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Springer und die Türkei

Einst wollte Springer groß in den türkischen Medienmarkt einsteigen. Was ist daraus geworden? Und was hat das mit Döpfners Kampfansage gegen Erdogan und Diekmanns Engagement bei "Hürriyet" zu tun? Von Ulrike Simon

Sicherlich bin ich nicht allein, wenn ich einräume: Das nicht enden wollende Gedröhne von und um Böhmermann geht mir gewaltig auf die Nerven. Kürzlich musste ich allerdings passen, als ich gefragt wurde, welche Rolle Springer dabei spiele. Konzernchef Mathias Döpfner hat sich mit Böhmermann solidarisiert, Kai Diekmann sitzt im Beirat der Zeitung "Hürriyet", und überhaupt, Springer sei doch im türkischen Medienmarkt aktiv: Ob und wie das alles zusammenhänge? Ich erinnerte mich, da war mal was mit Springer und der Dogan-Gruppe, die "Hürriyet" herausgibt. Aber was?

Vorige Woche erschien dann der neue Quartalsbericht von Springer. Darin fand ich eine Fußnote zu eben diesem Thema. Von einer Put-Option ist darin die Rede, und dass Springer sie im ersten Quartal genutzt habe, um 2,3 Prozent der Beteiligung an Dogan TV zu verkaufen. 55,3 Millionen Euro erhielt Springer dafür. Wie hoch ist Springers Beteiligung an Dogan dann noch? Und was hat Springer damit vor?

Fast zehn Jahre ist es her, dass Aydin Dogan, der "türkische Berlusconi", wie ihn die Medien nannten, nach der Fernsehgruppe Pro Sieben Sat.1 greifen wollte. Springer hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits vom Kartellamt eine Abfuhr geholt und schied damit als Käufer aus. Für Springer, mutmaßte das "Handelsblatt", war Dogan die Chance, "durch die Hintertür doch noch zum Zuge zu kommen".

Wenige Tage vor dem Gebot für ProSieben Sat.1 hatte sich Springer nämlich mit 25 Prozent an Dogan TV beteiligt und dafür 375 Millionen Euro gezahlt. Es kam bekanntlich anders. Der US-Investor Haim Saban verkaufte die Sendergruppe wieder an einen Finanzinvestor. Springer aber war nun Gesellschafter im Imperium des "Medienzars vom Bosporus", der vom Sohn eines anatolischen Händlers zu einem der mächtigsten Männer der Türkei aufgestiegen war.

2008 beteiligte sich Springer sogar an der Muttergesellschaft Dogan Yayin Holding. Mit ihren Zeitungen "Hürriyet", "Milliyet" und "Posta" passe das Unternehmen hervorragend zu Springer, sagte Döpfner damals, schickte als Vertreter des Konzerns den inzwischen etwas peinlich gewordenen RTL-Gründer Helmut Thoma in den Verwaltungsrat und kündigte an, die strategische Partnerschaft vertiefen und ausbauen zu wollen.

Ungefähr zur selben Zeit präsentierten "Bild"-Chef Kai Diekmann und der damalige "Hürriyet"-Chef Ertugrul Özkök ihr gemeinsam herausgegebenes Buch "Süper Freunde – Was Türken und Deutsche sich wirklich zu sagen haben". 2009 erhielt Aydin Dogan das Bundesverdienstkreuz: für seine positiven Verdienste bei der Freundschaftsarbeit zwischen Deutschland und der Türkei (die sich weitgehend auf die zwischen "Bild" und "Hürriyet" beschränkte).

Der misslungene Versuch, ProSieben Sat.1 zu kaufen sowie die millionenschwere Pleite des Postdienstleisters Pin AG steckte Döpfner noch in den Knochen, als sich bald zeigen sollte, dass auch das Dogan-Investment nicht von Erfolg gekrönt war.

Die türkischen Finanzbehörden forderten von Dogan mehr als 2,2 Milliarden Euro Strafe, davon knapp 500 Millionen wegen angeblich verspätet bezahlter Steuern aus dem Anteilskauf durch Springer. Schon zuvor galt das Verhältnis der Regierungspartei AKP zum Dogan-Konzern als angespannt. Ministerpräsident Erdogan rief seine Anhänger dazu auf, keine Zeitungen des Konzerns mehr zu kaufen. Springer stoppte seine Investitionspläne in der Türkei.

Inzwischen, heißt es bei Springer über das Türkei-Engagement, "halten wir noch sieben Prozent", und zwar an der Dogan TV Holding, auf die alle Anteile umgeschichtet worden seien. Strategische Pläne gebe es nicht, man verhalte sich wie ein Finanzinvestor. Schrittweise werde die Beteiligung weiter reduziert, so wie auch im ersten Quartal dieses Jahres.

Diekmann sitzt unverändert im Beirat von "Hürriyet". Nach Angaben des türkischen Korrespondenten von Reporter ohne Grenzen habe die Zeitung vor etwa zwei Jahren einen Richtungswechsel vorgenommen und wirke vor allem seit der Entlassung eines ihrer politischen Kommentatoren milder gegenüber der Regierung. Als regierungskritisch gelte "Hürriyet" aber nach wie vor. Erinnert sei an den Überfall von AKP-Anhängern auf das Redaktionsaus der Zeitung in Istanbul im September. Gegen die Dogan-Gruppe laufen Ermittlungen, gegen den inzwischen amtierenden "Hürriyet"-Chefredakteur, Sedat Ergin, läuft ein Prozess wegen Beleidigung Erdogans. Ob Ergin am 13. Juni den von der Deutschen Welle vergebenen "Freedom of Speech Award" beim Global Media Forum in Bonn persönlich entgegennehmen kann, ist offen.

Das zu wissen ist zumindest interessant, wenn man sich etwa an Diekmanns 2014 auch in türkischer Sprache veröffentlichten Offenen Brief an Erdogan erinnert. "Politiker wie Sie wollen wir in Deutschland nicht haben. Sie sind hier nicht willkommen!", stand darin. Oder wenn man verfolgt, dass "Bild" online Böhmermanns Schmähgedicht weiterhin komplett verbreitet. Erst recht, wenn man daran denkt, wie Döpfner mit seiner in der "Welt am Sonntag" erschienenen Solidaritätsadresse an Böhmermann geradezu um Erdogans vorerst allerdings abgelehnten Antrag auf einstweilige Verfügung gebettelt hat. Döpfner, der sagt, er bereue nichts und stünde zu jedem Wort und Komma, das er geschrieben habe, lässt mit Blick auf das Dogan-Engagement seines Hauses keinen Zweifel zu: Selbst wenn ihm der ganze Dogan-Konzern gehörte, hätte er nicht anders gehandelt.

Das alles darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Türkei auf der Rangliste der Pressefreiheit 2016 auf dem 151. von 171 Plätzen steht.

P.S. #DieMedienkolumne macht Urlaub. Vielleicht hat das Gedröhne von und um Böhmermann nachgelassen, wenn ich zurück bin – aus einem Land, das immerhin unter den Top 30 der Liste rangiert.