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Von starken Frauen und halbstarken Kerlen in Redaktionen

Von Ulrike Simon.

Eigentlich wollte ich in dieser Woche über Kai Diekmann schreiben. Nicht nur wegen des eingefädelten Interviews mit Donald Trump, für das sich der unter dem Verdacht sexueller Belästigung stehende „Bild“-Herausgeber ein letztes Mal feiern lassen möchte, bevor er Springer in wenigen Tagen verlässt. Dann aber starb die langjährige „Brigitte“-Chefin Anne Volk. Mich überkam das Bedürfnis, die Kolumne ihr zu widmen, der Journalismus mehr am Herzen lag als Macht.

Über zwei Jahrzehnte, von 1985 bis 2004, prägte sie die Frauenzeitschrift, die als einzige den Anspruch hatte, auch eine politische zu sein. Anne Volk war im Mediengeschäft eine Ausnahmeerscheinung. Es war in jener Zeit nicht einmal bei Frauenzeitschriften üblich, dass sie von Frauen geführt werden. Später wurde Anne Volk zusätzlich Verlagsgeschäftsführerin. Damals fand man bei Gruner + Jahr noch, dass auch beim Kaufmännischen nichts ohne Journalisten entschieden werden sollte. Verlagschefin Julia Jäkel würdigte Anne Volk nun zu Recht als „eine der großen Blattmacherinnen des deutschen Magazinjournalismus“.

Und dann fiel mir auch noch ein Text in die Hände, den der frühere „Stern“-Chefredakteur Michael Jürgs einmal über Anne Volk geschrieben hat. Erschienen sind die Zeilen in der, Gott hab‘ sie selig, Zeitung „Die Woche“:

In jenen Zeiten, die als die goldenen des Magazinjournalismus gelten, war Anne in den sogenannten Chefredakteursrunden, in denen es übrigens noch keine Nichtraucher gab – sie rauchte Gauloises, so wie auch der knorrig souveräne Herausgeber und Chefredakteur von „Art“, Axel Hecht, die eigentliche Basis ihrer späteren, unbeirrbar großen Liebe – in jenen Zeiten also, in denen Männerbünde das ehrenwerte Haus an der Alster regierten als ob Mann zu sein eine selbstverständliche Voraussetzung war, um Chefredakteur zu werden, stand sie in uneitler Selbstverständlichkeit ihren Mann. Wir liebten sie und wären sofort bereit gewesen, alle Kerle zu verhauen, die ihr zwar nicht das Wasser reichen konnten, aber mit dummen Machosprüchen nahe zu treten versuchten. Was sie allerdings selbst erledigte – noch bevor wir die Ritterrüstungen angelegt hatten. 

Und dann schrieb Jürgs noch:

Sie hat für ihre Zielgruppe an Qualität geglaubt und sich jedem modischen Schnickschnack, penetrant Zeitgeist genannt, stur schwäbisch widersetzt. Eine bessere für ihr Mutterschiff fanden die Verlagsoberen nicht. Keiner kam auf die eigentlich naheliegende Idee, sie mal bei einer der zahlreichen „Stern“-Krisen auf die Brücke des Tankers zu holen. Gute Kraft, ja doch, aber ist sie nicht eine Frau?“

Mehr als 20 Jahre ist dieser Text alt. Bis heute schaffte es keine Frau an die Spitze des „Stern“. Aber nicht nur das. Ihr blieb auch der Wunsch verwehrt, Chefredakteurin des „SZ-Magazins“ zu werden. Daher hielt sie „Brigitte“ die Treue.

Ich las die Stelle mit den Machosprüchen noch einmal, und meine Gedanken kehrten zurück zu „Bild“, wo es ja auch sehr früh eine sehr prägende Journalistin gab, Andrea Zangemeister, genannt die „Zange“. Niemand widersprach, wenn sie neben Chefredakteur Günter Prinz am Balken saß und entschied, welche Geschichte eine gute und welche eine schlechte ist.

Abends dann erzählte mir jemand, der unter Zange gearbeitet hat, er habe sie einmal angetroffen, wie sie mit weit ausgebreiteten Armen vor der Tür zu einem Büro stand und den Zutritt verwehrte. Den Grund nannte sie in einem kurzen, derben und sehr eindeutigen Satz, den ich der Wortwahl wegen hier nicht zitiere. Nur so viel: Sie bewahrte den Kollegen davor, einen Coitus interruptus zu verschulden. Und so ging es ja nicht nur bei „Bild“ zu.

Im alten „Spiegel“-Hochhaus in der Brandstwiete soll vor langer Zeit ein Damenslip in der Rohrpost gefunden worden sein. Sogenannte Willkürpausen, heißt es, wurden in der hauseigenen Sauna oder im hauseigenen Schwimmbad verbracht, vom Umgang mit den Kaffeedamen sei hier gar nicht erst die Rede.

In einem Punkt bin ich allerdings überzeugt, dass das früher anders gelaufen wäre. Jener seit Oktober Potsdamer Staatsanwälte beschäftigende Tag, an dem sich die „Bild“-Führungsriege um Diekmann zu einer Strategiekonferenz traf, um danach nackt im See zu baden, war angeblich der 22. Juli 2016.

Ich habe mehrfach nachgehakt, ob das kolportierte Datum stimmt. Ich stieß auf Mauern, widersprochen hat keiner. Sollte dieses Datum stimmen, muss die Frage erlaubt sein, warum die Journalisten an diesem Abend nicht längst dort waren, wo sie hingehört hätten: in der Redaktion. Am 22. Juli 2016 schoss im OEZ in München ein Amokläufer um sich.