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„Tagesschau“-App: vertikal statt horizontal

Ein nicht enden wollender Streit nähert sich dem Happy End. Doch nicht immer sagen Bilder mehr als Worte. Von Ulrike Simon.

Wie viele Menschen halten ihr Smartphone in der Bahn hochkant, wie viele drehen es auch nicht quer, wenn sie unterm Tisch schnell etwas googeln? Diese Fragen hätten sie sich gestellt, als es darum ging, die „Tagesschau“-App zu modernisieren, erzählt ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke. Die Antwort gibt Ingo Zamperoni im letzten der zuletzt hier und da viral verbreiteten Videofilmchen. Darin dreht der frischgebackene „Tagesthemen“-Moderator kurzerhand den Bildschirm seines PCs um. Die Botschaft: Horizontal ist out, hochkant ist das neue Muss. Entsprechend sieht sie aus, die neue „Tagesschau“-App.

Genau sechs Jahre ist es her, dass die „Tagesschau“ ihre App auf den Markt brachte. Fast genauso lange dauert der Streit zwischen mehreren Zeitungshäusern und dem innerhalb der ARD zuständigen NDR. Ende September entschied das Oberlandesgericht Köln: Der am Beispiel der App vom 15. November 2011 vorgetragene Vorwurf der Presseähnlichkeit ist gerechtfertigt. Zeitungen aber darf der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht produzieren, weder analog noch digital. Eine Revision ließ das OLG nicht zu, wogegen die ARD vorgehen will, jedoch mit bescheidener Aussicht auf Erfolg.

Im November gab es zu dem Thema das vorerst letzte Treffen zwischen Verlegern und Intendanten. Klar war: Das Textangebot der App muss drastisch sinken, der Anteil an (Bewegt-)Bild in den Vordergrund rücken. Mit der neuen „Tagesschau“-App hofft die ARD, den Streit endgültig beizulegen. Gniffke beteuert freilich, die Änderungen seien nicht medienpolitisch getrieben, da sei auch nichts von Zeitungsverlegern abgenickt worden, ebenso wenig existiere eine Zusage, wonach der Textanteil nicht mehr als dreißig Prozent betragen dürfe. Vielmehr sei man bei der ARD übereingekommen, Bewegtbild sei das, „was wir am besten können“. Ansonsten komme man dem Nutzerverhalten entgegen. Das Ergebnis, die videobasierte App im Hochkant-Format, sei etwas völlig Neues auf dem Markt, eine „revolutionäre Innovation“.

Erst kürzlich hat ZDF-Intendant Thomas Bellut vor Zeitungsjournalisten mit einem Hauch gespielten Mitgefühls gesagt, es täte ihm ja Leid, aber es sei nun einmal so, dass nicht dem geschriebenen Wort, sondern dem Bewegtbild die Zukunft gehöre. Nun hat auch Sebastian Matthes von der deutschen „Huffington Post“ angekündigt, mehr auf Bewegtbild zu setzen. Die Nutzer wollen das angeblich so. Ich für meinen Teil habe da meine Zweifel, und das hat einen Grund.

Was war mir der Vorfall peinlich, neulich im ICE. Es war frühmorgens, ich hatte noch keinen Kaffee getrunken, mir war noch nicht nach sozialen Kontakten. Ich wollte nur lesen: einen Artikel auf welt.de, und zwar in Ruhe. Plötzlich zerstörte eine unversehens aus meinem Smartphone plärrende, mit Musik unterlegte Moderation die Stille. Man muss dazu wissen, dass mein Handy auf maximale Lautstärke eingestellt ist. Ich brauche das so, für alle Fälle. Als das Ding losplärrte, erschrak ich derart, dass sich die um mich herum Sitzenden mehr amüsierten als sich über die Lärmquelle zu ärgern. Anscheinend wusste jeder aus eigener Erfahrung, wie das ist, wenn mitten in einem Artikel ein Video vollautomatisch startet, ohne jegliches Zutun. Ich brauchte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich das Ding zum Schweigen gebracht hatte. Mir kann man jedenfalls sagen, was man will: Stumme Texte eignen sich für dezenten Medienkonsum in der Öffentlichkeit besser als mit Ton unterlegte Videos, ob die nun hochkant laufen oder horizontal.

Wirklich überzeugt bin ich sowieso nicht, dass Bewegtbild im Informationsgeschäft zukunftsfähiger ist als Text. Wie valide ist die Zahl derer ist, die absichtlich ein Video anklicken und es tatsächlich bis zum Schluss ansehen? Facebook jedenfalls musste im September einräumen, weit überhöhte Angaben gemacht zu haben.

Andererseits ist die Umstellung der App auf Videobasis die logische Folge des Kölner OLG-Urteils. Insofern dürfte es eine Frage der Zeit sein, bis regionale ARD-Webseiten wie br.24 oder das Themenportal boerse.ard.de dem Vorbild folgen.

Für die Redaktion beim NDR bedeutet das videogetriebene Arbeiten eine erhebliche Umstellung der Arbeitsabläufe, bestätigt Gniffke. Rund laufen wird alles wohl erst, wenn 2018 das auf dem Gelände des NDR in Hamburg eigens geplante „Nachrichtenhaus“ gebaut ist. Vorerst gilt, mangels Bewegtbild im Zweifel die auch aus der „Tagesschau“ hinlänglich bekannten Politikerlimousinen, Aktenordner oder Konzerngebäude abzufilmen. Oder auf den Ken-Burns-Effekt zu setzen. Ken Burns? Ich musste auch erst nachschauen: Die nach dem Dokumentarfilmer benannte und aus der Not geborene Methode macht aus bloßen Standbildern durch Zoomen und Schwenken der Kamera (eine Art) Bewegtbild.

Und was sagt mir das? Manchmal ist stummer Text eben doch geeigneter als Bild und Ton. Zum Informieren im ICE in aller Herrgottsfrühe sowieso.