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Wer ist Nicolas Richter?

Ein Treffen mit Hans Leyendeckers Nachfolger als Investigativ-Chef der „Süddeutschen Zeitung“. Von Ulrike Simon

Ein bisschen unangenehm war es mir schon. Seit fast einem halben Jahr leitet Nico Richter bei der „Süddeutschen Zeitung“ das Investigativressort. Ich sollte das wissen, schließlich habe ich es als Erste geschrieben. Aber irgendwie bin ich danach nicht dazu gekommen, im Telefonbuch meines Handys die Münchner Büronummer des Vorgängers Richter zuzuweisen. So kam es, dass ich neulich beim Klingeln auf dem Display den vermeintlichen Namen des Anrufers las, wie üblich nicht abwartete, wer sich meldet, sondern zur Begrüßung ein fröhliches „Hallo, Herr Leyendecker“ ins Telefon schmetterte. „Äh, Nico Richter hier“, erhielt ich als Antwort.

Richter wird das nicht zum ersten Mal passiert sein. Manche haben noch gar nicht realisiert, dass Hans Leyendecker offiziell in Rente ist. Der 67-Jährige schreibt zwar weiterhin für die „Süddeutsche“, aber als Pauschalist. Andererseits ist es ohnehin egal, ob man mit Leyendecker oder Richter telefoniert. Sie erzählen einander sowieso alles, was sie mit einem besprochen haben und machen daraus auch kein Geheimnis. Es ist offensichtlich, wie gut sich die beiden verstehen.  

Während jedoch Leyendecker einer der  bekanntesten Journalisten des Landes ist, gilt das für Richter nicht. Noch nicht. Ich finde, es ist an der Zeit zu fragen: Wer ist der Mann, der seit September bei der „Süddeutschen“ das Ressort „Investigative Recherche“ leitet? Wer ist Nicolas Richter?

Er scheint jedenfalls einer zu sein, der sich verlässlich an Verabredungen hält, was schon einmal erfreulich ist. Und er drängt sich nicht in den Vordergrund, was in der Branche der Eitlen keine Selbstverständlichkeit ist. Meinen ersten Versuch, ihn besser kennenzulernen, lehnte er derart höflich ab, dass ich ihm nicht einmal gram gewesen wäre, wenn ich das gewollt hätte.

Vorige Woche war es dann so weit. Wir trafen uns. So viel vorweg: Ich musste mein Vorurteil revidieren, dass es für einen derart ruhigen, jungen Kollegen ein schier unmögliches Unterfangen sein muss, einem Leyendecker nachzufolgen und gegenüber einem Georg Mascolo oder den binnen kürzester Zeit dutzendfach preisgekrönten beiden Obermay(ai)ers das Sagen zu haben.

Zum einen habe ich unterschätzt, was es bedeutet, dass Richter bei der „Süddeutschen Zeitung“ beruflich sozialisiert wurde. Anders als Leyendecker, der 1997 vom „Spiegel“ kam und als Ein-Mann-Recherche-Trupp vom weit entfernten Leichlingen aus überhaupt zum ersten Mal in Deutschland den Nachweis erbrachte, dass Investigativjournalismus auch für Tageszeitungen funktioniert, ist Richter aus Sicht der „SZ“-Redaktion „einer von uns“. Das hilft in vielfacher Weise, zumal bei einem als arriviert gewerteten Ressort.

Der heute 43-Jährige schrieb schon nach dem Abitur als Freier fürs Lokale der „Süddeutschen“, volontierte dort, wurde Nachrichtenredakteur und arbeitete im Ressort Außenpolitik, bevor er 2009 mit Leyendecker das Investigativ-Ressort aufbaute – etwas, was in jener Zeit plötzlich alle großen Zeitungen haben wollten. 2012 wechselte Richter für die SZ nach Washington, im Wissen, dass er nach seiner Rückkehr Leyendecker beerben wird.

Nico Richter ist aber nicht einfach nur „SZ“-sozialisiert. Ich könnte es pathetischer formulieren: Er liebt das Münchner Blatt. Entflammt hat die Liebe Herbert Riehl-Heyse. Richter mochte, wie der Autor schrieb – diesen Hang, nicht alles ernst zu nehmen. Später, als Volontär, bewunderte er den Blick des damaligen „SZ“-Kollegen Arno Makowsky für Skurriles, das in Form unterhaltsamer Miniaturen den Weg ins Blatt fand. Und dann war da Leyendecker, für dessen Themen sich Richter so sehr interessierte, dass die beiden eine immer enger werdende Arbeitsbeziehung eingingen. Wie eng, merkt man, wenn man sie übereinander befragt. Richter schwärmt dann von Leyendeckers Themenbreite und der Dichte seines Netzwerks; Leyendecker beginnt aus dem Stand ein Loblied zu singen auf diesen bodenständigen jungen Mann, der das Handwerk so viel besser beherrsche, sowieso viel besser schreiben könne, und überhaupt: der so viele Sprachen spreche.

