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Die drei ??? vom „Spiegel“

Mit seinem Gabriel-Scoop sprengte der „Stern“ das Fest der Konkurrenz. Das freute vor allem eine: G+J-Chefin Julia Jäkel.

Was wäre das für ein Scoop gewesen, hätte der „Spiegel“ die Feierlichkeiten zu seinem 70. Geburtstag am Dienstag mit der Nachricht beendet, wer der nächste Kanzlerkandidat der SPD ist. Der Zeitpunkt wäre ideal gewesen. Das Magazin hatte für den Abend jede Menge Prominenz, Politiker und Hauptstadtjournalisten in sein Berliner Büro eingeladen, auch Sigmar Gabriel. Und Martin Schulz. Und die Kanzlerin. Der Abend sollte ganz dem „Spiegel“ gehören. Man wollte sich in den schicken, neuen Räumlichkeiten zeigen – und später dann, um Mitternacht, auf René Pfister anstoßen, den Chef des Hauptstadtbüros.

Doch daraus wurde nichts. Gefeiert wurde der „Stern“.

Die Illustrierte hatte das entscheidende Interview mit Sigmar Gabriel bekommen und war damit Talk of the town. Nicht Gabriel, sondern Martin Schulz wird Kanzlerkandidat der SPD, an ihn gibt Gabriel auch den Parteivorsitz ab, er selbst folgt Frank Walter Steinmeier nach der voraussichtlichen Wahl zum Bundespräsidenten als Außenminister. Um sich an einen ähnlichen Scoop des „Stern“ zu erinnern, noch dazu einen aus der großen Politik, muss man über ein brillantes Langzeitgedächtnis verfügen.

Es kam, wie es kommen musste: Über den „Spiegel“ redete an diesem Abend kaum jemand. Wie die Chefs des Magazins Angela Merkel und Sigmar Gabriel empfingen, strahlte so gar nichts aus von jener „Eleganz der Erkenntnis“, von der Chefredakteur Klaus Brinkbäumer beim Senatsempfang am 6. Januar im Hamburger Rathaus gesprochen hatte.

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Im Gespräch: Roland Nelles („Spiegel Online“, v.li.), Klaus Brinkbäumer, Angela Merkel, „Spiegel-Online“-Chefredakteurin Barbara Hans, René Pfister.

Diese Formulierung hatte Brinkbäumer gewählt, als er von seiner ersten Begegnung mit Heiner Schimmöller und Jürgen Leinemann erzählt hat. Es war während der Fußball-WM 1990 in Italien, Brinkbäumer war junger Reporter der „Abendzeitung“ und lauerte wie die anderen Reporter auf Zitate aus der deutschen Mannschaft: Mehr als „Informatiönchen“ waren nicht zu erwarten, „exklusiv war für die meisten von uns wenig zu holen“. Schimmöller, der Brinkbäumer später zum „Spiegel“ abwerben sollte, und Leinemann, der ihm Vorbild wurde, saßen lässig in weißer Leinenhose und weißem Hemd auf einer Tribüne und hielten sich aus den hektischen Gesprächen heraus. Brinkbäumer erzählte: „Sie hatten keine Eile, es war eindeutig: Sie wussten etwas, das wir nicht wussten, ihre ganze Erscheinung drückte, wie soll man es nennen, die Eleganz der Erkenntnis aus.“ Und dann öffnete sich eine Tür, Franz Beckenbauer winkte Schimmöller und Leinemann herbei, die Tür schloss sich, „und was wirklich wichtig war in der deutschen Mannschaft, das lasen wir Anfänger am folgenden Montag im ,Spiegel‘“.

Ganz anders im Januar 2017. Die Nachricht, dass Gabriel auf den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur verzichtet, traf sowohl bei „Spiegel“ als auch „Spiegel Online“ auf ahnungslose Redakteure.

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Gefragter Gast an diesem Abend: Sigmar Gabriel mit Markus Feldenkirchen („Spiegel“, v.li.), Ex-Regierungssprecher Thomas Steg und Michael Sauga („Spiegel“).

