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"Stern": Abschied mit Wehmut

Auf der Dachterrasse des Spreepalais lag dem „Stern“ die Berliner Republik zu Füßen. Am Dienstag wurde dort zum letzten Mal gefeiert. Die Redaktion verkleinert sich, in jeder Hinsicht. Von Ulrike Simon

Ein robustes Gemüt ist im Journalismus von Vorteil. Allzu schnell können die Klagen der Kollegen die eigene gute Laune verderben. Doch so viel Wehmut wie an diesem Dienstagabend schlug selbst mir aufs Gemüt. Einen „Abend des Gesprächs und der Entspannung“ hatte die Einladung ins „Stern“-Büro versprochen. Zunächst schien alles zu sein wie immer. In kürzester Zeit standen ein paar hundert Gäste dicht gedrängt auf der Dachterrasse. Es wurde geredet, geraucht, gegessen und getrunken. Das Wetter passte perfekt zur spektakulären Aussicht auf Dom, Spree und Museumsinsel.

Drinnen, auf den langen Fluren, war gähnende Leere. Nur einmal kam Unruhe auf, als die Verlagschefin von Gruner + Jahr, Julia Jäkel, die Schauspielerin Maria Furtwängler mit der gleichzeitig eintreffenden Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen begrüßte. Davon unbeeindruckt wurde draußen weiter geredet, geraucht, gegessen und getrunken. Aber irgendetwas war diesmal anders. Es lag etwas in der Luft, und es war nicht der Geruch der Bratwürste vom Grill.

Ich kann mich gut erinnern, als ich beim „Stern“ im sechsten Stock des Spreepalais am Dom zum ersten Mal zu Besuch war. Der Blick aus Hans-Ulrich Jörges‘ Büro verschlug mir die Sprache. Kein Wunder, dass Jörges schreibt, wie er schreibt, dachte ich. Es braucht nicht viel, um sich hier oben wie der König Berlins zu fühlen.

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Stefan Zeitz / Gruner + Jahr

Später verblasste der Nimbus ein wenig. 2009 war das, als der „Stern“ in die Verlustzone rutschte und die Gäste aufgefordert waren, zum „Krisen-Fest“ Essen und Trinken selbst mitzubringen. Die Linke schickte Rote Grütze, Norbert Blüm schleppte eine Kiste Wasser heran, ich hatte Bier aufs Fahrrad gepackt und war dankbar, dass auch jemand an Weißwein gedacht hatte. Gefeiert wurde aber auch in jenem Sommer, und wie immer wirkte der Blick von der Dachterrasse wie aus dem Bilderbuch.

Diesmal war das Sommer- kurzerhand zum Frühlingsfest erklärt worden. Der Grund war schnell geklärt. Bereits am 20. Juni muss das Berliner Büro in neue Räumlichkeiten umziehen. Sie sind weit weniger repräsentativ, und das liegt nicht nur an der fehlenden Aussicht und der nicht vorhandenen Dachterrasse in der Friedrichstraße, Höhe Behrenstraße. Die Redakteure müssen dort enger zusammenrücken. Die Fläche ist nur halb so groß, Einzelbüros sind passé.

Langsam verstand ich, was die Feierstimmung an diesem Dienstagabend trübte. Es war die Wehmut, die über allem lag und über die nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde.

Der Umzug ist nicht nur ein Umzug. Er ist das äußere Zeichen für das, was die „Stern“-Leute innerlich umtreibt. Es ist der Bedeutungsverlust, sowohl der des Magazins als auch der eigene, und es ist die Befürchtung, dass das mit den Anzeigen und der Auflage nicht besser wird, dass das immer so weitergeht.

Stern1 Dachterrasse

Stefan Zeitz / Gruner + Jahr

Die Entwicklung widerspricht dem Selbstverständnis. „Stern“-Redakteur zu sein, das war einmal was. Es bedeutete ein gutes Gehalt, gute Arbeitsbedingungen, spannende Geschichten für ein großes Publikum, Mitbestimmung, ein eigenes Büro. Man war wer, wo immer man aufkreuzte. Das hat sich geändert.

„Stern“-Redakteuren wird vorgeworfen, auf ihrem Status zu beharren, der keine Berechtigung mehr habe. Es mangle an Leistung, an Innovation, an Bereitschaft, an Leidenschaft. Geblieben sei die Fassade, und die wird ihnen nun genommen: jetzt in Berlin, bald wohl auch in Hamburg, wo Gruner + Jahr eine neue Bleibe sucht als Ersatz für das modernisierungsbedürftige, zu groß gewordene Gebäude am Baumwall.

Ein Gefühl der Kränkung macht sich breit. Auch dadurch, dass der „Stern“ künftig nicht einmal einen eigenen Verlagsgeschäftsführer haben wird, wenngleich dem amtierenden kaum einer nachweint. Soheil Dastyari wechselt an die Spitze der neuen, G+J-eigenen Dienstleistungstochter Territory. Sie bietet Unternehmen vom Marketing bis zur Auftragspublikation Dienstleistungen an. Dieses Geschäft passt besser zu Dastyari als der „Stern“. Es verspricht allerdings Wachstum, anders als der „Stern“.

Dort stehen die Zeichen auf Verkleinerung. Von den ursprünglich gut zwei Dutzend Redakteuren in Berlin sind ohnehin nur noch 15 übrig, inklusive Sekretariat. Über eine Verlagerung von Stellen nach Berlin, zu Lasten der Hamburger Stammredaktion, ist keine Rede mehr. Auch nicht davon, dass das Berliner Büro ein Labor sei, das vormache, wie crossmedial eine integrierte Redaktion arbeitet.

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Stefan Zeitz / Gruner + Jahr

Mit diesem Argument berief der frischgebackene Büroleiter Jens König vor anderthalb Jahren den Onliner Lutz Kinkel zu seinem Stellvertreter. Kinkel soll nun zurück ins Glied und außerdem nach Hamburg gehen, ebenso Sophie Albers Ben Chamo. Anna-Beeke Gretemeier, die ebenfalls Teil des Berliner Online-Teams war, sitzt bereits am Newsdesk von „Stern.de“-Chef Philipp Jessen. Ein Arbeitsplatz ist für die Onliner schon nicht mehr vorgesehen im neuen Berliner „Stern“-Büro, einem Büro ohne Weit- und ohne Traumblick, dafür mit Wehmut in der Luft.

Jörges kann derweil die Tage zählen, bis er den Titel „Mitglied der Chefredaktion“ abgibt und in Rente geht. Im Dezember wird er 65. Seine „Stern“-Kolumne „Zwischenruf“ soll er vorerst behalten. Wo er sie schreibt, kann er sich aussuchen.