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Jobbörse ARD: Wer folgt auf Volker Herres?

Von Erbhöfen und anderen Gedankenspielen. Personalpolitik nach öffentlich-rechtlicher Art. Von Ulrike Simon

Spätestens am 8. Juni, wenn Stefan Raue aller Voraussicht nach als Nachfolger von Willi Steul zum Intendanten des Deutschlandradios gewählt wird, muss sich der MDR Gedanken machen, wer neuer Chefredakteur werden soll. Der Sender könnte es sich einfach machen und Jana Hahn aufsteigen lassen. Die Chefin der Nachrichtenwelle MDR aktuell ist Raues Stellvertreterin. Es könnte aber auch ganz anders kommen. Dann nämlich, wenn die ARD-Intendanten beschließen, Volker Herres als Programmchef des Ersten abzulösen.

Die Personalie ist schon länger Thema. Herres‘ Vertrag läuft im Herbst 2018 aus. Ein Jahr vorher hat er das Recht zu erfahren, ob und wie es weitergeht. Meine Prognose lautet: Sein Vertrag wird nicht verlängert. In diesem Fall wird es langsam Zeit, sich nach einer Alternative umzusehen.

Fast wären sie ihn schon vor einem Jahr losgeworden, die Herren und Damen Intendanten. Es war Ostern 2016, Herres zog es an die Spitze des RBB. Er hatte sich bereits ein höheres Gehalt als die scheidende Intendantin Dagmar Reim ausbedungen, und einige Rundfunkräte waren schon ganz besoffen von dem Gedanken, „einen aus der Champions League“ an die Spitze des RBB zu holen.

Warum nichts daraus wurde? Herres wollte nicht das Risiko eingehen, einem in der ARD-Hierarchie niedriger gestellten Kandidaten zu unterliegen, also Theo Koll oder Patricia Schlesinger. Ein Herres tritt nämlich nur an, wenn er sich seines Sieges gewiss ist. Eine Garantie aber konnten und wollten ihm die Rundfunkräte nicht geben, und so lernte man Herres von seiner wankelmütigen Seite kennen. Mal wollte er, tags drauf wieder nicht, dann sagte er doch zu… Am Ende kniff er, zum Leidwesen jener ARD-Intendanten, die ihn schon damals gern als Programmchef des Ersten abgeschoben hätten.

Herres neigt nämlich zu Alleingängen, und er gilt als selbstherrlich. So wie kürzlich, als er die Empfehlung der Intendanten einfach missachtete und die „Tagesschau“ um 17 Uhr verkürzte, damit das anschließende „Brisant“ zeitgleich zu „Hallo Deutschland“ vom ZDF beginnt. Weniger Nachrichten, dafür mehr Boulevard, und das allein der Quote wegen? Eine seltsame Idee in Zeiten, in denen sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mehr denn je zu legitimieren hat. Das sei nur ein Test gewesen, hieß es hinterher. Das Beispiel zeigt, wie Herres agiert. Anstatt den Konsens zu suchen, was bei neun Landesrundfunkanstalten sicherlich kein Vergnügen ist, stellt er andere gern vor vollendete Tatsachen.

Sollte Herres nun tatsächlich gehen müssen: Wer könnte ihm als Programmdirektor folgen? Und was hat das mit Raue zu tun?

Der nach Quoten erfolgreichste Programmchef der ARD-Dritten arbeitet beim MDR und heißt Wolf-Dieter Jacobi. Voriges Jahr wurde sein Vertrag verlängert, allerdings nicht ohne Komplikationen und erst im zweiten Wahlgang. Zuvor war lange unklar, ob die Intendantin Karola Wille ihn überhaupt für die Vertragsverlängerung vorschlägt. Wenn Stefan Raue den Sender nun verlässt, könnte Wille die Chance nutzen für ein großes Revirement. Dies umso mehr, weil auch die Gefahr besteht, mit Jana Brandt, die für Erfolge wie „Weissensee“, „Nackt unter Wölfen“ und „Der Turm“ verantwortliche Fernsehfilmchefin zu verlieren. Der SWR macht Brandt derzeit heftige Avancen. Intendant Peter Boudgoust sucht nämlich dringend nach Ersatz für Martina Zöllner. Die zuletzt für „Toni Erdmann“ verantwortliche Leiterin der Hauptabteilung Film und Kultur wird im Juni als Chefin von „Doku und Fiktion“ zum RBB wechseln.

Es gibt einen anderen ARD-Programmchef, dem Ambitionen nachgesagt werden, nur zu gerne Herres‘ Nachfolger zu werden: Frank Beckmann vom NDR. Er dürfte sich darauf berufen, dass die in München angesiedelte Programmdirektion des Ersten zum Erbhof des NDR gehört. Erbhöfe gibt es offiziell zwar keine, derlei Herrschaftsansprüche werden bei der ARD aber durchaus erhoben. In diesem Fall wird darauf verwiesen, dass schon Herres und sein Vor-Vorgänger Dietrich Schwarzkopf zuvor Programmchefs des NDR waren. In dieser Logik wäre Frank Beckmann der natürliche Nachfolger von Volker Herres. Beckmann ist übrigens jener Kika-Manager, gegen den die Staatsanwaltschaft bis 2013 wegen Untreue und Beihilfe ermittelt hat. Die Ermittlungen endeten, nachdem Beckmann ein Bußgeld in fünfstelliger Höhe akzeptiert hatte.

Vielleicht wäre es also besser, NDR-Intendant Lutz Marmor zügelte Beckmanns Ambitionen. Er könnte argumentieren, dass er gerade erst zwei wichtige Mitarbeiter verloren hat: Patricia Schlesinger als Intendantin an den RBB – für sie kam Katja Wildermuth vom MDR – und Jan Schulte-Kellinghaus. Ihn brachte Schlesinger als Programmchef mit zum RBB. Man sieht: Bei der ARD geht keiner verloren, es findet sich für jeden einen Posten. Das wird auch für Herres gelten.

Ob das alles nur Gedankenspiele sind? Ja, aber sehr realistische. (Obgleich sich niemand öffentlich dazu bekennt.) Sie setzen jedoch voraus, dass die ARD-Intendanten überhaupt irgendwann einmal die Gelegenheit finden, die Personalie Herres zu diskutieren. Das scheint sich schwierig zu gestalten. Es heißt, Herres tue alles, um immer und überall dabei zu sein.

Zu hoffen bleibt, dass sich die ARD auch darüber Gedanken macht, was für eine Art von Programmdirektor sie überhaupt will: einen, mit dem das Erste das Quotenranking anführt, oder doch lieber einen, der vorrangig dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gerecht werden will.