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„Focus“ streicht weitere Stellen

Robert Schneider schließt die Büros in München und Düsseldorf und dampft die Ressorts ein. Von Ulrike Simon

Das Problem von „Focus“ ist in einem Satz gesagt: Mit der am vorigen Sonnabend erschienenen Ausgabe stieg der Heftpreis um 30 Cent auf 4,20 Euro, das Cover verzichtet auf den Rahmen, auch im Innenteil soll sich mit dem beratenden Art-Direktor Matthias Last und seinem StudioLast einiges tun, es gibt sogar einen neuen Werbeslogan – „Menschen im ,Focus‘ –, allein: Gemerkt hat das keiner, nicht einmal die Fachöffentlichkeit nahm davon Notiz.

Wird über „Focus“ allerdings doch einmal geredet, verheißt das auch nichts Gutes. Selten geht es dann um journalistische Leistungen und großartige Recherchen. Stattdessen wurde meist gerade mal wieder der Chefredakteur gefeuert oder die Redaktion muss weitere Federn lassen. Gefühlt passiert das einmal pro Jahr. Jetzt ist es erneut so weit.

Am Donnerstagmittag wurden die aktuell noch etwa 75 Redakteure des Magazins informiert, dass „Focus“ die Büros in München und Düsseldorf schließen wird. Die komplette Redaktion sitzt damit künftig in Berlin. Da die neun betriebsbedingten Kündigungen, mit der Burda eine Sozialauswahl umgeht, nicht ausreichen, sind auch die Berliner Redakteure aufgefordert über Kündigung nachzudenken. Vier Wochen haben sie Zeit. Wer freiwillig geht, wird finanziell abgefunden.

Die Redaktion fürchtete schon seit der Betriebsversammlung im Januar Schlimmes. Was da genau am Ende des ersten Quartals 2017 passiert, wusste sie nicht – nur, dass etwas passiert und dass es wieder schmerzlich wird. Mit der tatsächlichen Stimmung in der Redaktion hat es also nicht viel zu tun, wenn Chefredakteur Robert Schneider im aktuellen Werbevideo sagt: „Wir schauen mit Optimismus, ja, Fröhlichkeit auf die Welt von heute und morgen, und das Woche für Woche“.

In der Realität wird Mittwoch für Mittwoch auf die neueste Entwicklung der Kioskverkäufe gestarrt. In dieser Woche erreichte der Einzelverkauf der Ausgabe mit dem Trump-Cover ein neues Jahrestief. Lediglich 53.207 Exemplare gingen über den Verkaufstresen. Dass sich „Focus“ am Kiosk schwer tut, ist nicht neu. Die Auflagenstruktur für das vierte Quartal 2016 weist aus, dass der Einzelverkauf nur 14 Prozent der Gesamtauflage ausmacht. Über den Lesezirkel werden weitere 17 Prozent vertrieben, ein Drittel sind Bordexemplare und „sonstige Verkäufe“, der Rest – 38 Prozent– sind Abos, immerhin.

Robert Schneider, seit einem Jahr Chefredakteur, tut, was er kann, um die Auflage zu stabilisieren. Sein Draht zu Hubert Burda funktioniert. Er versteht, was der Verleger will: ein Magazin, das die Einflussreichen in Politik, Wirtschaft und Kultur ähnlich bildhaft inszeniert, wie „Bunte“ es mit denen aus der Welt der Show vormacht. „Focus“ soll ein positives Lebensgefühl vermitteln. Die Annahme ist, der Leser wolle das so am Erscheinungstag Sonnabend. Mehr Käufer hat „Focus“ dadurch nicht.

Dem nicht genug, kam vorige Woche Burda-Vorstand Philipp Welte in die Redaktion am Potsdamer Platz, blätterte durch das Heft mit der Titelzeile „Wie wir lieben werden. Die Zukunft des Sex“ und hatte nicht gerade Lob auf Lager: zu viel Politik (Rot-Rot-Grün!), zu viele alte Männer (Lafontaine!), und dann auch noch die Geschichte über Anton Schlecker (ein Verlierer!) – kurzum: Das Heft war für seinen Geschmack mal wieder viel zu düster geraten. Die Kritik ähnelte der an Schneiders Vorgänger Ulrich Reitz kurz vor der Demission. Welte sagt: „Ich stehe zu hundert Prozent hinter Robert Schneider. Er ist ein großartiger Journalist und ein wunderbarer Mensch.“

Der aber muss nun zusehen, wie er künftig mit noch weniger Redakteuren auskommt. Die Lösung: Er reduziert die rund ein Dutzend Ressorts, von denen manches schon jetzt nur aus Chefs ohne Mitarbeiter bestand, auf nur noch drei: „Politik und Wirtschaft“, „Wissen und Gesundheit“ sowie „Kultur und Leben“. Wirksam wird die neue Redaktionsstruktur am 1. Mai. Unterm Strich sollen dem Vernehmen nach zwei Millionen Euro eingespart werden, eine Summe, von der Schneider sagt, er kenne sie nicht. Ihm gehe es „in erster Linie um eine Neustrukturierung und Modernisierung der Redaktion, die unserer neuen, flexiblen Arbeitsweise gerecht wird“. Was man halt so sagt, will man das Beste aus einer Situation machen. Was wäre die Alternative?

Vielleicht wäre es ehrlicher, „Focus“ den finalen Todesschuss zu geben, anstatt Jahr für Jahr wahlweise das Konzept zu ändern, den Chefredakteur auszuwechseln, die Redaktion zu verkleinern und dabei jedes Mal so zu tun, als werde nun alles gut. Doch das steht angeblich nicht zur Debatte. „Proaktiv“ reagiere man, so heißt es auch diesmal, die Marke „Focus“ sei schließlich profitabel. Die Betonung liegt auf „Marke“.

Wirklich profitabel sind nur die Ableger, von „Focus Money“ über „Focus Diabetes“ bis „Focus Gesundheit“. Sie aber wären nichts ohne das Muttermagazin, also wird „Focus“ am Leben erhalten. Hauptsache, das Blatt schreibt keine roten Zahlen, denn „Focus“ öffnet Burda Türen, wo sie weder eine „Bunte“ noch eine „Super Illu“ oder gar eine „Freizeit Revue“ öffnen würde: zum Beispiel in die Brüsseler Medienpolitik.

Türen öffnen sollen sich künftig auch in Berlin. Dorthin hat Burda den bis dato als Lobbyist des Verlags wirkenden Sebastian Doedens geschickt. Seine Aufgabe wird sein, „Focus“ im Kreis der sogenannten Einflussreichen präsenter und erlebbar zu machen. Ob das hilft? Das Stichwort lautet „Live-Journalismus“, angelehnt an das, was das „Handelsblatt“ unter Gabor Steingart betreibt. Auftakt ist die Veranstaltungsreihe „Inner Circle“ mit Christian Lindner und Roland Berger über „Brexit, Grexit, Trump – und die deutsche Antwort“, zu der „Focus“ am 21. April in eine Berliner Galerie lädt.

Das ist in drei Wochen. Nicht ganz so lange, nämlich bis zum 20. April, pausiert #DieMedienkolumne erst einmal und wünscht schon jetzt: Frohe Ostern!