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#FreeDeniz und der Risikovermeidungsverein ARD

Von einer Idee des NDR, die ein starkes Signal hätte aussenden können – und ihren Nachwehen. Von Ulrike Simon

C’est la vie, so läuft es manchmal im Journalismus: Man ist sicher, eine Geschichte exklusiv zu haben, und dann ist da doch ein Kollege schneller. Daher: Chapeau, René Martens! Am späten Mittwochabend, #DieMedienkolumne war schon geschrieben, entdeckte ich seinen Artikel in der heutigen „taz“. Mir bliebe nun lediglich, den Link dazu zu liefern, wäre da nicht das eine oder andere Detail, das sich nach meinen Recherchen anders darstellt, und könnte ich die Geschichte nicht um einige Aspekte und Zitate ergänzen, die das Gesamtbild abrunden.

Darum geht es: Es war Anfang April, als sich die ARD-Intendanten zu ihrer turnusmäßigen Sitzung in Frankfurt trafen und Lutz Marmor vom NDR die Gelegenheit nutzte, um ein besonderes Anliegen vorzutragen. Er hatte den Entwurf eines offenen Briefes dabei. Formuliert hatte ihn der NDR-Redakteur Kuno Haberbusch, zu ihm später mehr.

Der Brief war an den, Stand heute, seit 80 Tagen in der Türkei inhaftierten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel adressiert, es ging darin um Pressefreiheit, und die Idee war folgende: Acht prominente Vertreter der Branche sollten sich zusammenschließen, um stellvertretend für die gesamte deutsche Medienlandschaft Solidarität zu demonstrieren: mit Deniz Yücel und allen anderen inhaftierten oder anderweitig unter Repressalien leidenden Journalisten. Jeder dieser Medienmenschen sollte sich dabei filmen lassen, wie er jeweils einen Absatz dieses Briefes (nicht, wie Martens behauptet, in die Kamera spricht, sondern) handschriftlich niederschreibt oder wahlweise in eine Tastatur eintippt. Das Ganze sollte keine solitäre Aktion der ARD und kein Prominenten-Schaulauf sein, sondern ein Gemeinschaftswerk der deutschen Publizistik.

Die Überlegung war, neben der ARD-Vorsitzenden und dem ZDF-Intendanten zum Beispiel Peter Kloeppel von RTL um Teilnahme zu bitten, außerdem den Springer-Chef und Präsidenten der Zeitungsverleger, Mathias Döpfner, sowie den einen oder anderen Chefredakteur eines großen Magazins oder einer Tageszeitung. Das daraus entstehende Filmchen, maximal zwei Minuten lang, sollte dann am 3. Mai, dem Internationalen Tag der Pressefreiheit, im Ersten, auf tagesschau.de und den Webseiten der Hörfunkwellen veröffentlicht, selbstverständlich aber auch allen anderen beteiligten Medien zur Verfügung gestellt werden.

Welch kraftvolles Signal hätte die Branche mit dieser Aktion aussenden können, unabhängig von Medium, Gattung, Ausspielweg, öffentlich-rechtlicher oder privater Provenienz, und vor allem unabhängig von dem sonst üblichen Konkurrenzdenken.

Hätte…, wäre…, wenn…

Marmors Vorschlag stieß bei einigen der ARD-Intendanten durchaus auf Sympathie. Dann tauchten Bedenken auf. Müsste man nicht erst sämtliche Umstände prüfen, bevor man sich eindeutig auf Deniz Yücels Seite schlägt? Gesagt, getan, das Ergebnis, oh Wunder: Yücel ist sauber. Aber die ARD wäre nicht die ARD, hätte sie nicht weitere Bedenken gefunden, zum Beispiel: Ziemt es sich, in dieser Angelegenheit klar Position zu beziehen? Schließlich kam, wie René Martens richtig schreibt, das berühmte Zitat von Hajo Friedrichs ins Spiel, wonach sich ein Journalist mit nichts gemein mache, auch nicht mit einer guten Sache. Damit war die Idee tot.

