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Sich mit Deniz Yücel gemein machen? Aber ja!

Thomas Roth, Claus Richter, Dagmar Reim, Nikolaus Brender, Stephan Lamby und Christoph Fröhder zum Nein der ARD für #FreeDeniz. Von Ulrike Simon

Eine verstörende, aber wichtige Debatte sei das, twitterte der Filmemacher Stephan Lamby („Die nervöse Republik) als Reaktion auf #DieMedienkolumne von voriger Woche. Nicht nur ihn verstörte, dass – und vor allem: wie – eine vom NDR initiierte Aktion für den seit Februar in der Türkei inhaftierten Deniz Yücel an ein paar ARD-Granden gescheitert ist. Als Begründung musste Hanns Joachim Friedrichs‘ Zitat herhalten, wonach sich ein Journalist mit nichts gemein zu machen habe, auch nicht mit einer guten Sache.

Per Mail und telefonisch haben mich so viele Reaktionen erreicht, dass ich beschloss, einige der bekanntesten Kollegen, die Friedrichs gut kannten beziehungsweise sich in seiner Tradition sehen, um Stellungnahmen zu bitten. Hier das Ergebnis, bevor ich am Ende dieser Kolumne etwas in eigener Sache mitteilen werde.

 

Claus Richter, lange Jahre Redaktionsleiter des ZDF-Magazins „Frontal 21“ und Vorsitzender des Freundeskreises jener Stiftung, die alljährlich den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis vergibt, weist darauf hin:

„In dem ,Spiegel‘-Interview, aus dem das berühmte Zitat stammt, erzählt Hajo Friedrichs, wie er einmal 20 000 Mark gespendet hat, weil ihn die Meldung von einem furchtbaren Erdbeben in Armenien nachts nicht schlafen ließ. Das zeigt: Natürlich nahm er Anteil. Natürlich wollte er helfen. ,Cool bleiben ohne kalt zu sein‘, sagte er – und meinte damit eine journalistische Haltung.

Distanz und Unabhängigkeit in der Berichterstattung schließen aber Engagement für Pressefreiheit und Menschenrechte keineswegs aus. Journalist zu werden bedeutet ja nicht, dass man seine Menschlichkeit und Bürgerpflichten abgibt. Ich war mit Friedrichs, den ich privat gut kannte, immer der Auffassung, dass es selbstverständlich die Aufgabe von Journalisten ist, Unterdrückten eine Stimme zu geben und sich für diejenigen einzusetzen, denen schreiendes Unrecht widerfährt.

Ohne Gerichtsurteil und sogar ohne Anklage inhaftiert zu sein, ist schreiendes Unrecht. Insofern ist es keine Form von Aktivismus, sondern geradezu journalistische Pflicht, sich mit Deniz Yücel solidarisch zu erklären. Das erwarte ich auch von Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als oberste Vertreter journalistisch geprägter Unternehmen.“

 

Thomas Roth, ehemaliger Moderator der „Tagesthemen“, war 1995 der erste Träger des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises, noch vom Namensgeber selbst auf dem Sterbebett bestimmt. Roth schreibt:

„Hanns Joachim Friedrichs stand natürlich für Pressefreiheit und hätte sich nach meinem Dafürhalten stets dafür eingesetzt. Sein Satz ,Du sollst dich nicht gemein machen…‘ , der häufig etwas verkürzt zitiert wird, steht dem natürlich nicht entgegen. Pressefreiheit ist die Grundlage nicht nur unseres Berufs, sondern jeder demokratischen Gesellschaft. Natürlich muss man sich damit ,gemein machen‘. Alles andere wäre ein Missverständnis. Ich habe das immer als Grundlage meiner Arbeit gesehen, natürlich auch als ,Tagesthemen‘-Moderator, und habe das auch gesagt. Nicht zuletzt deshalb bin ich seit vielen Jahren Mitglied bei ,Reporter ohne Grenzen‘. Am Fall des Kollegen Deniz Yücel (neben vielen anderen) sehen wir, was geschieht, wenn sie fehlt. Also müssen wir uns dafür einsetzen.

