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Schöner scheitern mit Gruner + Jahr

Am Donnerstagabend werden im Foyer des Hamburger Verlagshauses Brezel und Gin Tonic ausgegeben. Gefeiert wird die erste Fuck Up Night. Von Ulrike Simon

Bis ich das erste Mal bei Gruner + Jahr einen Termin wahrnehmen durfte, musste ich mich als Volontärin eines damals noch angesehenen und in Hamburg angesiedelten Mediendienstes erst anderweitig bewähren. Zu Beginn meiner Ausbildung kümmerte ich mich daher um Regionalzeitungen, die man in der Hansestadt für provinziell hielt. Ich nahm mich der Motor-Presse an, schon aus rein privatem Interesse. Ansonsten schrieb ich über Verlage, die keiner wirklich ernst nahm: zum Beispiel Dirk Mantheys Milchstraße mit dem Magazin „Max“. Es war die Zeit Anfang der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.

Eines Tages war es soweit – oder besser: Man befand mich soweit. Ich durfte zu Gruner + Jahr, zu dem Verlag, in dem der „Stern“ erschien. Und „Geo“. Und „Brigitte“, die politischste aller Frauenzeitschriften. Und natürlich „Capital“!

Entsprechend groß war meine Ehrfurcht, als ich die heiligen Hallen am Hamburger Baumwall betrat. Auf einem Sessel thronend sah ich Gerd Schulte-Hillen. Bräsig saß er da, der Vorstandsvorsitzende, selbstbewusst bis in die Spitzen seines Lockenschopfs, ein vom Erfolg verwöhnter Mann. Schon von weitem war ihm anzusehen: Dem kann keiner was, schon gar kein Bertels-Mann.

Fast hätte mich das ein wenig eingeschüchtert, hätte ich mich nicht an den Ratschlag meines Französisch-Lehrers erinnert. Vor dem mündlichen Abitur verriet er uns den Trick, wie man die Angst vor fremden Prüfern verliert: „Stellt sie euch einfach allesamt im Nachthemd vor“. Ich stellte mir Gerd Schulte-Hillen also im Nachthemd vor – und siehe da, mein Respekt schrumpfte auf Normalmaß.

Längst ist auch Gruner + Jahr auf Normalmaß geschrumpft. Damals allerdings hätte ich mir niemals vorstellen können, dass im Foyer dieses Hauses eines Tages eine Fuck Up Night veranstaltet wird. Eine was?

Die erste Fuck Up Night fand 2012 in Mexiko statt. Die Idee dazu stammt aus der Startup-Szene: Gründer erzählen öffentlich, wie sie ihr Unternehmen in den Sand gesetzt haben. Von den Erfahrungen sollen andere lernen. Fuck Up Nights gibt es inzwischen in zahlreichen Städten weltweit – und jetzt auch bei Gruner + Jahr. Am Donnerstag Abend ist Premiere.

Laut Plan sollen fünf Mitarbeiter über ihr Scheitern reden. Moderieren wird das Ganze Jens König, der Chef des Berliner „Stern“-Büros, den ich wegen seines verwegenen Schuhwerks in einem Porträt einmal als „Großstadt-Cowboy“ bezeichnet habe, was mir heute noch nachgetragen wird. Im Interview mit dem verlagseigenen Informationsdienst „Greenport“ sagte König in dieser Woche viel Freundliches über das eigene Haus. Zum Beispiel: „Unser Verlag ist in einem rasanten Veränderungsprozess. Die Unternehmenskultur wandelt sich, viele neue Ideen werden geboren und umgesetzt, der Raum für Kreativität ist größer geworden“. So spricht ein Mitglied des Führungskaders.

Scheitern, sagte der Großstadt-Cowboy außerdem, sei die Kehrseite des Erfolgs. Deshalb lade er jeden ein, bei der G+J Fuck Up Night „spontan die Bühne zu erobern und über ein gescheitertes Projekt oder eine gescheiterte Idee zu sprechen. Egal, ob er bzw. sie eine Führungsposition hat oder nicht, egal, wie viel er bzw. sie verdient – auf der Bühne der Fuck Up Night ist jeder gleich“.

Natürlich wollte ich wissen, wer die fünf Leute sind, die ihren Auftritt zugesagt haben. Leider wollte man mir das nicht verraten. Über das Scheitern geredet werden soll zwar offen, aber nach draußen dringen möge bitteschön nichts. Mir blieb also nichts anderes übrig, als mir eigene Gedanken zu machen, wer da wohl worüber sprechen könnte:

Wird „Stern.de“-Chef Philipp Jessen vortragen, wie er glauben konnte, mit einer derart flachen Zeitschrift wie „frei“ zu reüssieren, und es trotzdem schaffte, direkt nach ihrem Aus in die „Stern“-Chefredaktion aufzurücken?

Oder wird der oberste Produktchef Stephan Schäfer erzählen, wie er vorhatte, ein publizistisch anspruchsvolles Magazin entwickeln zu lassen, am Ende aber doch nur „Essen & Trinken mit Thermomix“ herauskam?

Oder wird von Digital-Chef Arne Wolter zu erfahren sein, warum die zusätzliche Erlössäule E-Commerce immer wieder zerbröselt, siehe Tausendkind (verkauft), siehe Tambini (verkauft)? Und wie geht es eigentlich dem Schöner-Wohnen-Shop (unverkäuflich)?

Oder wird G+J-Chefin Julia Jäkel erklären, woran es liegt, dass die Auflage des Überfliegermagazins „Landlust“ just mit dem Einstieg ihres Verlags unter die Schwelle von einer Million gerutscht ist und seither sinkt? Vielleicht mag es mir ja jemand erzählen, der die erste Fuck Up Night by Gruner + Jahr besucht. König verspricht einen „coolen Abend“, frei von „Langeweile und Klugscheißerei“, dafür mit „Gin Tonic und Brezeln“, völlig ungezwungen, und Überraschungen soll es auch geben. Das klingt doch verlockend – oder etwa nicht?