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Schöner Wohnen mit Gruner + Jahr

Am Baumwall lautet die Antwort auf den digitalen Wandel nicht „mobil“, sondern: „Möbel“. Von Ulrike Simon

Erinnert sich jemand an Robert Kisch? Das war das Pseudonym von Guido Eckert, einst ein gut verdienender und mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichneter Journalist. Als sein beruflicher Niedergang begann und er keine Aufträge mehr erhielt, wollte er das zunächst nicht wahrhaben. Der Prozess verlief schleichend. „Das ging über zehn Jahre, peu à peu“, erzählte er vor einem Jahr dem „Stern“. Irgendwann war er bereit, einen Job als Möbelverkäufer anzunehmen. Das sei schlimmer gewesen „als ein Leben im Gefängnis“: „Ich sagte mir, es kann doch nicht sein, dass ich von morgens bis abends Schrankwände verkaufe“. Er beschloss, einen Tatsachenroman zu schreiben, nannte sich Robert Kisch, in Anlehnung an den legedären „rasenden“ Reporter Egon Erwin Kisch, und das Buch „Das Möbelhaus“. Es wurde ein Überraschungserfolg, gelobt von „taz“ bis FAZ.

Wer in den vergangenen Tagen bei Gruner + Jahr vorbeischaute, kam sich auch vor wie in einem Möbelhaus. Dort, wo einst Journalisten mit dem Egon Erwin Kisch-Preis ausgezeichnet wurden, standen Regale, Sofas, Sideboards und Vitrinen. Statt nach Papier, Schweiß und Elbwasser roch es nach neuem Teppich, Holz und Leim. Der Verlag, von dem es einmal hieß, sein Herz schlage in den Redaktionen, war nicht wiederzuerkennen. Der Eingangsbereich hieß jetzt „Schöner Wohnen Quartier“.

Macht Gruner + Jahr jetzt in Möbel? Offensichtlich ja. Im Intranet heißt es: „Wir mischen Deutschlands Möbelmarkt auf“. Von Themenwelten ist die Rede. Sie heißen „Skandinavisch Nordisch“, „Modern Kreativ“ und „Klassisch Elegant“. Die Kollektion reicht von „Korpus- und Polstermöbeln“ bis zu „Tischen und Stühlen“, rund um die „Einrichtungssegmente Wohnen, Speisen und Schlafen“.

Das Ganze begann vor zwei Wochen. Die Mitarbeiter wussten nicht, wie ihnen geschah, als sie morgens zur Arbeit kamen und überall gebohrt, gehämmert und gedübelt wurde. Im Intranet erfuhren sie den Grund. Ihm sei klar, dass er sich mit der Beschlagnahme des Foyers und den Aufbauarbeiten gerade sehr unbeliebt mache, schrieb dort ein gewisser Michael Espenhahn. Der frühere Hülsta-Manager leitet bei Gruner + Jahr den Geschäftsbereich Möbel. Wer hätte gedacht, dass in einem Verlag, der noch immer für Medienmarken wie „Stern“, „Geo“ oder „Brigitte“ steht, Menschen mit solchen Berufsbezeichnungen arbeiten?

Im Intranet stand dann noch, es handle sich da unten im Foyer um eine Möbelmesse für Fachbesucher und Handelspartner, und es erkläre sich von selbst, warum sie dort stattfinde: „Hier hat alles angefangen, hier steckt unsere DNA“.

Nun, auch ich dachte, die DNA von Gruner + Jahr sei eine andere, doch das scheint sich geändert zu haben. „Schöner Wohnen“, die Zeitschrift, die lange von der Verlegertochter Angelika Jahr verantwortet wurde, ist nämlich „Pionier und Vorbild für den Transformationsprozess bei Gruner + Jahr“. Sie habe sich „konsequent erweitert“ zu einem „Marken-Kosmos“, und nun dringe man „in eine neue Dimension“ vor, dichteten die Verantwortlichen im Intranet. Ziel sei, „Deutschland ab Herbst ordentlich aufzumöbeln“. Dann komme die eigene Kollektion in den Handel.

Was aber tun mit all den Mitarbeitern der alten Dimension, von denen zu befürchten ist, sich auf dem Weg in die neue zu benehmen wie die Neandertaler? Entsprechend lauteten die Warnungen im Intranet: „Bitte keine Getränke oder Snacks mit ins Quartier bringen, damit unsere Möbel krümelfrei und fleckenlos bleiben“. Und: „Bei Ihrem Besuch sollten die geschäftlichen Gespräche möglichst nicht gestört werden“.

Wie wohl die anderen Zeitschriften dem Pionier und Vorbild für den Transformationsprozess bei Gruner + Jahr nacheifern werden? Unbestätigten Gerüchten zufolge plant G+J im Sommer die Messe „Heißer Grillen mit Beef“ und bereitet für Herbst „Dogs – Die Hundeschau“ vor. Und nach dem Umzug, am neuen Standort in der HafenCity, wo für die Redaktionen angeblich nur halb so viel Platz ist, wird es dann wohl rund um „Landlust“ eine Agrar- und rund um „Walden“ eine Outdoor-Messe geben. Sobald die neuen Geschäftsfelder das überholte Modell mit Journalismus obsolet gemacht haben, wird G+J stolz verkünden können: Der Change-Prozess ist erfolgreich bewältigt. Ein Verlag wird Gruner + Jahr dann nicht mehr sein.