 Man kann darüber sicher debattieren, wie und an welcher Stelle man damit wann im Programm umgeht. Aber dass wir uns auch öffentlich sicht- und hörbar dafür einsetzen müssen, halte ich für unstrittig. Ich bin mir sicher, dass Hanns Joachim Friedrichs das auch so gesehen hätte.“

 

Nikolaus Brender, zuletzt Chefredakteur des ZDF:

„Hanns Joachim Friedrichs war ein Meister der leisen Moderation. Ein Leisetreter war er beileibe nicht. Als Südamerika-Korrespondent der ARD berichtete ich für die ,Tagesthemen‘ über die Pinochet-Diktatur, über die Knebelung der Pressefreiheit und die gnadenlose Verfolgung von Journalisten. In den vielen Vorgesprächen zu seinen Sendungen hatte mich Hanns Joachim Friedrichs nie zu Mäßigung gemahnt. Auf eine solche Idee wäre er nie gekommen.

Die Pressefreiheit ist ein zentrales Element unserer gemeinsamen Menschenrechte. Sich als Journalist damit nicht gemein zu machen, wäre gemeingefährlich und geradezu absurd. Angesichts von unterdrückter Presse zu schweigen und sich für inhaftierte Journalisten nicht einzusetzen, hätte Hanns Joachim Friedrichs als Duckmäusertum empfunden. Und Duckmäuser waren ihm ohnehin zuwider.

Niemand kann sich also für sein Schweigen und Nichtstun auf Hanns Joachim Friedrichs berufen. Im Gegenteil. Er oder sie tun damit das, was Hanns Joachim Friedrichs verabscheute: sich gemein machen mit den Unterdrückern der Freiheit.“

 

Christoph Fröhder, lange Jahre Auslandskorrespondent der ARD, erinnert sich:

„Es war 1991 in Bagdad: Die amerikanische Luftwaffe bombardierte einen Zivilschutzbunker und tötete über 500 Frauen und Kinder. Rettungsarbeiten gab es nicht. Der erste Bericht von mir wurde noch mit Interesse aufgenommen und gesendet. Beim zweiten Bericht gab sich der Redakteur von ARD-Aktuell schon zögerlich, aber auch dieser Film wurde gesendet, weil ich argumentierte, wir müssten versuchen die Frage aufzuklären, wie es zu dem Kriegsverbrechen gekommen war.

Im dritten Bericht zeigte ich einen weinenden älteren Mann, der die Überreste seiner fünfköpfigen Familie in einem Schuhkarton eingesammelt hatte und zurück in eine leere Wohnung trug. Diesen Bericht wollte die Redaktion nicht senden. Erst später erfuhr ich, dass Hajo Friedrichs sich persönlich gegen diese Entscheidung eingesetzt hatte. Als ich ihn Wochen später in der Hamburger Redaktion traf, sagte er demonstrativ vor der Redaktion: ,Ich bin froh, dass wir so engagierte Reporter haben‘.

Seine Empathie mit den Opfern des Krieges war deutlich und steht in völligem Widerspruch zu seiner inzwischen viel strapazierten und leider oft auch falsch verstandenen Aussage: ,… sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, …cool bleiben, ohne kalt zu sein …‘ . Damit meinte er vor allem die Haltung der Berichterstatter und des Moderators. Dass man keine Stellung beziehen soll zu Ereignissen und Tatsachen, und diese nicht anprangern darf, war damit nicht gemeint.“

 

Auch eine ehemalige ARD-Intendantin meldete sich. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie die von Lutz Marmor vorgeschlagene Aktion in Form eines Offenen Briefes an Deniz Yücel unterstützt hätte.

