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Das eigentliche Problem mit dem Pressekodex

Die „Tagesschau“ verbreitet Irreführendes von „Bild“-Chefin Tanit Koch. Mancher Journalist ist offensichtlich überfordert, und die „Rhein-Zeitung“ ärgert sich in Wahrheit über die Polizei. Von Ulrike Simon

So ist das mit der Themenkonjunktur. Erst berichten alle über den Pressekodex, diskutieren, ob Ziffer 12.1 abgeschafft werden soll und wie stattdessen mit der Herkunftsnennung von verdächtigen Straftätern umzugehen sei. Dann entscheidet der Presserat, dass alles bleibt, wie es ist – und nach einer Woche interessiert sich kein Mensch mehr für das Thema.

Ich mich schon, und das liegt an dreierlei.

     1. Unmöglich fand ich, dass „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch nach der Entscheidung des Presserats in der „Tagesschau“ unwidersprochen behaupten durfte:

„Geht es nach dem Presserat, dann sollen Redaktionen in Deutschland ihre Leser letztlich bevormunden, indem sie ihnen relevante Informationen vorenthalten“.

Das sei falsch,…

„…, weil die Menschen merken, wenn ihnen etwas verschwiegen wird, und sie dann mit Misstrauen reagieren. Und dieses Misstrauen ist brandgefährlich.“

Die Einzige, die das Publikum verunsichert und brandgefährliches Misstrauen sät, weil sie einen Sachverhalt ins Gegenteil verkehrt, ist jedoch die „Bild“-Chefredakteurin selbst. Es geht in Ziffer 12.1 schließlich gerade nicht darum, eine relevante Information vorzuenthalten. Vielmehr steht da:

„In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.“

Existiert dieser begründbare Sachbezug, ist die Herkunft relevant und kann genannt werden.  Warum erzählt Koch diesen Blödsinn dann? Gut, so ist die „Bild“-Zeitung nun einmal. Um den Pressekodex schert sie sich sowieso wenig. Ein Blick auf diese Grafik genügt:

Rügen Presserat BILD

Rügen des Presserats: Die BILD-Zeitung erhält etwa ein Viertel aller Rügen // Eigene Darstellung

Kurz zur Erläuterung: Mit dem Jahr 1986 beginnt die Rechnung, weil sich der Springer-Konzern ein Jahr zuvor via Selbstverpflichtungserklärung zum Pressekodex bekannt hat. Seitdem hat sich „Bild“ ein Viertel aller in der gesamten Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft erteilten Rügen eingefangen. Gerade gingen übrigens erneut vier von insgesamt elf Rügen an „Bild“. Der Trend verstetigt sich also.

Das, wofür andere sich schämen würden, macht Springer stolz. Im internen „Brandbook“, das die Stärken der Marke „Bild“ beschreibt, dient die hohe Anzahl an Rügen als Beleg dafür, dass den Menschen alles gegeben werde, „was Reibung erzeugt“. Wörtlich heißt es: „Überall, wo Gefühle sind, bringen wir sie in Wallung“.

Das mag aus „Bild“-Perspektive so sein, ist aber keine Antwort darauf, warum sich die „Tagesschau“, das TV-Hochamt des Nachrichtenjournalismus, dafür hergibt, Tanit Kochs hanebüchenen Unsinn zu verbreiten. Lag es daran, dass dieses Statement nun einmal eingeholt worden war und bei der ARD keiner Lust hatte, „Bild“ zu erklären, warum es nicht gesendet wird? Kai Gniffke, Chefredakteur ARD-aktuell, lieferte mir diese Erklärung:

„Die ,Tagesschau‘ hat die Debatte um die Ziffer 12.1 im Pressekodex abgebildet und die unterschiedlichen Haltungen dargestellt. Dabei ist es nicht Aufgabe der Redaktion, einzelne Diskussionsbeiträge wie etwa die pointierte Stellungnahme der Chefredakteurin der ,Bild‘-Zeitung inhaltlich zu bewerten.“

Pointiert? Diskussionsbeitrag? Ist es zu viel verlangt, von der „Tagesschau“ zu erwarten, dass sie Quatsch als Quatsch erkennt und ihn dem Zuschauer erspart, statt ihn damit in die Irre zu führen?

Aber ich will ja noch zu den beiden anderen Punkten kommen, über die ich mich aufgeregt habe.

     2. Was, bitteschön, ist in jene Journalisten gefahren, die sich davon überfordert fühlen, im Einzelfall abzuwägen, ob die Herkunft eines Verdächtigen für die Tat 
relevant und folglich berichtenswert ist? Warum klagen Journalisten allen Ernstes darüber, dass sie selbst nachdenken sollen und fordern anstelle von Ziffer 12.1 
eindeutige Vorgaben, die es praktisch gar nicht geben kann? Haben die kapituliert?

Schon bin ich bei Punkt

     3. Ende voriger Woche nahm ich an einer Diskussion der Antidiskriminierungsstelle des Bundes teil. Wieder ging es um Ziffer 12.1. Auf der Bühne saßen auch Vertreter von Behörden. Es kristallisierte sich heraus, dass sich die Polizei in einigen Bundesländern am Pressekodex orientiert, wenn sie aus eigenem Ermessen die Herkunft oder Religion eines Verdächtigen oder Täters nicht nennt. Sie funktioniert den Presse- zum Polizeikodex um und interpretiert ihn auf ihre Weise.

Das erklärt das eigentliche Problem von Christian Lindner, Chefredakteur der Koblenzer „Rhein-Zeitung“. Nach der Entscheidung, Ziffer 12.1 unverändert zu belassen, erklärte er, er werde sich daran künftig einfach nicht mehr gebunden fühlen und für seine Redaktion eigene Richtlinien entwickeln. Wie die aussehen sollen? Lindner sagt, noch sei er zu keinem Ergebnis gekommen. Nur so viel: Ergebnisoffen sollen die Redakteure denken dürfen und im Einzelfall abwägen. Also, ich würde den Pressekodex empfehlen. Er erfüllt alle diese Wünsche.

Tatsächlich aber ist Lindners Problem wohl eher eines mit dem Innenministerium seines Bundeslandes. Wo der Presse- zum Polizeikodex umfunktioniert ist, kann es nämlich passieren, dass Journalisten in Polizeimeldungen genau jene Informationen unterschlagen werden, die sie bräuchten, um den Einzelfall zu prüfen, abzuwägen und (unter Berücksichtigung von Ziffer 12.1) die richtige Entscheidung zu treffen.

Was daraus folgt? Die ganzen Debatten um Ziffer 12.1 hätte man sich sparen können. Sie haben das tatsächliche Problem weder erkannt noch gelöst.