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Matthias Matussek und andere Leidensgenossen

Eigenartige Faibles alternder Journalisten und die Frage, ob Chefredakteur Stefan Aust Matusseks Engagement bei einem Supplement der „Welt“ überhaupt zugelassen hätte. Von Ulrike Simon

Anfang des Jahres kaufte ich in meinem Stamm-Kiosk die „Junge Freiheit“ – zur Überraschung der Besitzerin, die mir ungefragt versicherte, sie biete nur deshalb dieses rechte Blatt in ihrem Laden an, weil das zur Pressefreiheit eben auch dazugehöre. Gekauft hatte ich die „Junge Freiheit“, weil sie auf Seite 1 unter der Titelzeile „taz.gate“ Behauptungen aufstellte, die ihr die „taz“ inzwischen gerichtlich untersagt hat. Doch es gab in dieser Ausgabe noch Spannenderes zu erfahren.

Zum Beispiel warb der beiliegende Flyer des „JF-Buchdienstes“ nicht nur für Erwartungsgemäßes wie Udo Ulfkottes „Die Asyl-Industrie“ oder eine TV-Dokumentation über „Die Flüchtlingslüge“ mit „aufrüttelnden Kommentaren“ von Michael Paulwitz und „Junge-Freiheit“-Chefredakteur Dieter Stein. Auch das in Schwarz-Rot-Gold gebundene Buch „Das ist ja irre!“ des einst vom „Spiegel“ zu Springer konvertierten Henryk M. Broder war prominent platziert. Auf der Webseite des Buchshops der „Jungen Freiheit“ fand ich außerdem Wolfgang Herles‘ „Die Gefallsüchtigen“ über „Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik“ und natürlich Thilo Sarrazins „Wunschdenken“. Dasselbe gilt für Hans Hermann Gockels „Finale Deutschland – Asyl.Islam.Innere Sicherheit. Mit Klartext gegen die Gedankenfeigheit“.

Aus Gockels Feder stammte der Aufmacher in jener Ausgabe der „Jungen Freiheit“, die ich Anfang des Jahres gekauft habe. Unter der Überschrift „Unter Pharisäern“ keilte er gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gockel? Richtig, die Älteren erinnern sich vielleicht. Vor vielen Jahren moderierte der inzwischen 62-Jährige bei Sat.1 und N24 die Nachrichten.

Kürzlich gab dann auch „Focus“-Gründer Helmut Markwort, 79, sein Debüt bei der „Jungen Freiheit“. In einem Interview attestierte der Gastgeber der nach ihm benannten sonntäglichen Talkshow im Bayerischen Fernsehen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Einseitigkeit zu Gunsten linker Positionen. Über die „Junge Freiheit“ sagte er: „Wir brauchen in Deutschland auch ein konservativ-intellektuelles Blatt“.

Mathias Müller von Blumencron, Chefredakteur der digitalen FAZ, twitterte daraufhin: „Warum entdecken Journalisten im Pensionärsalter Zuneigung zur äußeren Rechten? Weil sie nur noch so Gehör finden?“ Tja, ich weiß es auch nicht. Ich weiß bloß, dass Matthias Matussek, kaum war der entscheidende, zur Trennung bei der „Welt“ führende Eklat passiert, bei der unter anderem von der „Jungen Freiheit“ veranstalteten Verleihung des Gerhard-Löwenthal-Preises die Laudatio auf den Autor und ehemaligen „Welt“-Redakteur Heimo Schwilk hielt.

Am Dienstag dieser Woche meldete „Meedia“ nun, dass Matussek, dessen Angestelltenverhältnis mit Springer gerade vor Gericht aufgelöst worden ist, mit seinem sich gern als Unsympath gebenden Anwalt und Nachbar Joachim Steinhöfel eine Videokolumne auf der Webseite von „Bilanz“ bekommen könnte. „Bilanz“ liegt einmal monatlich der „Welt“ bei. Kleiner Tipp: Wer nach dem Prinzip des alten Steinhöfel-Werbespruchs für Media-Markt verfährt („Gut, dass wir verglichen haben“): „Bilanz“ liegt am Erscheinungstag auch der billigeren „Welt Kompakt“ bei.

Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins ist der rechter Umtriebe unverdächtige Klaus Boldt, an den ich mich immer noch gern erinnere, wie er – vor seinem Wechsel zum „Manager Magazin“ und ganz zu Beginn meiner Volontärszeit – zwei Türen weiter seine für unser Blatt viel zu brillanten Texte mit Frank Zappa im Ohr schrieb. Boldt wurde von „Meedia“ zitiert: „Wir stellen uns vor, dass bilanz.de das legendäre ,Spiegel‘-Blog von und mit Matthias Matussek wiederbelebt. Er soll regelmäßig mit dem Medienprofi, Sänger und Rechtsanwalt Joachim Steinhöfel über aktuelle Dinge dieser Welt reden“.

Matussek, der Mann, den sie schon beim „Spiegel“ loose cannon nannten, zurück bei Springer? Mit einem regelmäßigen Videoformat? Und dann auch noch zusammen mit dem ebenso unberechenbaren Steinhöfel, der gerade gegen Springer prozessiert hat?

Wie man hört, war Aust außer sich, zumal das Format von „Welt/N24“ hätte produziert werden sollen. Öffentlich dazu äußern will sich der in Kürze seinen 70. Geburtstag feiernde Ex-„Spiegel“- und heutige „Welt“-Chefredakteur zwar nicht. Am Mittwoch aber gehörte der Plan schon wieder der Vergangenheit an. „Ich habe diese Idee nicht weiterverfolgt und jetzt ad acta gelegt“, sagte mir Klaus Boldt. Zuvor musste er das karge Zitat mit einer Springer-Sprecherin abstimmen, die sich beeilte, über „Meedia“ zu verkünden: „Es gab erste grobe Überlegungen. Die Idee ist aber wieder vom Tisch. ,Bilanz‘ wird kein Video-Projekt, weder mit Herrn Matussek noch mit Herrn Steinhöfel, realisieren“.

Matussek bleibt vorerst die „Weltwoche“, bei der ihn Roger Köppel als regelmäßiger Autor engagiert hat, und Steinhöfel lässt sich entweder auf der illustren Seite „Achse des Guten“ oder gleich im eigenen Blog aus, wo er mal dem „Welt“-Vize Ulf Poschardt unterstellt, geistige Miniaturen zu verfassen oder einen anders als er denkenden Redakteur der „Süddeutschen“ einen „gemütsverrotteten Spitzbuben“ nennt.

Es ist also jeder da, wohin er gehört.