Simon

Hans Leyendecker zieht junge Kollegen fast magisch an. Das stelle ich jedes Jahr fest, wenn er für einen seiner Auftritte bei der Konferenz des Netzwerks Recherche die Bühne betritt. Gut, unter den Betagteren hat er Feinde. Das liegt auch daran, dass die, die sich für gleichermaßen investigativ wie unterschätzt halten, so jemandem nicht das Schwarze unterm Fingernagel gönnen. Während die dann lieber draußen bleiben und hinter vorgehaltener Hand nicht belegbare Verdächtigungen gegen den kleinen Mann mit dem weißen Schnäuzer streuen, sitzen drinnen die jungen Journalisten im Publikum und kleben an seinen Lippen. Pfarrer zu werden, hatte sich Leyendecker in jungen Jahren überlegt. Stattdessen ist er Vater von fünf Kindern und Großvater von acht Enkeln. Auf der Kanzel vor voller Kirche zu predigen, ist dem Katholiken trotzdem nicht fremd.

Auch in diesem Jahr war Leyendecker auf besagter Konferenz. Bereitwillig gab er dem Online-Portal von Peter Turi ein Video-Interview und erzählte, er denke an den Ruhestand. Die Reaktionen darauf waren bass erstaunt. Eine Kollegin twitterte zwar, das sei für einen 66-Jährigen nicht ungewöhnlich. Egal. Das Echo war dennoch enorm. Seitdem wurde ich oft gefragt, wer denn Leyendecker bei der „Süddeutschen“ bloß folgen soll. Die Antwort blieb ich bisher schuldig. Obwohl es in Wahrheit seit 2012 feststeht – wenn auch nicht formal.

Mit der Aussicht, eines Tages Leyendeckers Nachfolger als Leiter des Investigativressorts zu werden, ging Nicolas Richter nämlich schon vor drei Jahren nach Washington. Drei Jahre mit der Option, auf fünf zu verlängern, ist bei Korrespondenten der SZ die Regel. Richter hat nur um ein Jahr verlängert. Im Sommer 2016, kurz vor den Präsidentschaftswahlen, wird er nach Deutschland zurückkehren.

Wer Nico Richter ist? 41 Jahre ist er, mehrsprachig, auslandserfahren und Jurist. Nach dem Studium beschloss er, doch lieber Journalist zu werden, volontierte 1999 bei der „Süddeutschen“, interessierte sich aber weiterhin am meisten für alles, was strafrechtlich relevant ist. Damit war der Weg nicht weit zu Leyendecker, dessen Scoops meist auf dem Studium von Ermittlungsakten beruhen. 2009, als Leyendecker für die „Süddeutsche“ ein Investigativressort aufbauen sollte, war Richter vom ersten Tag an im Team.

Die beiden lernten sich mehr und mehr schätzen. Den Leyendecker-Satz, dass nicht jeder ein investigativer Journalist sei, der fähig ist, aus eigener Kraft den Telefonhörer abzunehmen, kennt Richter genau so auswendig wie jenen, dass einen guten Journalisten ausmacht, zwei Stunden vor den anderen aufzustehen – und zwei Stunden später als die anderen ins Bett zu gehen. Umgekehrt weiß Leyendecker um Richters herausragende Schreibe, Akribie und Auslandserfahrung. Sie machten oft genug gemeinsame Sache, sei es im Fall El Masri, wofür die beiden 2007 den Wächterpreis der Tagespresse erhielten, sei es beim Aufdecken der Drehbuch- (NDR) oder Formel-1-Affäre.

Das Investigativressort der „Süddeutschen“ wird also weiterbestehen, und vielleicht stärker werden als es heute ist, wie Leyendecker prophezeit. Mal sehen, wer dann an Richters Lippen kleben wird. Vielleicht noch nicht im nächsten Jahr, womöglich aber schon bei der Konferenz des Netzwerks Recherche im Jahr 2017.