Noch am Dienstagfrüh hatte „Spiegel“-Vize Dirk Kurbjuweit in dem gern als Morgenlatte verspotteten Newsletter „Morgenlage“ geschrieben, „ein paar kompetente Spekulationen“ deuteten darauf hin, dass die SPD noch am selben Tag einen Kanzlerkandidaten präsentieren könnte, „womöglich sogar den Vorsitzenden Sigmar Gabriel“. Zwar gebe es „keine Erkenntnisse darüber, dass es einen Zusammenhang von Kandidatenkür und ,Spiegel‘-Fest“ gebe. Mit nochmaligem Verweis auf die „kompetenten Spekulationen“ schrieb Kurbjuweit weiter: „Wir würden uns freuen, einen Kanzlerkandidaten der SPD begrüßen zu können“.

Nun, die Spekulationen erwiesen sich als nicht wirklich kompetent, auch blieb der Kandidat Schulz dem Fest am Ende des Tages fern. Noch immer ist bei „Spiegel Online“ zu lesen, was der Redakteur Florian Gathmann am selben Dienstagmorgen zu wissen vorgab: Gabriel wage den Konflikt mit Steinmeier, es werde zu einer Machtprobe kommen, auch habe Gabriels Freundschaft zu Schulz „einige Kratzer“ bekommen, aber Gabriel zeige nun „klare Kante“ und mache damit deutlich: „Hier spricht der künftige Kanzlerkandidat“. Schulz dürfe „wohl nun lediglich die Nachfolge von Steinmeier antreten“, während Steinmeier „entgegen seines Wunsches“ bis zur Bundesversammlung Außenminister bleiben müsse. Gathmann weiter: Gabriel halte „beinhart“ am Zeitplan fest, „und der sieht die Präsentation des Herausforderers von Amtsinhaberin und CDU-Chefin Angela Merkel erst am Sonntag vor“.

Wohl gemerkt, das alles veröffentlichte Gathmann bei „Spiegel Online“ am Dienstag um 7 Uhr. Wenige Stunden später kam bekanntlich alles anders.

Anders als geplant verlief auch, wie der „Stern“-Scoop publik wurde. Wie mir der Herausgeber Andreas Petzold bestätigte, war mit Gabriel vereinbart, die Vorabmeldung während der Präsidiumssitzung zu veröffentlichen. Die „Zeit“ wiederum hatte mit Gabriel abgesprochen, die Vorabmeldung am Dienstag um 20 Uhr via „Zeit online“ zu veröffentlichen. Stattdessen kursierte bereits am Nachmittag das Cover des neuen „Stern“. Chefredakteur Christian Krug erfuhr davon im Zug auf der Fahrt zum „Spiegel“-Fest nach Berlin. Trotzdem wartete er mit einer eigenen Meldung, bis Gabriel vor seine Fraktion getreten war und „die Sperrfrist gegenüber dem ,Stern‘ aufgehoben“ hatte.

Krug hat sich Gabriels Vertrauen in der Vergangenheit bei Auslandsreisen erworben. Während eines Flugs von Hongkong nach Berlin Anfang November 2016 habe Gabriel ihm erstmals von Überlegungen berichtet, auf die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz zu verzichten, schreibt der „Stern“-Chef in der aktuellen Ausgabe. Bis Gabriels Beschluss jedoch gereift und er bereit war, öffentlich darüber zu sprechen, verging noch viel Zeit. Vorige Woche schließlich lud Gabriel Krug für den darauf folgenden Sonntagvormittag zum Interview zu sich nach Goslar ein.

Wie aus der Redaktion zu hören ist, begannen daraufhin die Vorbereitungen für den Fall, dass Gabriel seinen Entschluss mitteilt. Falls ja, sollte das Interview zur Titelgeschichte werden, falls möglich, sollte der Erscheinungstag auf Mittwoch vorgezogen werden. So kam es dann auch.

