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Verstimmt in Dresden

Was hat die Gewinnwarnung beim Verlag der „Sächsischen Zeitung“ mit einer millionenschweren Kartellstrafe zu tun? Einiges, behauptet ein Anonymus. Der Geschäftsführer widerspricht. Von Ulrike Simon

Ausdrücklich hatte der Geschäftsführer des Deutschen Druck & Verlagshauses (DDV) in seiner Mail darum gebeten, zwar mit den Mitarbeitern offen zu reden, ansonsten aber Stillschweigen zu wahren. „Wir wollen für unsere Geschäftspartner auch weiterhin ein starker, selbstbewußter und innovativer Partner sein“, schrieb Carsten Dietmann am Nachmittag des 23. Juni mit der Betreffzeile „Achtung Gewinnwarnung“. Verschickt hat er die Mail an alle Führungskräfte und den Betriebsrat des DDV. Trotzdem, vielleicht gerade deshalb, leitete ein Anonymus die Mail an ausgewählte Adressen weiter. Das allein ist es aber nicht, was Dietmann ärgert.

Geldbußen in Höhe von 12,44 Millionen Euro

In einem Begleitschreiben konstruiert der Anonymus einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Gewinnwarnung und Strafzahlungen, die das Kartellamt gegen das Dresdner Unternehmen und seine Geschäftsführung verhängt hat. Müssen Verlag und Mitarbeiter von „Sächsischer Zeitung“ und „Morgenpost“ womöglich für das büßen, was die Führungsspitze verbockt hat?

Ein Blick zurück: Ende vorigen Jahres verdonnerte das Bundeskartellamt drei Verlage sowie sechs ihrer Manager persönlich zu Geldbußen in Höhe von insgesamt 12,44 Millionen Euro. Die Summe floss, wie immer bei Kartellstrafen, in den Bundeshaushalt.

Eines der betroffenen Häuser ist der Dresdner Verlag, der zu 60 Prozent Gruner + Jahr und zu 40 Prozent der SPD-Medienholding DDVG gehört. Die beiden anderen sind der zur pfälzischen Medien-Union der Familie Schaub zählende Verlag der „Freien Presse“ in Chemnitz sowie die als Weiss-Gruppe bekannte WM Beteiligungs- und VerwaltungsGmbH in Monschau („Wochenkurier“).

Es geht um verbotene Absprachen

Wie viel von den 12,44 Millionen Euro wer genau bezahlt hat, ist nicht bekannt. Ein Sprecher der Bonner Behörde sagt, die individuelle Summe hänge von Faktoren ab wie der individuellen Schwere der Tat und der Höhe des Unternehmensumsatzes. Was die drei verbrochen haben? Es geht um verbotene Absprachen über die Einstellung miteinander konkurrierender Anzeigenblätter.

Nachweislich gab es zwischen Vertretern der drei Verlage im April 2013 ein Treffen auf dem Leipziger Flughafen. Weitere Kontakte folgten. Das ermittelte das Kartellamt „nach einem Hinweis aus dem Markt“ und Razzien an allen drei Standorten der Unternehmen, wie die Behörde im Dezember mitteilte.

Ziel der Aktion war es, durch die koordinierte Einstellung der Anzeigenblätter „WochenSpiegel Sachsen“ und „Sächsischer Bote“ die Verbreitungsgebiete Dresden und Chemnitz untereinander aufzuteilen. „Die Unternehmen wollten so den bislang untereinander bestehenden Wettbewerbsdruck umgehen“, sagte der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt.

„Die nächste Hiobsbotschaft“

Die G+J-Tochter zahlte die Buße ohne Murren. „Wir erkennen den Fehler an. Wir werden aus ihm lernen“, zitierte „Flurfunk Dresden“ seinerzeit eine Mitteilung aus dem Intranet der DDV Mediengruppe.

