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Noch und nöcher

Es gibt schöne Wörter, altmodische, seltene und überflüssige. Zur letzten Kategorie gehört das Wörtchen „noch“. Interviewpartner fügen es gerne nachträglich ein und wären so viel glaubwürdiger, ließen sie es sein. Von Ulrike Simon

Gibt es eine Allergie gegen bestimmte Wörter? Ich glaube schon. Content ist so eines. Mir wird immer übel, wenn einer von Content spricht, dabei bloß irgendwelche Inhalte meint, egal was, aber so tut, als ginge es um Journalismus. Was meinen Blutdruck richtig in Fahrt bringt, ist aber das Wörtchen noch.

Irgendjemand hat mir mal erzählt, es habe psychologische Gründe, dass man beim Schreiben hier und da zunächst ein paar Nochs in die Sätze einflicht. Es hat angeblich etwas damit zu tun, dass diese Füllwörter dem Gehirn helfen, Gedankengänge logisch aneinanderzureihen. Stehen lassen sollte man diese Nochs in der Endfassung allerdings nicht. Dem Leser helfen sie nicht, sie stören sogar, außerdem verlängern sie Texte unnötig und rauben damit Sinnvollem den Platz. Jedes Noch auf seine Existenzberechtigung zu prüfen und im Zweifel zu streichen empfiehlt sich übrigens auch für ausschließlich online erscheinende Texte, bei denen es keine Längenvorgaben gibt. Auch online haben Leser das Recht, nicht mit unnötigen Füllwörtern belästigt zu werden.

Leider machen Interviewpartner und ihre Pressesprecher das genaue Gegenteil. Gerne fügen sie nachträglich beim Autorisieren das eine oder andere Noch ein, wo vorher keines stand. Ich mache es kurz: Das nervt.

Mir ist es neulich selbst wieder so ergangen, und mich ärgert, dass ich mich nicht einmal dagegen gewehrt habe. In ihrem Antrittsinterview als Intendantin des rbb sagte Patricia Schlesinger: „Mein Anspruch an das Programm ist, Quote und Qualität noch zu verbessern“. Was sie damit bezwecken wollte, liegt auf der Hand. Schlesinger wollte beim rbb niemanden verärgern, indem sie sagt, wie es wirklich ist. Dabei ist es kein Geheimnis, dass der rbb im Quotenranking der ARD-Dritten abgeschlagen auf dem hintersten Platz rangiert und beim Programm Luft nach oben hat. Mit ihrem Noch erweckte Schlesinger den Anschein, schon jetzt sei kaum auszuhalten, wie gut Programm und Quote sind. Es wäre ehrlicher und völlig ausreichend gewesen, hätte sie das hohle Noch weggelassen und gesagt: Mein Anspruch an das Programm ist, Quote und Qualität zu verbessern.

Ein anderes Beispiel: Kürzlich sprach Florian Harms, der Chef von „Spiegel Online“, im Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ von der Notwendigkeit, das journalistische Angebot „noch viel stärker als bisher“ digital aufzubereiten, zu choreografieren und zu inszenieren. Wetten, dass da ursprünglich, also vor der Autorisierung, stand: das journalistische Angebot müsse „viel stärker als bisher“ digital aufbereitet, choreografiert und inszeniert werden? Ohne noch? Aber, klar, damit hätte er zugegeben, dass in der Vergangenheit etwas schief lief.

Vorige Woche schließlich Mathias Döpfner. Bevor sich der Springer-Vorstandschef in Abwesenheit – er weilte in Sun Valley – einstimmig zum Präsidenten des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) wählen ließ, schrieb er vorausschauend eine Dankes-Mail an die Delegierten. Ein Satz lautet: „Vorgenommen habe ich mir, den BDZV noch stärker als bisher für die Digitalisierung zu öffnen“. Noch stärker also?

Inzwischen unterstelle ich, dass jeder Satz mit einem Noch zu viel das genaue Gegenteil meint. Hält Döpfner die Leute vom BDZV also für ziemlich zukunftsresistent, ganz so, als hätten sie es sich bequem auf ihren Papierzeitungen eingerichtet und fühlten sich von Digitalisierungsprozessen jeder Art in ihrer Ruhe gestört? Ich fühlte mich bestätigt, als ich weiterlas: „Unser Anspruch sollte sein, alle Unternehmen zu vertreten, die Journalismus verlegen, auch wenn sie dies vor allem oder ausschließlich digital tun und heute noch nicht Mitglied sind“. Zwei Nochs in zwei aufeinanderfolgenden Sätzen. Das kann kein Zufall sein. Döpfner weiß mit Sprache umzugehen.

Diese Nochs sind oft nichts weiter als rhetorische Mittel zur diplomatischen Besänftigung. Wer also glaubt, Döpfner hielte die im BDZV organisierten Häuser schon heute für total digital und den Verband für gut gerüstet, hat ihn nicht verstanden.

Misstrauen ist also angebracht, wann immer ein Noch auftaucht. Es könnte ein Zeichen für Unwahrhaftigkeit sein. Insofern war es geradezu grotesk, wie häufig am vorigen Wochenende, bei der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche, die Rede davon war, die Medien müssten noch transparenter werden, noch klarer Fehler benennen, noch deutlicher Korrekturen kennzeichnen.

Viel wahrhaftiger war der Moment, in dem „ARD-aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke erzählte, was die Entschuldigung der „Tagesschau“, die Beine der FDP-Frau Katja Suding mit einem sehr langsamen Kameraschwenk gefilmt zu haben, in seinen Augen bewirkt habe: nicht mehr, als dafür von der „Bild“-Zeitung angeprangert zu werden. Fehler zu verschweigen verhelfe hingegen dazu, ein „sehr, sehr ruhiges Leben“ zu führen. Man müsse dann auch nicht fürchten, die Marke „Tagesschau“ zu beschädigen. So viel zur Bereitschaft, sich ehrlich zu machen. Bis zu einer Fehlerkultur ist es ein weiter Weg. Noch.