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(Personal-)Politik beim Deutschlandradio

Wer folgt Intendant Willi Steul? Jedenfalls nicht Programmdirektor Andreas-Peter Weber. Von Ulrike Simon

Spätestens seit dem ZDF-Urteil aus dem Jahr 2014 sollte jedem Politiker klar sein: Bei der Besetzung hoher Ämter im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sollten sie sich zurückhalten. Anscheinend können sie aber nicht anders. Wer für ein hohes Amt kandidiert, bekommt einfach einen roten oder schwarzen Stempel aufgedrückt, ob er Parteimitglied ist oder nur eine Karteileiche, und schon geht das Geschacher los wie eh und je.

Zunächst schien alles geordnet zu verlaufen. Ende November kündigte Willi Steul seinen Rücktritt als Intendant des Deutschlandradios an. Er stelle sein Amt zum 1. Mai 2017 zur Verfügung, sagte der 65-Jährige dem RND, verriet im Interview, dass er seinen Programmchef für den geeigneten Nachfolger halte und sich freue, bald ein Jugendbuch über Dschinghis Khan zu schreiben („Die Mongolen haben in Europa einen Ruf, den es dringend zu korrigieren gilt“).

Kaum war die Sache publik, setzte sich die Intendanten-Suchmaschine in Gang. Eine Findungskommission wurde gebildet mit den beiden Intendanten Thomas Bellut (ZDF) und Tom Buhrow (WDR) sowie den beiden Politikern Björn Böhning (SPD) und Monika Grütters (CDU). Alle vier sind Verwaltungsräte des Deutschlandradios und schauten sich nun nach Kandidaten um. Sie fanden deren vier: Besagten Andreas-Peter Weber, MDR-Chefredakteur Stefan Raue, Martin Hoffmann, scheidender Intendant der Berliner Philharmoniker, und Eckart Gaddum, Leiter der ZDF-Hauptabteilung mit der inzwischen rührenden Bezeichnung „Neue Medien“.

Immerhin, den gesetzlichen Anforderungen an den Intendanten des Deutschlandradios entsprachen alle vier: Sie haben ihren ständigen Wohnsitz hierzulande, können unbeschränkt strafrechtlich verfolgt werden, haben ihre Grundrechte nicht verwirkt, sind fähig, öffentliche Ämter zu bekleiden und die Rechte aus öffentlichen Wahlen zu erlangen. Anzunehmen ist auch, dass sie allesamt unbeschränkt geschäftsfähig sind. So will es der Staatsvertrag nach Paragraf 26, mehr steht da allerdings nicht.

Der optimale Ablauf wäre nun der gewesen, dass sich die vier aus dem achtköpfigen Verwaltungsrat rekrutierten Findungskommissare mit den vier anderen Verwaltungsräten auf einen der vier Kandidaten einigen. Am 9. März sollte dann im vierzigköpfigen Hörfunkrat gewählt werden. Für die Wahl erforderlich sind zwei Drittel der Stimmen. Doch dann kam alles anders.

Der Verwaltungsrat konnte sich auf keinen gemeinsamen Vorschlag einigen. Schlimmer noch: Die Mitglieder verhakten sich ineinander. Als der Hörfunkrat am 9. März zu seiner regulären Sitzung zusammenkam, stand das Thema Intendantenwahl nicht einmal auf der Liste der Tagesordnungspunkte.

Vorigen Freitag, am 17. März, saßen die Verwaltungsräte erneut zusammen, zumindest sieben von ihnen, denn Tom Buhrow musste zugeschaltet werden. Das Ergebnis: Es gab keines. Nur so viel: Von den ursprünglich vier Kandidaten sind zwei raus: Martin Hoffmann und Andreas-Peter Weber. Raue und Gaddum sind weiter im Rennen.

Was spricht für die einen, was sprach gegen die anderen? Und vor allem: Wonach suchen die überhaupt: nach einem Manager? Einem Programm-Macher? Einem Digital-Strategen? Sollte jemand, der als künftiger Intendant für drei Hörfunkwellen verantwortlich ist (Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, D-Radio Wissen), nicht wenigstens ein bisschen Ahnung von diesem Medium haben? Oder geht es darum, einen parteipolitisch Genehmen zu finden – und falls ja: Welches Parteibuch darf es denn sein? Das rote, sagt die SPD, denn das traditionelle Farbenspiel fordert für das Deutschlandradio einen SPD-nahen Intendanten, wenn die Deutsche Welle schwarz besetzt ist – und das ist sie mit Peter Limbourg definitiv (auch wenn sich für ihn damals vor allem die Kirchenvertreter stark gemacht haben, was an der Sache nichts ändert).

 

Ich habe mir die vier Kandidaten für Steuls Nachfolge genauer angeschaut:

Andreas-Peter Weber, der in wenigen Tagen 56 wird, bekam seinen Vertrag als Programmchef des Deutschlandradios erst im Herbst um weitere fünf Jahre verlängert. Er kam 2011 vom Hessischen Rundfunk und gilt als SPD-nah, wenngleich er kein Mitglied ist. Für ihn spricht, dass der mit Steul vorangetriebene Umbau der drei Deutschlandradio-Wellen auf sein Konto geht. Dasselbe spricht gegen ihn. Wie der Reformprozess im Haus kommuniziert wurde, schlägt negativ zu Buche. Dasselbe gilt für Webers anscheinend zu offensiv betriebenen Wahlkampf in eigener Sache. Weber ist sich selbst der Nächste, und Steuls Favorit zu sein, war nicht zwingend hilfreich.

