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Spiegel-Legenden

Hat Günther Jauch wirklich von Gremien-Gremlins gesprochen? Warum ist der „Spiegel“ neuerdings Pflichtlektüre für Yellow-Redakteure? Und was bedeutet überhaupt „kurbjuweiten“? Von Ulrike Simon

Es war die meistzitierte Formulierung in den vielen Nachrufen auf Günther Jauchs Talkshow im Ersten und ist sogar zum geflügelten Wort geworden. Die Rede ist von den Gremien-Gremlins. Kenner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verstanden sofort, was Jauch meinte, als er 2007 in einem Interview mit dem „Spiegel“ diesen Begriff geprägt hat. Gremlins, das sind schließlich diese kleinen Monster, die sich, wenn man nicht aufpasst, gänzlich unkontrolliert vermehren und mit ihrer Neigung zu Zerstörung, Panik und Chaos viel Schlimmes anrichten können. Im echten Leben sind sie leider nur nicht so lustig.

Mit der Begründung, „Gremien voller Gremlins“ hätten „monatelang jede Woche“ der Verführung nachgegeben, „mit meinem Namen auch mal den eigenen in der Zeitung zu lesen“, gab Jauch der ARD 2007 einen Korb. Der damalige SWR-Intendant Peter Voß konterte daraufhin „Ohne Jauch geht’s auch“. Das war selbstgefällig, aber inzwischen weiß man: Er hatte recht. Was von Jauch im Ersten bleibt, ist das Copyright auf die Formulierung „Gremien-Gremlins“.

Jahrelang bin ich der Legende aufgesessen, dass dieser Ruhm ein geklauter ist. Geklaut von Thomas Tuma, der das im „Spiegel“ 2007 erschienene Interview mit Jauch geführt hat und von dem mir ein „Spiegel“-Redakteur gesagt hatte, das mit den Gremlins habe Tuma Jauch nachträglich reingeschrieben. So, wie Tuma häufig seinen Gesprächspartnern Formulierungen in den Mund legen würde, auf die sie von alleine niemals gekommen wären, die sie dann aber derart toll finden, dass sie sie gerne autorisieren.

Mir leuchtete das sofort ein. Aber so schön diese Geschichte ist: Sie gehört wohl ins Reich der Legenden. Behauptet zumindest Tuma. Das Interview sei zwar gefühlt ein halbes Jahrhundert her, teilte er mir mit, er sei aber sicher, dass Jauch die „Gremlins“ selbst prägte und er ihn lediglich überzeugen musste, den Begriff im Interview stehen zu lassen.

Es wird also nichts daraus, dass aus dem Namen Tuma eines Tages ein Verb abgeleitet wird, das jene Tätigkeit bezeichnet, die das im Einvernehmen mit dem Gesprächspartner nachträgliche Aufpeppen von im Original langweiligen Interviews beschreibt. Kurbjuweiten dagegen soll auf der Deutschen Journalistenschule in München ein gängiges Tätigkeitswort sein. Das hat neulich Thomas Leif behauptet. Lustigerweise war den Teilnehmern des Mediendisputs, den der SWR-Chefreporter an jenem Abend moderierte, sofort klar, was kurbjuweiten bedeutet. Zumal kurz davor der langjährige Moskau-Korrespondent und „Spiegel“-Redakteur Christian Neef geklagt hatte, häufig würden in Redaktionen Journalisten bevorzugt, die sich mehr durch ihre Schreibkunst als durch Sachkenntnis auszeichnen.

Mir fiel in dem Moment Gabor Steingart ein, in dessen Zeit als Chef des „Spiegel“-Hauptstadtbüros Redakteure manches Mal den Vorwurf hörten, in ihren Artikeln stünde zu viel „Sach-Scheiß“. Dirk Kurbjuweit war damals Steingarts Stellvertreter. Inzwischen ist Kurbjuweit einer der Stellvertreter von „Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, und Steingart ist Chef des „Handelsblatts“, zu dem er vom „Spiegel“ Thomas Tuma abgeworben hat.

Keine Legende ist übrigens, dass Redakteure von Klatschblättern neuerdings angehalten sind, den „Spiegel“ zu lesen. Dort stand kürzlich die heiße News, dass sich eine bekannte Fernsehmoderatorin vom Chefredakteur einer großen Wochenzeitung getrennt hat. Scheinbar beiläufig war das erwähnt, in einer mit Sternchen gekennzeichneten Ergänzung zur Bildunterschrift im Nachruf auf Altkanzler Helmut Schmidt. Natürlich stiegen die bunten Blätter sofort darauf ein, sogar der dpa war die Promi-News eine Meldung wert. Ein Nachrichtensender dichtete gar „Arrivederci, Latin Lover“. Der Chefredakteur der Hamburger Wochenzeitung sah sich bemüßigt, seinen Anwalt einzuschalten, um sich und seine Familie vor weiteren Nachstellungen mehr oder minder seriöser Medien zu schützen.

Es ist gar nicht so lange her, da war die Affäre eines großen Vorstandschefs dem Magazin sogar eine eigene Meldung wert. Trotzdem gehört es ins Reich der Legenden, dass solche Nachrichten gemeint waren, als der Slogan entstand „,Spiegel‘-Leser wissen mehr“.