Am Ende stand Marmor allein. Wie hätte er Unterstützer außerhalb der ARD gewinnen sollen, wenn schon der eigene Laden uneins ist? So kam es, dass der NDR am Mittwoch sein eigenes Ding machte und einen Themenschwerpunkt zum Internationalen Tag der Pressefreiheit veranstaltete, im Fernsehen, im Radio und auf ndr.de. Dazu sagte Marmor: „In Zeiten, in denen die Pressefreiheit in zahlreichen Ländern als Grundlage der journalistischen Arbeit zunehmend gefährdet ist, finde ich es wichtig, dass wir als Sender eine klare Haltung zeigen – nicht nur nach innen, sondern auch in der Kommunikation nach außen“.

Muss ich erwähnen, dass zu diesem Themenschwerpunkt ein kleines Filmchen gehörte, das auf allen Kanälen lief und in dem NDR-Moderatoren und Lutz Marmor erzählen, warum Pressefreiheit gerade jetzt so wichtig ist? Sie taten das, Sie ahnen es, in Form eines Briefes, den sie abwechselnd Satz für Satz – in diesem Fall stimmt es – in die Kamera sprachen.

Wie René Martens telefonierte auch ich am Mittwoch mit ARD-Chefredakteur Rainald Becker. Ich erwischte ihn an seinem freien Tag. Becker bestätigte, dass er die Umsetzung der Idee in Form eines Films für programmlich unattraktiv und nicht zielführend hielt. Schließlich verwies er auf die ARD-Programmdirektion. Den ARD-Programmdirektor Volker Herres störte ich beim Joggen.

Herres sagte, er sei in dieser Angelegenheit entgegen seiner Natur unentschieden gewesen. Er habe Verständnis für beide Positionen. In Zeiten, in denen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Parteilichkeit vorgeworfen, er gar bezichtigt werde, „Teil des Systems“ zu sein, sei aber ratsam, Vorsicht walten zu lassen. Zugleich bestritt er, der Hinweis auf besagtes Friedrichs-Zitat sei auf ihn zurückzuführen. Er habe lediglich die Argumentation einiger Kollegen übermittelt.

Das allerdings deckt sich nicht mit meinen Recherchen. Demnach war Herres bereits einige Tage vor der Frankfurter Sitzung eingeweiht und kündigte schon da seine grundsätzlichen Bedenken an, mit Verweis auf das erwähnte Friedrichs-Zitat, hinter dem er ganz und gar stünde – und zwar per Mail an einen größeren Adressatenkreis.

Was bleibt? Der dringende Hinweis auf das im Original etwas anders lautende Friedrichs-Zitat, hier der Link zu dem „Spiegel“-Gespräch aus dem Jahr 1995, verbunden mit der Bitte, sich selbst ein Bild zu machen, ob sich das Zitat eignet, die eigene Feigheit dahinter zu verstecken. Auf die Frage: „Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muß?“ sagt Friedrichs wörtlich über das, was er bei der BBC gelernt habe: „Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“

Hier wäre die Geschichte zu Ende, hätte mich nicht noch interessiert, wie der Urheber der von Marmor bei der ARD vorgetragenen Idee die Angelegenheit beurteilt. Dies umso mehr, da man über Kuno Haberbusch vieles sagen kann, aber sicher nicht, dass es ihm an Kampfeslust mangelt. Per Mail antwortete er mir: Sollte dem so sein, dass der Vorschlag mit Verweis auf Hajo Friedrichs (gewohnheitsmäßig verkürzt wiedergegebenes) Zitat abgeschmettert wurde, „ist das für mich nicht nachvollziehbar. Denn für mich ist die Pressefreiheit ein Menschenrecht“.

Selbstverständlich habe er die Entscheidung der ARD zu akzeptieren. Seine Position sei aber eine andere: „Für mich ist die Verfolgung, Inhaftierung oder gar Ermordung von Journalisten und Journalistinnen ein unerträglicher Skandal. Deshalb ist für mich jede Form der Solidarität mit diesen Kollegen und Kolleginnen eine Selbstverständlichkeit. Damit mache ich mich ‘nicht mit einer Sache gemein‘, sondern engagiere mich für ein Menschenrecht.“ Weiter schreibt er: „Ich bin mir sicher, dass Hajo Friedrichs dies genau so sehen würde. Und es nicht verstehen würde, wieso man unter Berufung auf ihn ein solches Engagement, eine solch klare Haltung ablehnt“.

Darum geht es: um Haltung. Wie erklärt man das der ARD?