Bernd Ulrich von der „Zeit“ wiederum erfuhr von Gabriel bereits am 17. August 2016, dass ihn Zweifel überkommen hätten, „ob er kandidieren könne und wolle“. Seither denke der SPD-Mann über eine Lösung nach, „über eine Mitte zwischen Rasenmähen und Kanzlerkandidatur, zwischen Familie und Berufung. Und zwischen Martin und ihm“. So steht es in dem Porträt in der neuen Ausgabe der „Zeit“, für das Ulrich den Politiker ein halbes Jahr lang begleitet hat.

Was hat das nun zu bedeuten, dass sich Gabriel „Stern“ und „Zeit“ offenbart hat und der „Spiegel“ bei all dem ahnungslos blieb?

Schon seit langem reden Hamburger „Spiegel“-Kollegen in Gesprächen mit mir von den „drei Fragezeichen“, wenn sie die Chefs des Berliner Büros meinen, René Pfister und seine beiden Stellvertreter Michael Sauga und Christiane Hoffmann. Sie sagen, ihnen fehlten die direkten Drähte in die Politik, weshalb es dem „Spiegel“ in dieser Hinsicht an Relevanz mangle. Prangern sie das intern an, bekommen sie zu hören, am Hauptstadtbüro sei schon immer herumgenörgelt worden, aber Hauptstadtjournalismus funktioniere nun einmal nicht so idealistisch, wie man sich das an der fernen Elbe vorstellt. Als ich „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer vor einigen Monaten auf diese Kritik angesprochen habe, antwortete er mir: „Das Hauptstadtbüro arbeitet exzellent, der ,Spiegel‘ ist investigativ und politisch so wach, wie er sein muss“.

Nun, dem „Spiegel“ blieb am Dienstagabend lediglich die Statistenrolle. Ahnungslos wie die Hauptstadtjournalisten waren, konnte Gabriel sich aussuchen, wem er den Zuschlag für den Scoop erteilt. Er suchte sich jene aus, die nicht seinem Bild von der „Aufgeregtheit der Berliner Medien“ entsprechen und sich nicht „von der eigenen Fantasie treiben“ lassen, wie er im „Stern“-Interview sagt.

P.S.: Julia Jäkel, die Chefin des „Spiegel“-Mitgesellschafters Gruner + Jahr, konnte sich ihre Freude über den seltenen Erfolg des „Stern“ nicht verkneifen. Nach ihrer Rückkehr vom „Spiegel“-Fest in Berlin schrieb sie den „lieben ,Stern‘-Kolleginnen und -Kollegen“ eine Mail:

Gestern war ein sehr großer Tag für den ,Stern‘ und damit für G+J. Dass es dem ,Stern‘ gelungen ist, DIE innenpolitische Nachricht seit langem exklusiv – und hier passt das Wort nun wirklich – an Land zu ziehen und mit dieser Nachricht wirklich alle zu überraschen, macht mich sehr stolz. 

Es freut mich persönlich für Christian Krug, der mit seiner Hartnäckigkeit, aber auch mit dem Vertrauen, das er zu Sigmar Gabriel aufgebaut hat, einen unglaublichen Coup gelandet hat. Das konnte aber nur gelingen, weil Ihr ein starkes Team seid, das an einem Strang zieht und jeder auf unterschiedliche Weise dazu beiträgt, dass der ,Stern‘ seine Relevanz stärkt. Wie Ihr das Ganze so lange geheim halten konntet und auch der Knaller erst um 15 Uhr via „meedia“ (Grosso, vermute ich?) bekannt wurde, bleibt mir schleierhaft. Ihr zeigt: Dem ,Stern‘ kann man vertrauen.“ 

Schließlich mischte sich in die Freude ein ordentlicher Schuss Schadenfreude. Weiter schrieb Julia Jäkel:

„Gestern war für mich ein doppelt glücklicher Tag: Denn ich konnte mit Christian gemeinsam an der ,Spiegel 70 Jahre Party‘ teilnehmen. Er wollte eigentlich bescheiden in HH bleiben, aber das konnten wir verhindern. Und der Abend war dann genau so, wie Ihr es Euch ausmalt.(…)“