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Von sinnlosen Quoten und fehlendem Anstand

Wie schnell eine Gender-Debatte in Irrsinn umschlagen kann, haben der WDR und Frank Plasbergs „hart aber fair“ aufs Trefflichste vorgeführt. Von Ulrike Simon

Ähnlich Irrsinniges steht der „taz“ bevor, wenn wahr wird, was intern seit jenem Tag Thema ist, an dem sich Georg Löwisch als neuer Chefredakteur vorgestellt hat. Zwar wurde noch kein Chef vor ihm derart einhellig willkommen geheißen. Ein Manko bringt der 41-Jährige jedoch mit, und es lässt sich ohne jahrelange Hormonbehandlung mit anschließender Operation nicht beheben: Er ist ein Mann. Bei der „taz“, die seit fast zwei Jahrzehnten von Frauen geführt wird, ist das ein ernsthaftes Problem.

Löwisch versprach zwar, sich eine Stellvertreterin an die Seite zu holen, und falls es der Vorstand und die Finanzen zulassen, sogar zwei Stellvertreterinnen. Aber mit Freiwilligkeit sei es nicht getan, finden einige und fordern eine Änderung des Redaktionsstatuts. Dort ist zwar geregelt, dass die Redaktion pari besetzt sein muss. Für Führungspositionen gibt es jedoch keine Vorschrift. Daher soll jetzt eine Quote her, 30 Prozent der Chefredaktion muss weiblich sein, egal, aus wie vielen Personen sie besteht.

Das Vorhaben, das Redaktionsstatut zu modifizieren, ist bei der „taz“ ähnlich aufwändig wie eine Verfassungsänderung. Wer 2008 miterlebte, wie auf diese Weise die Personalhoheit der Chefredaktion beschnitten wurde, weiß, was ich meine. Diesmal könnte das Vorhaben noch schwieriger werden, denn bei der Forderung nach einer Geschlechterquote soll es nicht bleiben. Auch für Journalisten mit Migrationshintergrund soll es eine Quote geben. Und für Schwule und Lesben. Und für Junge und Alte. Undundund. Ein Scherz? Leider nein.

Eine Arbeitsgruppe will sich noch im September gründen. Ihre Aufgabe wird sein, einen Vorschlag auszuarbeiten. Im nächsten Schritt müsste das Statut von Redaktion oder Vorstand gekündigt werden, der Änderung müssten zudem die Mitarbeiter mehrheitlich zustimmen. Sollte es soweit kommen, kann man der „taz“ nur wünschen, dass es bei einer künftigen Stellenbesetzung  nicht nur darum geht, eine junge, bisexuelle Angehörige einer nicht im christlichen Glauben verwurzelten Ethnie zu finden, sondern auch jemanden, der Journalismus kann.

Mit Löwischs Berufung hofft Geschäftsführer Karl-Heinz Ruch übrigens, zum letzten Mal aktiv an der Neubesetzung der „taz“-Chefredaktion mitgewirkt zu haben. Es fällt schwer, sich die „taz“ ohne den Mann vorzustellen, der von Anfang an dabei war, vor 25 Jahren das Genossenschaftsmodell ersonnen und der Zeitung immer wieder das Überleben gesichert hat. Aber auch ein Kalle Ruch kommt ins Rentenalter. Vorerst gibt es noch jede Menge zu tun. In dieser Woche hat Löwisch seine Arbeit aufgenommen, am Sonnabend ist Genossenschaftsversammlung, am 1. Oktober wird damit begonnen, die Baugrube für den „taz“-Neubau auszuheben, 2017 wird umgezogen. Ruch hat über seine Zeit hinaus geplant. Dann nämlich, wenn Verlag und Redaktion, anders als derzeit, wieder unter einem Dach vereint sind, wird die „taz“ einen Teil ihrer Kosten mit Mieteinnahmen vom jetzigen Standort in der Rudi-Dutschke-Straße bestreiten können.

Zurück zu Löwisch bzw. zu „Cicero“, wo er zuletzt gearbeitet hat und, glaubt man Chefredakteur Christoph Schwennicke, eine ziemliche Lücke hinterlässt. Auch auf meine zweite Frage hat er keine befriedigende Antwort: Warum steht noch immer Wolfram Weimer als Gründungsherausgeber im Impressum? Immerhin hat er gerade „The European“ übernommen, das sich wie „Cicero“ als Debattenmagazin versteht – also Konkurrenz ist. Anständig ist das nicht. „Cicero“ hätte allen Grund, die alte Vereinbarung mit Weimer aufzukündigen. Aber vielleicht hat Schwennicke ja Recht. Manchem darf man nicht unnötig viel Bedeutung beimessen.