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Schöne Feiertage und einen guten Rutsch

Auf dem Wunschzettel für 2017: Öfter mal die Klappe halten. Von Ulrike Simon

Voriges Jahr habe ich mir an dieser Stelle gewünscht, Journalisten mögen bei Presseterminen nicht mehr applaudieren. Dafür erntete ich viel Zuspruch. Geändert hat es wenig. Wenn schon das Wünschen nicht hilft, versuche ich es also in diesem Jahr einmal mit dem Verwünschen.

Da wäre zum Beispiel jener, der zwar mit Journalismus Geld verdienen will, Journalisten wie mir aber vorwirft, „Fake News“ zu verbreiten. Der Grund ist schlicht: Ihm passt nicht, was ich geschrieben habe. Dass ich ihn verwünsche, hätte er sich redlich verdient, aber die Zeit wird es auch richten. Lieber halte ich es daher mit meinem ersten, vor bald zehn Jahren gestorbenen Chefredakteur Siggi Labsch. Frei nach Karl Valentin riet er mir für solche Fälle in breitestem Missingsch: Gar nicht erst ignorieren.

Verwünscht zu werden hätten sich auch sogenannte Kollegen verdient, die, sobald es um sie selber geht, wie im Mittelalter dem Überbringer der Nachricht an den Kragen wollen. Andererseits disqualifizieren sie sich selbst, wenn sie im Netz herumpöbeln. Mit Dummheit verhält es sich leider wie mit Hass. Beides lässt sich gesetzlich nicht verbieten. Daher – siehe oben: Gar nicht erst ignorieren.

Sträflich finde ich dagegen, wenn ein Medienmacher, der gern ein großer wäre, aber nur ein überschaubares Publikum erreicht, erfolgreichere Medien (also fast alle anderen) als „Mainstream“ bezeichnet. Es ist offensichtlich, dass er PR in eigener Sache betreiben will. Tatsächlich erliegt er auf diese Weise nur der Marketingmaschinerie der Lügenpresse-Gröler. Andererseits ist er sich damit selbst Strafe genug, also: siehe oben.

Verwünschen könnte ich schließlich jene Zündler, die nach jedem größeren Ereignis so tun, als müssten journalistische Standards wahlweise neu verhandelt oder überhaupt erst welche eingeführt werden. Die Medien mögen sich gewandelt haben, das journalistische Handwerk nicht. Ähnlich schlimm finde ich übrigens Verfasser von Artikeln, die nur vordergründig eigene Verfehlungen bekennen, um diese dann im Zuge der Selbstüberhöhung pauschal der gesamten Zunft anzulasten. Auch für sie gilt – richtig: Gar nicht erst ignorieren.

Einen Wunsch habe ich allerdings. Er keimt schon lange in mir. Wann immer ich veröffentlicht sehe, was irgendein um Aufmerksamkeit ringender Idiot um der Provokation willen irgendwo gesagt hat, reift er ein wenig mehr. Nach dem Anschlag in Berlin ist er zu groß, um ihn zu ignorieren. Nein, es muss nicht jede Beleidigung, jede Verschwörungstheorie, jeder Gesinnungsblödsinn retweetet werden. Ja, es ist möglich, dem Reflex zu widerstehen, alles und jeden zu kommentieren. Doch, auch mit Empörung kann man sich zum billigen Verbreitungsgehilfen machen. Kurzum, mein Wunsch lautet: Öfter mal die Klappe halten.

DieMedienkolumne geht mit gutem Beispiel voran und schweigt bis 12. Januar 2017. Bis dahin: Schöne Feiertage und einen guten Rutsch.