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Die Physiognomie des Martin Schulz

Wenn hochmögende Politikjournalisten zu wissen glauben, wie der Wähler tickt. Von Ulrike Simon

Sich jede Woche zu überlegen, worum es in der nächsten Kolumne gehen soll, bedeutet, jede Woche mit sich zu ringen, welches Thema sich besser eignet. Die Geschichte mit Martin Schulz zum Beispiel verschob ich schon mindestens zweimal. Doch als ich am Mittwoch die Seite-2-Kolumne von Franz Josef Wagner in „Bild“ las, beschloss ich: Jetzt ist es so weit.

Wagner schwadronierte nämlich vom „Spinnennetz“ in Schulz‘ Gesicht, wofür er die verbale Steigerung fand, es handle sich um einen „ausgefransten Teppich“, den sich einer, der Kanzlerkandidat sein will, gefälligst abzurasieren habe, so schwer sei das nicht: „Man seift sich das Gesicht ein, bis die Barthaare weich werden. Und dann schneidet man von unten nach oben“.

Aber, halt, stopp! Ich hatte versprochen, über hochmögende Politikjournalisten zu schreiben. Also von vorn.

Vor einigen Wochen saß ich mit Freunden beim Essen, als wir wegen Martin Schulz aneinandergerieten. Sigmar Gabriel schien zu dieser Zeit als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl gesetzt. Schulz schien durch zu sein. So war es damals noch zu lesen. Schulz hätte sowieso keine Chance gehabt, sagte der, der sich an unserem Tisch in Politik wie Journalismus am besten auskennt. Dachten wir jedenfalls.

Wir wollten wissen: Wie er darauf komme? Was gegen Schulz spreche? Na, ganz klar, antwortete unser Insider: So wie der schon aussieht! Aha, sagte ich: Sieht Gabriel besser aus? Oder Angela Merkel? Und was, bitteschön, tut das zur Sache? Ja, nee, sagte der Freund: Einer wie Schulz habe beim Wähler keine Chance. So sei das eben. Punkt.

Der, der das sagte, bleibt mein Freund. Um das zu zerstören, hätte er Schlimmeres sagen müssen. Zum Beispiel dass einem, der „die Zulassung zum Abitur nicht geschafft“ habe und „wenig später zum Trinker wurde, bevor er als grantelnder Abstinenzler für 22 Jahre im Brüsseler Europaparlament verschwand“, jegliche Befähigung zur Kanzlerschaft abzusprechen sei. So schrieb über Schulz im vorigen November „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor Steingart in seinem Newsletter „Morning Briefing“.

Fast hatte ich das Tischgespräch unter Freunden also aus dem Gedächtnis gestrichen. Doch einige Tage danach, an jenem Dienstag, an dem herauskam, dass Gabriel den Parteivorsitz abgibt und auf die Kanzlerkandidatur verzichtet – beides zu Gunsten von Schulz – nahm ich an besagtem Empfang im „Spiegel“-Hauptstadtbüro teil. Fast jedes Gespräch an diesem Abend landete früher oder später bei Schulz und Gabriel. Kein Wunder, es wimmelte bei der Party vor Hauptstadtjournalisten, von solchen der ARD über FAZ bis „Zeit“, darunter auch ein paar vor Stolz strotzende vom „Stern“, der das entscheidende Gabriel-Interview bekommen hatte, und mehrere verdruckste vom „Spiegel“, die davon kalt erwischt worden waren.

Am Ende des Abends hatten mich drei Hauptstadtbeobachter, alle in der Politik bestens bewandert, jeder von einem anderen Medium, alle hochmögend, alle Männer, in einer Art, die keinen Widerspruch erlaubte, belehrt: Das mit Schulz könne nichts werden. Warum? Wegen der Physiognomie. Frauen achteten angeblich auf solche Äußerlichkeiten, und die seien für die SPD ganz wichtig bei einer Wahl.

Eine der ebenfalls anwesenden Medienfrauen, der ich das erzählte, verriet mir, auch sie sei auf diese Weise heute Abend belehrt worden, anders als ich sogar einmal mehr, alle vier waren Männer.

Wenige Tage später las ich dann auch schon die ersten Styling-Tipps für den neuen Mann an der Spitze der SPD. Udo Waltz war darum gebeten worden. „Der Bart muss ab“, riet der Promifriseur, eine andere Brille müsse ebenfalls her. Kurz darauf erschienen in mehreren Medien die ersten Kommentare, die an den Spruch „Politik ohne Bart“ erinnerten und dass das mit Rudolf Scharping damals ja auch nicht geklappt hätte.

Derweil stieg Schulz in der Wählergunst, die SPD bekam einen nicht enden wollenden Zulauf neuer Mitglieder. Also mussten die Politikjournalisten umdenken. Inzwischen heißt es, Schulz drücke mit seiner Physiognomie „den absoluten Willen zur Macht“ aus.

Mir drängt sich der Eindruck auf: Die Kunst des Leitartiklers besteht darin, hinterher aufs Genaueste analysieren zu können, wie es zu dem kam, wovon er zuvor nicht die geringste Ahnung hatte.