Stefan Raue, Jahrgang 1958, kam Ende 2011 als erster trimedialer Chefredakteur zum MDR. Er ist dort für alle Informationsprogramme zuständig, also auch für den Hörfunk. Zuvor arbeitete er 16 Jahre für das ZDF, auch als Belluts Stellvertreter, was nicht bedeutet, dass Bellut ihn will (s. Gaddum). Unterstützt wird Raue von der SPD, allen voran von Böhning und dem frisch in den Verwaltungsrat eingezogenen Marc Jan Eumann. Raue ist Parteimitglied, wenngleich seit Jahrzehnten nicht mehr aktiv und journalistisch unabhängig, aber das ist der SPD egal. Er ist ihr Kandidat. Für Raue hieße Intendant des Deutschlandradios zu sein, die Krone des politischen Journalismus zu erlangen. Nach Berlin zurückzukehren, wäre das Sahnehäubchen. Vom WDR, wo der Wuppertaler volontierte, zog es ihn schon einmal in die Hauptstadt, damals zum Rias, später zur Deutschen Welle. Gegen ihn spricht: Raue setzt als Führungskraft auf Kooperation. Warum das gegen ihn spricht? Fragen Sie andere.

Eckart Gaddum, 1960 geboren, ist nun Raues Widerpart. Natürlich kennen sich die beiden. Gaddum hat seit 1987 nie woanders gearbeitet als beim ZDF. Das bedeutet aber auch: Mit dem Medium Hörfunk kam er nie in Berührung. Was lässt ihn glauben, er sei für das Amt des Intendanten beim Deutschlandradio geeignet? Noch bevor ich ihn das hätte fragen können, zischte er mich unwirsch von der Seite an. Ist es das, was ihm beim ZDF als Führungsstärke ausgelegt wird? Bellut unterstützt ihn ebenso wie ZDF-Verwaltungsdirektorin Karin Brieden, wie ihr Chef Mitglied des Deutschlandradio-Verwaltungsrats. Für beide wäre Gaddum „unser Mann beim Deutschlandradio“. Für Gaddum spricht, dass er dem ZDF den Weg ins Digitale geebnet hat. Ein Beispiel ist die personalisierbare Mediathek, um die die ARD das ZDF beneidet. Bevor Gaddum 2008 Leiter der Hauptabteilung Neue Medien wurde, arbeitete er beim „heute journal“, war kurze Zeit in Paris und leitete das „Morgenmagazin“. Politisch ist er eher rechts von der Mitte einzuordnen, doch Parteimitglied ist er nicht. Doch es reicht, dass der Vater CDU-Minister war, um dem Sohn den schwarzen Stempel aufzudrücken. Martin Hoffmann erging es ähnlich. Wahrscheinlich hat er noch nie im Leben CDU gewählt, aber da Verwaltungsrätin Monika Grütters ihn unterstützte, musste er ein Schwarzer sein.  

Martin Hoffmann, von jungen Medienmenschen gern mit dem gleichnamigen Entwickler des Messenger-Bots Resi verwechselt, ist Älteren bekannt als Geschäftsführer von Sat.1, als der Sender noch in Berlin saß, ambitionierte Filmprojekte produzierte, abends Harald Schmidt sendete und mit Leo Kirch einen Gründer hatte, dem man viel Böses nachsagen kann, aber nicht, dass er aus Sat.1 gemacht hätte, was es heute ist – aber lassen wir das. Es hat für den 57-jährigen Manager ohne jeden journalistischen Hintergrund jedenfalls, nach dem rbb, auch beim zweiten Versuch nicht geklappt, Intendant eines öffentlich-rechtlichen Senders zu werden.

 

Wie geht es nun weiter?

Im Moment gibt es ein Patt: Raue versus Gaddum, Journalist der eine, Digitalstratege der andere, ein vermeintlich SPD-Naher hier gegen einen vermeintlich CDU-Nahen da, ein zurückhaltender Zweifler gegen einen, der in jeder Hinsicht von sich überzeugt ist.

Ein Rest Hoffnung auf ein klares Votum im Verwaltungsrat ist geblieben, notfalls wird es eine Kampfabstimmung geben. Die entscheidende Wahl aber findet im Hörfunkrat statt. Für den 8. Juni ist die nächste, reguläre Sitzung geplant. Eventuell könnte es am 27. April eine vorgezogene, außerordentliche geben – unter der Voraussetzung, der Verwaltungsrat einigt sich vorher, und die Anwesenheit möglichst aller Hörfunkräte ist garantiert. Bei einer erforderlichen Zweidrittelmehrheit in geheimer Wahl zählt jede Stimme, und manchmal kommt es bei einem solchen Wahlkrimi ganz anders. Dagmar Reim – auch sie sitzt im Verwaltungsrat – könnte darüber einiges erzählen. Sie wurde damals rbb-Intendantin, weil sich die beiden großen Parteien partout nicht auf einen der ihren einigen konnten. Am Ende gewann die Frau, mit der keiner gerechnet hatte, nicht einmal sie selbst.