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Skurrile Bewerberliste für RBB-Intendanz

Von der Tango-Tänzerin bis zum geschassten Radiomanager: 29 Namen stehen auf der streng geheim gehüteten Liste derer, die sich für geeignet halten, das Amt von Dagmar Reim zu übernehmen. Von Ulrike Simon

Doch, ja, Intendanten-Wahlen können spannend sein. Nicht so wie beim Südwestrundfunk, wo mit Amtsinhaber Peter Boudgoust ein einziger Kandidat zur Abstimmung steht. Oder beim Hessischen Rundfunk, wo es erst so aussah, als würde auf breiter Front nach einem Hoffnungsträger gesucht, es am Ende aber doch auf den bisherigen Vize Manfred Krupp hinauslief. Beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) brennt die Luft.

Mitgeteilt wurde bisher lediglich, dass auf die Stellenanzeige 28 Bewerbungen eingegangen seien: Namentlich bekannt ist nur die der früheren ARD-London-Korrespondentin Annette Dittert, die mir ihr Interesse vor Wochen bestätigt hat. Durchgesickert ist außerdem, dass drei Mitglieder der RBB-Geschäftsführung ihre Unterlagen eingereicht haben. Ansonsten blieben die Namen unter Verschluss – naja, nicht ganz, denn mir liegt die komplette Liste vor.

Tatsächlich stehen auf der Liste 29 Namen, 20 von Männern, neun von Frauen. Die Differenz zu den genannten 28 Bewerbungen rührt daher, dass sich zwei Frauen gemeinsam beworben haben. Sie wollen sich die Stelle anscheinend teilen. Die eine der beiden Mittdreißigerinnen ist Produktionsassistentin, die andere arbeitet seit einem dreiviertel Jahr als Produktionsleiterin. Es bleibt ihr Geheimnis, was sie glauben macht, das befähige sie, vielleicht nicht die größte und reichste ARD-Anstalt, aber immerhin die der Hauptstadtregion zu führen: mit einem Etat von gut 450 Millionen Euro, allein 1900 Festangestellten, einem Fernsehsender, sechs Hörfunkwellen plus Online-Angeboten.

Es gibt weitere skurrile Kandidaten. Zum Beispiel der seit 2002 Arbeit suchende Zerspaner, wie die offizielle Bezeichnung lautet für den als Beruf gemeinhin bekannteren Fräser bzw. Dreher. Oder die 48-Jährige, die auf Erfahrungen als Geschäftsführerin eines Etablissements für argentinischen Tanz und Eventmanagement zurückblickt. Oder die diplomierte Junior-Managerin mit dem 2015 abgeschlossenen Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften, die gerade ihren 28. Geburtstag gefeiert hat. Ganz zu schweigen von dem vielfach ausgezeichneten Geschäftsführer und Präsident eines „mildtätigen Vereins“.

Die Liste verrät einiges darüber, wie manche ihren eigenen Marktwert einschätzen. Oder denken sie: Wenn’s sonst nirgends klappt – dann vielleicht wenigstens beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk für ein monatliches Bruttogehalt von 21.500 Euro?

Die Hälfte der Bewerbungen könne wegen mangelnder Qualifikation gleich aussortiert werden, hieß es bei der außerordentlichen Sitzung des RBB-Rundfunkrats Anfang Februar. Zur besseren Hälfte gehören wohl die des geschassten Geschäftsführers einer ziemlich bekannten Hörfunkstation; oder jene eines von mir sehr geschätzten Journalisten, der beim letzten Karriereschritt auf unwägbaren Boden geraten war und weder Fernseh- noch Hörfunkerfahrung hat; zweifelsohne gehört zu der besseren Hälfte auch die des ebenso erfahrenen wie erfolgreichen Radiomanagers, der bei seinem privaten Arbeitgeber womöglich gerade den Eindruck hat, in einer Sackgasse festzustecken. Leider bringt er nicht die als Eignungskriterium vorausgesetzte, erwiesenermaßen öffentlich-rechtliche Kompetenz mit.

Seine ausdrückliche Bitte um Vertraulichkeit kann ich gut nachvollziehen, doch will ich, entgegen meiner Natur, auch alle anderen Bewerber nicht namentlich nennen. Es gibt keinen sachlichen Grund dafür. Wirklich prominente Namen sind sowieso nicht darunter. Zudem darf von ihnen sowieso keiner hoffen, in die engere Wahl zu kommen. Sie sind raus. Alle. Auch die drei internen Kandidaten.

Das sind (wenn ich die Bewerbung des ebenfalls auf der Liste befindlichen freien RBB-Mitarbeiters, der ab und zu Nachrichten moderiert, außen vor lasse): der Justiziar Reinhart Binder, der Verwaltungsdirektor und stellvertretende Intendant Hagen Brandstäter sowie die Programmchefin Claudia Nothelle.

Letztere hat wohl nicht nur Dagmar Reim, sondern auch zu viele der Rundfunkräte und dort selbst die Vertreterin ihres katholischen Netzwerks als Gegner. Entscheidungsschwäche wird ihr vorgeworfen, die mauen Quoten des Fernsehprogramms sowieso. Wenigstens anhören hätte man sich die drei internen Kandidaten können, sagen nun Mitarbeiter des RBB. Nicht nur sie fragen sich: Wer soll es denn nun werden?

Die aus Mitgliedern des Rundfunkrats rekrutierte, zehnköpfige Findungskommission hat das ausdrückliche Recht, aus eigenem Antrieb Kandidaten anzusprechen, die sie für geeignet hält. Davon hat sie Gebrauch gemacht. Mehrfach. Wen sie sich ausgeguckt hat? Welche zwei, maximal drei Favoriten die Kommission bis zum 18. März den übrigen Gremienmitgliedern vorschlagen wird, damit über sie am 7. April abgestimmt werden kann?

Ich bleibe dran. Versprochen.