Dagmar Reim, ehemals rbb, schreibt:

„Selten ist ein Zitat mehr strapaziert worden als das von Hanns Joachim Friedrichs. So, wie es daherkommt, im Wortlaut also, muss ich ihm widersprechen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, für den ich länger als vierzig Jahre gearbeitet habe, macht sich fortlaufend gemein. Er tritt ein für Menschenrechte, für Toleranz, für friedliches Zusammenleben. Täte er das nicht, hätte er seinen Auftrag verfehlt. Ein Blick in die Staatsverträge genügt.

Ich bin Hanns Joachim Friedrichs einige Male begegnet. Heute denke ich: Er
hat sich an dieser Stelle missverständlich ausgedrückt. Was er gemeint
haben könnte: Journalisten dürfen keine Kampagneros sein, keine
Propagandisten, keine Parteigänger, keine Schoßhündchen der Macht. Ihr
Platz ist der zwischen den Stühlen.

Meines Erachtens ist es erlaubt, ja geboten, sich für die Freilassung von Deniz Yücel einzusetzen. Dieses Engagement vernachlässigt keinen einzigen anderen Journalisten, der zensiert, unterdrückt, eingesperrt ist, denn der Fall Yücel ist paradigmatisch: Ein unbequemer Journalist in Geiselhaft einer Regierung, die das freie Wort fürchtet, fürchten muss.

Seit Jahrzehnten engagiere ich mich im Verein ,Journalisten helfen Journalisten‘. Wir versuchen in vielen Fällen, die keine Schlagzeilen machen, Kollegen oder deren Angehörigen zu helfen, die Willkür ausgesetzt sind. Wie Deniz Yücel. Mit dessen Schicksal wir uns gemein machen müssen, wenn wir Journalismus wollen, der Menschenrechte hochhält.“

 

Und was sagt Lamby, den offensichtlich verstört, dass man diese Debatte überhaupt führen muss? Ihm fiel aus seinem jüngsten Film eine Szene mit dem damaligen „Bild“-Chef Kai Diekmann ein.

Stephan Lamby, der den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis 2014 erhielt, schreibt:

„Kai Diekmann muss sich gut gefühlt haben, als er sich im Interview für die ARD-Dokumentation ,Nervöse Republik‘ über den Hanns-Joachim-Friedrichs-Merksatz erhob: ,Diesen Satz habe ich schon immer für falsch gehalten‘. Diekmann hatte weit ausgeholt, er wollte die ,Bild‘-Kampagne ,Refugees welcome‘ genauso rechtfertigen wie die Kampf-Artikel der ,Bild‘ gegen die AfD. Für oder gegen eine Partei in den Kampf zu ziehen, wäre Hanns Joachim Friedrichs wohl nie in den Sinn gekommen. Insofern outet sich Diekmann zu Recht als Anti-Friedrichs und bekennt sich zum Kampagnen-Journalismus – den ich schon immer für falsch gehalten habe. Kampagnen-Journalismus ist intellektuell kraftlos, weil leicht durchschaubar. Die Absicht ersetzt das Argument. Und doch ist es sinnvoll, oft notwendig, wenn Journalisten kämpfen. Sie sollten allerdings nicht für oder gegen Personen und Parteien kämpfen, sondern für höhere Werte: für Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit – oder eben Pressefreiheit.“ 

 

PS: Mit diesem Beitrag endet #DieMedienkolumne – allerdings nur auf dieser Webseite. Mehr dazu in Kürze, folgen Sie mir einfach weiterhin auf Twitter.

PPS: Danke sagen will ich meinem Erstleser, Udo Röbel. Als wir uns Mitte der 1990er Jahre in Hamburg kennenlernten, natürlich im Zwick – wo sonst? –, mochten wir uns sofort. Nie hätte ich damit gerechnet, dass wir eines Tages miteinander arbeiten. Lieber Udo, es war mir eine Freude. Demnächst wieder: Backbord und ahoi.