Was das mit der aktuellen Gewinnwarnung zu tun hat? Der anonyme Hinweisgeber erweckt den Eindruck, beim DDV fehle nun genau dieses Geld als dringend benötigtes Finanzpolster. Stattdessen sei das eine „noch nicht verdaut“, schon komme „die nächste Hiobsbotschaft“ – eben besagte Gewinnwarnung.

Nach einem passablen Start ins Jahr hatte Dietmann noch beim Führungskräftetreffen im April mitgeteilt, alle Etats seien im Plan. Kurz darauf war die Aussage bereits obsolet. Im Mai und Juni verschlechterte sich das Anzeigengeschäft „fast wie auf Knopfdruck“, schreibt Dietmann und mahnt in der Mail: „Wenn wir unsere Ergebnisse dieses Jahr erreichen wollen, müssen wir in allen Bereichen entschieden gegensteuern“, und zwar, „ohne unsere Produkte zu verschlechtern oder unsere Marktposition zu gefährden“.

Müssen nun die gerade erworbenen Namensrechte am Stadion von Dynamo Dresden, das nun DDV-Stadion heißt, zurückgegeben oder die geplante Dachmarkenkampagne gestoppt werden? Dietmann verneint das. Es gehe lediglich darum, das unerwartete und quer durch sämtliche Anzeigenbereiche gehende Erlösminus wettzumachen.

Konkret bittet er um Marktoffensiven, darum, auf Honorare, Spesen, Seminare und Marketingausgaben zu achten, Neueinstellungen hinauszuzögern oder durch Umstrukturierungen bzw. Umschichtungen ganz zu vermeiden. Zudem sollen Verlustbringer unter die Lupe genommen, Redaktionsprojekte gekippt oder zumindest verschoben und Einsparmöglichkeiten jeglicher Art aufgespürt werden.

Zweistelliger Millionengewinn - Jahr für Jahr

Ist in dieser Lage nicht verständlich, dass sich die Stimmung im Haus dreht und gegen jene richtet, die die millionenschwere Kartellstrafe zu verantworten haben? „Wie man hört“, schreibt der Anonymus, habe das Unternehmen sogar die angeblich sechsstellige Summe übernommen, die gegen die beiden Geschäftsführer persönlich verhängt worden sei, also gegen Dietmann und Oliver Radtke, bei G+J unter Verlagschefin Julia Jäkel und neben Stephan Schäfer Mitglied der Konzernführung.

Dietmann versicherte mir im Gespräch, kein einziger Mitarbeiter habe unter der Strafzahlung gelitten. Dasselbe gelte jetzt. Das Bußgeld sei in der Bilanz des Geschäftsjahrs 2015 von jener Summe abgezwackt worden, die als Gewinn an die Gesellschafter G+J und DDVG geflossen ist. In Dresden hätte man folglich so oder so nicht darüber verfügen können.

Wie sehr schmerzt es aber die Gesellschafter, wenn die Ausschüttungen spärlicher werden? Es liegt schließlich nahe, warum sich G+J mit Dresden überhaupt noch eine Zeitungstochter hält. Von der einst ruhmreichen Zeitungssparte ist die DDV Mediengruppe das letzte Überbleibsel, ein Fremdkörper im ansonsten zeitungsfreien Portfolio der Hamburger.

„Hamburger Morgenpost“, „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ sind längst verkauft, die „Financial Times Deutschland“ ist eingestellt. Im Gegensatz zu ihnen erwirtschafteten die Dresdner nicht zuletzt mit ihrem Post- und Tourismusgeschäft einen Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe und zuverlässig Jahr für Jahr einen zweistelligen Millionengewinn. Den braucht die mit Pluszeichen derzeit wenig gesegnete G+J-Bilanz umso dringlicher.

Dietmann versichert, das sei nicht der Grund für die in seiner Mail formulierten Bitte um Kostendisziplin. Es gebe keine Vorgaben, weder von G+J oder der DDVG an ihn, noch von ihm an die jeweiligen Etatverantwortlichen. Ob und wann das Anzeigengeschäft wieder anzieht, vermag aber auch er nicht zu prognostizieren.