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Viel Lärm um Fake News

Erst wurde an der Recherche gespart, dann der Klick zum Maß der Dinge erklärt. Jetzt wird recherchiert, was keiner Veröffentlichung wert ist. Von Ulrike Simon.

Der Branche wird oft Rudelverhalten vorgeworfen. In diesem Fall stimmt der Vorwurf. Nicht nur, dass plötzlich alles mit dem Schlagwort Fake-News versehen und als Neuerfindung verkauft wird, was früher Propaganda hieß und altbekannt ist. Medien, die etwas auf sich halten, überbieten sich darin, alle Kräfte gegen Fake News zu mobilisieren. Sie schließen Kooperationen und gründen ganze Abteilungen, die letztlich nichts anderes tun, als das, was ureigenste Aufgabe von Journalismus ist oder jedenfalls sein sollte: wie und warum auch immer lancierte Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen.

Da darf die ARD nicht fehlen. Sie befürchtet sonst, „die Glaubwürdigkeit unserer eigenen Berichterstattung“ zu gefährden. So steht es in dem mir vorliegenden Papier. Darin geht es um Überlegungen, bei ARD-aktuell in Hamburg, wo „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ produziert werden, eine sogenannte „Anti-Fake-News-Einheit“ aufzubauen, zentral und über alle Ausspielwege. Das vorläufige Konzept listet auf, was es dafür nach einer ersten Einschätzung braucht:

  • Für Monitoring und Listening: zwei Schichten pro Tag zwischen 8 und 22 Uhr.
  • Für Recherche inklusive Austausch in Netzwerken, Faktencheck: zwei Schichten pro Tag zwischen 8 und 22 Uhr.
  • Für die Herstellung plattformoptimierter Formate: ein Grafiker
  • Für die Bereitstellung einer Landing-Page und kontinuierliche Begleitung: circa 80 Webmaster-Tage.

Dazu

  • IT-Support
  • Serverkapazität.

Spätestens zum 1. April soll die Abteilung stehen. Vorläufige Existenzdauer: bis November, also bis nach der Bundestagswahl im September. „Zum Projektende findet eine Evaluierung statt“. Danach werde „über langfristige Strukturen und Workflows zu Verifikation und Fake News in der ARD entschieden.“

Das vorläufige Konzept, das der Chefredakteur von ARD-aktuell, Kai Gniffke, entworfen hat und vorige Woche bei der Konferenz aller ARD-Chefredakteure Thema war, liegt derzeit bei ARD-Chefredakteur Rainald Becker und wird, wie Becker bestätigt, am Freitag nächster Woche bei der Direktorenkonferenz diskutiert. Möglicherweise könnte die Gründung dieser Einheit von den Intendanten bei ihrer Sitzung im Februar beschlossen werden.

Das alles ist sicherlich gut gemeint, und es steht Medien gut an, die Initiative selbst zu ergreifen, bevor sich die Politik einmischt. Aber ist es auch gut, die Rechercheergebnisse zu solchen Fake-News auf einer zentralen Webseite zu veröffentlichen?

Und wäre damit das Übel beseitigt, dass manche Online-Redaktionen jede Menge Quatsch veröffentlichen, selbst dann, wenn in derselben Meldung steht, dass es sich dabei womöglich um Quatsch handelt?

Ich habe mal gelernt, dass Nachrichten nicht ungeprüft und Nachrichten, die sich als unwahr herausstellen, gar nicht veröffentlicht werden. Wie weit ist der Irrsinn gediehen, dass dafür nun sogar eigens Plattformen geschaffen werden? Es drängt sich in meinen Augen zudem der Eindruck auf, in ihre Veröffentlichung würde bald mehr Mühe gesteckt als in die Recherche echter, gehaltvoller Fakten. Und ist es nicht so, dass in sozialen Medien kursierender Quatsch erst dadurch relevant wird, dass klassische Medien diesen Quatsch aufgreifen? Diese bekannte Erkenntnis wiederholte Kai Gniffke zu Recht in diesen Tagen beim Deutschen Medienkongress in Frankfurt.

Mit ihrem Vorhaben einer „Anti-Fake-News-Einheit“ ist die ARD nicht allein. Vor wenigen Tagen hat sich die Deutsche Presseagentur dem Bündnis „First Draft Coalition“ angeschlossen. Dem Netzwerk, dem unter anderem Aljazeera, Twitter, Google, Facebook und die „Washington Post“ angehören, sind jüngst unter anderem auch Reuters, die BBC und NBC beigetreten.

Gemeinsam wollen sie im Netz auftauchende Geschichten verifizieren bzw. falsifizieren und die Rechercheergebnisse im Anschluss mit der Öffentlichkeit teilen. Die BBC kündigte ebenfalls an, ein eigenes Team zu gründen, das Fake News identifizieren soll. Nicht zu vergessen: „Schmalbart“, die Initiative gegen „Breitbart“, das angeblich nach Deutschland expandieren will, sowie die ebenfalls in diesen Tagen angekündigte Kooperation zwischen dem Recherchebüro Correctiv, das mit Facebook kooperiert und Fake News als verdächtig kennzeichnen soll. Damit endet die Aufzählung nicht. Die Medienakademie von ARD und ZDF hat soeben die Seminarpreise gesenkt, um „im Zuge der Fake-News Debatte“ zu helfen, „die Recherche-, Interview- und Hintergrund-Kompetenz der Journalistinnen und Journalisten zu verbessern“. Und dann soll auch noch eine Reporterfabrik ins Leben gerufen werden, in der die aufklärerische, konstruktive solidarische Vision des Netzes“ verteidigt werden soll wider die „dunkle Seite, Hass, Fake-News, Desinformationen und Trash“.

Ich frage mich: Was bringt das alles, solange es Redaktionen gibt, in denen im Zweifel alles ins Netz gestellt wird, was die Reichweite nach oben treibt? Oder, um bei der Frage nach Verantwortlichkeit auch die Werbungtreibenden einzubeziehen: Was bringt das alles, solange sich die Vermarktung an purer Reichweite misst? Denn: „Wer bezahlt die Fake-News-Erstellung? Die, die für Klicks bezahlen“, sagte der Münchner Marketingprofessor Anton Meyer bei dem Frankfurter Kongress.

Neulich hat mich ein Kollege auf eine Meldung über die angeblich bereits feststehenden berufliche Zukunft eines sehr prominenten Medienmenschen hingewiesen. So stand es auf einer nicht gerade seriösen Webseite, viele weitere Webseiten hatten es bereits ungeprüft übernommen. Der Kollege fragte mich, ob die Nachricht stimmt. Nachdem ich das verneint hatte, bat er mich, eine Meldung zu schreiben, in der steht, dass nicht stimmt, was dort gemeldet worden sei. Ich antwortete, dass ich keine Lust habe, den Quatsch von irgendwelchen Quatschmedien zu dementieren. Die dadurch verlorene Zeit wüsste ich für journalistisch Sinnvolleres einzusetzen. Das sah er ein, wenngleich grummelnd, denn es bedeutete den Verzicht auf Klicks. Immerhin nicht den auf Glaubwürdigkeit, ein Kriterium, das sich nicht so einfach messen lässt.