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Vermisst: Die „Süddeutsche“

Schon lange folgen die großen deutschen Tageszeitungen ihren Lesern nicht mehr in den Urlaub. Nur „Bild“, „Welt“ und FAZ sind auch im Ausland an fast jedem Kiosk erhältlich. Warum nicht die SZ? Von Ulrike Simon

Wahrscheinlich bin ich einfach nicht normal. Ich will das gar nicht ausschließen. Auch in diesem Urlaub stromerte ich wie ein Junkie um jeden Kiosk. Wie immer, wenn ich einen entdecke, wandert mein Blick prüfend über jeden Papierstapel, auf der Suche nach gutem, mir bekanntem Stoff. Die „Bild“-Zeitung gibt es fast immer und überall. Die „Welt“ meist auch, was mich wundert, da sie schon hierzulande kaum einer kauft. Immer wieder findet sich die FAZ. Aber die „Süddeutsche“? So gut wie nie.

Ja, ich weiß, es gibt E-Paper. Zu Hause lese ich FAZ und „Süddeutsche“ immer am Bildschirm. Außer sonnabends. Da kaufe ich mir trotz Digital-Abo die „SZ am Wochenende“ zusätzlich gedruckt am Kiosk. Ich kann mir nicht helfen, es ist einfach schöner. Im Urlaub will ich es jeden Tag schön haben, und dazu gehört, mit der papiernen Zeitung in der Hand irgendwo zu sitzen, in der Sonne, im Schatten, am Meer, im Café, egal, Hauptsache, ich kann so viel und so lange lesen wie ich will. Nicht wie sonst, werktags, morgens, wenn mich noch dieser lange Artikel und jener spannende Beitrag verführt, die Zeit aber drängt.

Meistens passiert mir das bei der „Süddeutschen“. Und deshalb freue ich mich immer so darauf, sie im Urlaub endlich einmal in aller Seelenruhe zu lesen. Wenn ich denn eine bekäme. Diesmal bekam ich gleich nach meiner Ankunft im Hotel mehrere Blätter zur Auswahl. Welche Zeitung ich denn morgens gerne hätte, wurde ich gefragt: „Bild“, „Welt“, „Frankfurter“? Die „Süddeutsche“, antwortete ich. Aber die gab es nicht. Also wählte ich die FAZ. Sie kam jeden Morgen, kurz nach 10 Uhr, selbstverständlich die Ausgabe vom selben Tag. Das war ein schöner Service, aber, sorry, liebe Kollegen in Frankfurt, es stimmt einfach: Die FAZ zu lesen ist Pflicht, die „Süddeutsche“ zu lesen macht Lust. Die FAZ ist eine Ersatzdroge. Aber besser als gar kein oder schlechter Stoff.

Trotzdem umkreiste ich jeden Kiosk wie ein Junkie. Vielleicht würde ich ja doch fündig. Einmal, an einem Sonntag, erbeutete ich sowohl die FAS als auch den „Spiegel“. Ich war glückselig. Stundenlang saß ich in dem Jazz-Café mit Blick auf den Atlantik. Natürlich hätte ich die „Süddeutsche“ auf dem Handy lesen können. Diesmal hatte ich sogar meinen Laptop mitgenommen. Ich wollte nicht wieder, wie beim letzten Mal auf Kreta, ohne das richtige Arbeitsgerät zur Hand zu haben, meinem Chefredakteur vom Strand aus eine Exklusivmeldung durchs Telefon diktieren. Oder wie auf Lanzarote in einer dieser schrecklichen Spielbuden sitzen, um inmitten blinkender, zischender und bimmelnder Daddel-Automaten am einzigen schäbigen PC mit Internetzugang einen Aufmacher über den Wechsel in der „Spiegel“-Chefredaktion schreiben.

Diesmal passierte nichts dergleichen.

Umso weniger wollte ich den Laptop benutzen, ihn schon gar nicht mit mir herumtragen. Sand dringt ein, beim Schwimmen muss man aufpassen, dass ihn keiner klaut, und außerdem kann man ihn nicht wegwerfen, wenn man mit dem Lesen fertig ist. Immer wieder fragte ich mich: Warum gibt es im Urlaub immer die FAZ, aber nirgendwo mehr eine „Süddeutsche“?

Früher war das anders. Da gab es, ganz gleich in welchem Urlaubsland, sogar mehrere deutsche Regionalzeitungen zur Auswahl. Gleich nach meiner Rückkehr rief ich Mario Lauer an, den Vertriebschef der „Süddeutschen“. Ich wollte wissen: Warum könnt Ihr nicht, was die FAZ kann? Lauer sagte, wenig überraschend, das sei schlicht zu teuer geworden. Bei der Finanzkrise 2008/2009 habe der Verlag beschlossen, Länder wie Spanien oder Portugal und Inseln wie die Kanaren oder Mallorca nicht mehr zu beliefern. Was der Verlag auch ausprobiert habe – die Zustellung am Folgetag, die Suche nach einem Offsetdruckpartner wie ihn Springer in Madrid hat – nichts davon war auch nur annähernd kostendeckend. Lediglich in Rom und in Athen hätten sie einen Digitaldruckdienstleister, um die jeweiligen Regionen mit der „Süddeutschen“ zu versorgen. Die Schweiz, Österreich und Frankreich würden per Wagen beliefert. Die Auslandsauflage sei mit durchschnittlich 15.000 Exemplaren ohnehin zu vernachlässigen.

Und die enttäuschten Urlauber? Die treuen Leser, die ihre Zeitung im Urlaub – gerade im Urlaub – vermissen? Lauer lachte. Es gebe da einen, der rufe jedes Jahr aufs Neue an, um sich zu beschweren. Das müsse man in Kauf nehmen. Allein der Verzicht, die Zeitung mit dem Flugzeug aufs spanische Festland zu transportieren, habe jährlich eine sechsstellige Summe eingespart. Dass sich die FAZ das weiterhin leistet, wunderte Lauer. Mich auch, zumal der Verlag der FAZ doch angeblich neuerdings allein dadurch so viel einspart, indem er keine Zeitungen mehr in Hotels und Flugzeugen verschenkt, auf unrentable Auflagenanteile verzichtet und „die Politik der geschönten Auflage“ für beendet erklärt hat. Sagt zumindest Geschäftsführer Thomas Lindner.

Die Antwort aus Frankfurt bestätigte meine Vermutung, dass es kaum ein Urlaubsland gibt, in dem die FAZ nicht erhältlich ist. Gedruckt wird in Madrid, Rom, Athen, Zypern, auf Teneriffa und Malta. Die durchschnittliche ausgelieferte Auslandsauflage liegt bei 24.500 Exemplaren für die FAZ und 15.500 für die FAS. Beides ist in der IVW nicht gesondert ausgewiesen. „In Summe“, sagte man mir, sei das Auslandsgeschäft „über sämtliche Auflagenkategorien und Länder hinweg kostendeckend“.

Bezahlen musste ich übrigens nichts für die FAZ. Ich bekam sie jeden Morgen für lau. Mein (bezahltes) E-Paper-Abo ließ ich in dieser Zeit ungenutzt. Der Deckel von meinem Laptop blieb zu.