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Da waren es nur noch zwei

Volker Herres kneift. Der ARD-Programmchef hat überraschend seine Kandidatur für das Amt des RBB-Intendanten zurückgezogen. Jetzt stehen nur noch Theo Koll und Patricia Schlesinger zur Wahl. Von Ulrike Simon

Der Rundfunk Berlin-Brandenburg tut alles, um die Spannung so kurz vor der Wahl nicht abflauen zu lassen. Es geht um die Frage: Wer folgt auf die Ende Juni vorzeitig aus ihrem Amt scheidende Intendantin Dagmar Reim?

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Bild: rbb/Thomas Ernst

Eine neue Wendung bringt Volker Herres‘ unerwarteter Meinungsumschwung. Nachdem er lange gezögert hatte, ob er sich überhaupt zur Wahl stellen soll, vor einer Woche dann der Einladung der zehnköpfigen Findungskommission nachgekommen war und präsentiert, dann wieder gezögert, schließlich seine Bereitschaft zur Kandidatur erklärt hatte, kneift er wenige Tage vor der Wahl nun doch. Die Nachricht wurde am heutigen Vormittag aus dem Umfeld der Findungskommission bestätigt.

Wer hätte gedacht, dass eine Führungskraft dieses Ranges derart wankelmütig ist.

Das anfängliche Zögern war noch nachvollziehbar. Volker Herres, gut dotierter und vertraglich unangreifbarer Programmchef des Ersten, wollte ungern riskieren, den hierarchisch unter ihm stehenden Theo Koll vom ZDF und Patricia Schlesinger vom NDR bei der Wahl am kommenden Donnerstag zu unterliegen. Zwei Drittel der Stimmen hätte er vom Rundfunkrat benötigt, rein rechnerisch bei Anwesenheit aller Gremienmitglieder also mindestens 20. Die waren ihm offensichtlich zugesichert worden, bereits im ersten Wahlgang. Die Unterstützung sollte nicht nur von Teilen der SPD kommen, der er parteipolitisch zuzuordnen ist und die in beiden Landtagen von Berlin und Brandenburg in der Regierung sitzt. Parteien haben beim RBB ohnehin nicht wirklich das Sagen. Umso wichtiger war, dass sich parteiunabhängige Vertreter, die sogenannten Grauen relativ klar für Herres positioniert hatten. Bei einem Mann seiner Gewichtsklasse ist das kaum zu verdenken.

Der 2008 vom NDR kommende Programmdirektor des Ersten ist zwar längst nicht überall gelitten, aber gut vernetzt, in der ARD wie in der Produzentenlandschaft. Keiner im Fußball würde zögern, einen Messi einzukaufen, wenn sich die Möglichkeit bietet, hieß es noch vor wenigen Tagen im Umfeld der Findungskommission. Herres, das sei Champions League.

Skeptiker verwiesen auf Herres‘ selbstherrliche Art, andere gern vor vollendete Tatsachen zu stellen wie Ende Januar die Intendanten beim Erwerb der Übertragungsrechte für die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft, wovon die ARD eigentlich die Finger lassen wollte; und sie sprechen von seinem Hang zur Selbstgefälligkeit, weil er nicht einmal ARD-intern Raum für Kritik an seiner Arbeit lasse: zum Beispiel für Fragen wie jene, warum das Erste die Marktführerschaft an das ZDF abgeben musste, oder wo, bitteschön, die innovativen Programmideen seien und ob es nicht gefährlich sei, sich auf den andauernden Erfolg bestehender Formate wie den „Tatort“ zu verlassen.

Gänzlich unumstritten war Herres also auch im RBB-Rundfunkrat nicht, und doch galt der 58-Jährige, der sich gut verkaufen kann und bekanntermaßen souverän den „Presseclub“ moderiert, in den Augen vieler als künftiger Intendant gesetzt. Irgendetwas muss Herres jedoch bewogen haben, seinen Zweifeln letztlich nachzugeben. Aber was? Und warum jetzt? Die Antwort bleibt er bis dato schuldig.

Seitdem ich Herres in den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland erstmals als einen der Favoriten für den Posten des RBB-Intendanten genannt hatte, sind Wochen vergangen. Inzwischen war seine Kandidatur quasi offiziell. Selbst das Medienmagazin des RBB informierte am Sonnabend, dass auf der Liste der zu wählenden Kandidaten die Namen Herres, Koll und Schlesinger stehen. Am Mittwoch meldete dasselbe die dpa.

Der ARD nun sein kurzfristiges Kneifen zu erklären, dürfte schwierig werden, nicht nur, weil mancher nicht unglücklich gewesen wäre, Herres in Richtung RBB loszuwerden. Bis Herbst 2018 läuft sein aktueller Vertrag. Er wird ihn wohl oder übel erfüllen. Wie auch immer.

Und beim RBB? Dort ist das Rennen offen. Wird es der auslandserfahrene, frühere „Frontal-21“-Moderator Koll, der derzeit noch das ZDF-Studio in Paris leitet, oder wird es die ebenso auslandserfahrene Schlesinger, die als Leiterin des NDR-Programmbereichs Kultur und Dokumentation auch im Ersten regelmäßig Achtungserfolge erzielt hat?

Nach einer derart unerwarteten Wendung wage ich kaum eine Vorhersage, tippe aber, sehr vorsichtig, auf Letztere.