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Unter uns Pastorentöchtern

Hintergrundgespräche machen nicht korrupt und eingehaltene Zusagen sind keine Marotte unzeitgemäßer Journalisten. Von Ulrike Simon

Natürlich musste ich sofort an die vielen Hintergrundgespräche denken, die ich bei Springer geführt habe, auch mit Mathias Döpfner, als der Springer-Vorstandschef am Mittwoch im Interview mit der dpa Hintergrundgespräche verteufelte, „bei denen alles gesagt wird, aber man davon dann nur zehn Prozent schreiben darf“. Ich werde ihn daran erinnern, wenn Springer-Sprecherin Edda Fels beim nächsten Mal ermahnt, alles, was im Hintergrund gesagt worden sei, möge auch so behandelt werden, und falls man doch etwas verwende, müssten die Zitate zur Autorisierung vorgelegt werden.

Aber Scherz beiseite. Ich fand es ganz passend, dass sich Döpfner über Hintergrundgespräche ausgelassen hat. Ich hatte mir ohnehin vorgenommen, über dieses Thema zu schreiben. Anlässe gab es nach meiner letzten Kolumne gleich mehrere.

Da war zum Beispiel dieser Artikel in der „taz“, in dem es über das ein paar Stunden früher als geplant bekannt gewordene Rücktritts-Interview von Sigmar Gabriel im „Stern“ hieß: Wichtiger sei die Frage, „was die ganze Geheimniskrämerei eigentlich soll“. Konkret fragte der Autor: „Warum stellt man eine Information nicht dann online, wenn man sie hat? Sigmar Gabriel und die Journalisten von ,Zeit‘ und ,Stern‘ scheinen hier einer etwas altmodischen Vorstellung von Journalismus erlegen zu sein“.

Soso. Ist es also jetzt nicht mehr zeitgemäß Zusagen einzuhalten? Ist das eine Marotte zurückgebliebener Journalisten, die noch immer für Print schreiben? Oder gilt in der digitalen Welt Anstand nichts mehr?

Der Kollege von der „taz“ nahm am Dienstag übrigens dann doch bei einem Hintergrundgespräch teil. Ich weiß das, weil ich dabei war und bin gespannt, ob er sich an die Regel hält, dass alles „unter drei“ war. Unter drei bedeutet übrigens nicht, dass man sich später nicht mehr erinnern darf, was gesagt wurde.

Ich für meinen Teil empfinde es jedenfalls, anders als Mathias Döpfner, ganz und gar nicht so, dass ein Hintergrundgespräch zu viel Nähe erzeugt „zu jenen, über die man eigentlich kritisch berichten müsste“. Sinkt die Kritikfähigkeit mit wachsender Sachkenntnis? Nicht, dass ich wüsste. Der Springer-Vorstandschef ist mein bester Zeuge.

Bezeichnend ist, dass Hintergrundgespräche im größeren Kreis inzwischen seltener geworden sind. Woran das liegt? Bei jenem am Dienstag hieß es, dieses Format sei in Verruf gekommen. Trotzdem wolle man es ausprobieren. Ein  Vertrauensvorschuss. Ich selbst hatte mit einem Kollegen gewettet, dass es nicht funktionieren wird, weil es ja doch immer einen gibt, der sich nicht an die Regeln hält. Für manche scheint es unerträglich zu sein, nicht alles sofort hinausposaunen zu dürfen. Ich habe schon erlebt, wie ein Kollege aus einem Hintergrundgespräch heraus getwittert hat.

Warum mich das fassungslos macht?

Weil ich es unanständig finde, wenn ein Gesprächspartner darauf vertraut, frei Schnauze reden zu können und nicht auf jede Formulierung achten zu müssen und dann doch öffentlich damit zitiert wird.

Weil es hilfreich ist, Hintergründe zu erfahren, die vordergründig nichts zur Sache tun, einem aber helfen, Zusammenhänge zu erkennen und Dinge einzuordnen.

Und weil solche Hintergrundgespräche, wie sich auch diesmal wieder zeigte, Kollegen mit weniger Detailwissen zu mehr Sachkenntnis verhelfen. Einfach, weil mehr Zeit ist, um auch doofe Fragen zu stellen, die ja meistens gar nicht so doof sind.

Es kann doch nicht Ziel sein, nur noch Instant-Journalismus zu betreiben: Ich stelle eine Frage, halte jemandem das Mikro unter die Nase, tippe das Zitable in den Computer, Artikel fertig, nächstes Thema.

Okay, oft hat man den Eindruck, dass das genügt. Aber Sinn der Sache ist das nicht. Dafür hat man seinen Beruf nicht erlernt.

Manchmal muss eine Information Tage, Wochen, Monate reifen, bis aus ihr eine runde Geschichte wird, bis der Anlass gekommen ist, sie zu veröffentlichen, bis ein Zweifel – siehe Gabriel – zur Gewissheit wird. Welche Erkenntnis brachten dem Leser, Zuschauer, Hörer, Nutzer die Wasserstandsmeldungen, ob Gabriel es nun macht oder nicht? Oder die vorzeitige Behauptung, er habe sich entschieden – nur eben anders als es dann der Fall war?

Die entscheidende Nachricht in Sachen SPD-Kanzlerkandidatur blieb jedenfalls jenen beiden Journalisten vorbehalten, die geduldig von Hintergrundgespräch zu Hintergrundgespräch mehr über Gabriel lernten und dadurch besser wussten, was in dem Politiker und Menschen über Monate vor sich gegangen war: Der eine war Bernd Ulrich von der „Zeit“, der andere Christian Krug vom „Stern“. Und beide sind meine Zeugen, dass ich weder „Zeit“ noch „Stern“ mit Samthandschuhen anfasse.

In einem Punkt hat Döpfner allerdings recht, wenn er nämlich sagt: „Manche Journalisten verstehen sich inzwischen als Politikberater und betreiben einen Journalismus, der sich an ein paar Eingeweihte richtet, denen sie Codewörter zurufen.“ Das aber ist nicht das Problem von Hintergrundgesprächen, sondern das einer falschen Berufsauffassung und mangelnder Charakterstärke.

Korrumpierbar sind nur jene, die sich korrumpieren lassen. It takes two to tango.