Geboren ist Richter in Genf. Er besuchte eine internationale Schule, lernte neben Französisch, Englisch und Portugiesisch später auch Spanisch, was wichtig ist, denn beim Spanisch-Kurs begegnete ihm jene Brasilianerin, die bald seine Frau wurde und mit der er heute zwei Kinder hat. Er studierte Jura, ging nach Paris, interessierte sich vor allem für Völkerrecht. Das Ausland fasziniert ihn in jeglicher Hinsicht. Das machte ihn zu dem „Welt-Ermittler“, der er ist – im Gegensatz zum „Deutschland-Ermittler“, als den ich vor zwölf Jahren in einem Porträt Hans Leyendecker bezeichnet habe. Womit ich bei der Frage bin, ob und was sich im Investigativ-Ressort der SZ unter Richter ändert, welche neuen Schwerpunkte er setzt.

In Washington, sagt Richter, hätte er auf die Frage, für wen er schreibe, anfangs umständlich von der „South-German Newspaper“ erzählt, die – anders als der Titel vermuten lasse – keine regionale, sondern die führende deutsche Zeitung sei. Bald musste er nicht mehr viel erklären. Es reichte zu sagen, er arbeite für die Zeitung, die die Panama Papers enthüllt hat. Einen besseren Beleg, wie viel exklusive Recherchen aufs Image eines Mediums einzahlen, gibt es nicht.

Richter nickt, als ich ihn frage, ob der selbstverständliche Umgang mit Daten und der internationale Blick ihn von Leyendecker unterscheiden. Man muss ja nur die großen Recherchen Revue passieren lassen, mit denen sich das Investigativ-Ressort der „Süddeutschen“ seit seiner Gründung einen Namen machte.

Die erste war die Drehbuchaffäre beim NDR, die Leyendecker und Richter gemeinsam enthüllt haben. Später kamen die Formel-1-Affäre, die Swiss-Leaks, schließlich die Panama Papers mit ihren weltweiten Auswirkungen hinzu.

Richter plant, bei den Recherchen künftig vermehrt die Auslandskorrespondenten des Blattes mit einzubeziehen. Damit wird sich das Ressort auf noch mehr Autoren stützen können. Anfangs bestand es nur aus Leyendecker, Richter und Klaus Ott, später gesellte sich als Verbindungsmann zu „Panorama“ John Goetz dazu, schließlich kam Mascolo und mit ihm der Rechercheverbund mit NDR und WDR. Inzwischen gehört dem Ressort neben den erwähnten „Panama-Papers“-Enthüllern Frederik Obermaier, Bastian Obermayer und Vanessa Wormer aus der Digital-Redaktion auch Ralf Wiegand an. Wiegand betreute zuletzt das „Buch Zwei“ der Wochenendausgabe. Leyendeckers Nonchalance nach dem Motto „Wir sind ein paar Underdogs, und jeder ist sein eigener Chef“, funktioniert da nur noch begrenzt.

Die Teamarbeit zu koordinieren wird die eine Aufgabe sein, die Richter zu erfüllen hat, seine internationalen Ambitionen habe ich erwähnt. Und sonst? Richter rutscht auf seinem Platz hin und her und zitiert den Satz eines Lesers: Er schätze, dass seine Zeitung so vieles herausbekommt, sei aber auch immer froh, wenn er das nicht lesen müsse.

Faktenhuberei, sagt Richter, sei zwar der Wesenskern investigativer Recherche. Aber gerade Skandale, die sich in die Länge zögen, könnten Leser schnell ermüden. Dem gelte es vorzubeugen, indem man sich anstrengt, die Aufmerksamkeit des Lesers immer wieder neu zu gewinnen, sei es mit einer besonderen Optik, einem anderen Dreh, einem frischen Zugang zum Thema.

Investigatives unterhaltsam aufschreiben? Für Richter ist das kein Widerspruch, sondern Herausforderung. In diesem Punkt hat er seinen Herbert Riehl-Heyse tief verinnerlicht.