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Von wegen Altpapier!

Es umfasst Dutzende Aktenordner, folgt einer für Dritte nicht nachzuvollziehenden Ordnung, ist für mich unverzichtbar und erzählt mehr über die Medienbranche als mancher glaubt: mein Archiv. Von Ulrike Simon

„Du bist auch so eine, die nix wegschmeißt“, sagte Kollege U. neulich, als ich ihm von meinem Glück erzählte, schließlich doch in einem meiner Regale jene Erstausgabe einer Zeitschrift gefunden zu haben, nach der ich so lange gesucht hatte.

Ein Messie bin ich ganz bestimmt nicht. Natürlich kann ich wegwerfen. Nur eben nicht das, was in meinen Augen wertvoll ist, und davon gibt es immer mehr. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls, wenn ich mein stetig wachsendes Archiv betrachte. Es besteht vorrangig aus Aktenordnern, in denen ich alles sammle, wovon ich überzeugt bin, dass es mir früher oder später bei meiner Arbeit helfen wird. Und wie oft kam es mir schon zugute! Zum Beispiel, als mich mein Chefredakteur fragte, ob ich auf die Schnelle ein Porträt über Rupert Murdoch schreiben könnte. Ich habe Murdoch nie persönlich erlebt, und das, so viel war sicher, hätte ich jetzt so schnell nicht ändern können. Aber ich wusste: Alles, was ich wissen muss, steht in meinem Ordner mit der Aufschrift „Murdoch“. Dafür, dass ich das Porträt „kalt“ schreiben musste, geriet es, denke ich, am Ende ganz ordentlich.

Manchmal genügt es mir sogar, das Archivmaterial nur einmal quer durchzublättern, um mein Gedächtnis aufzufrischen. Gelesen habe ich ja alles schon einmal. Oft lege ich dann beim Schreiben den linken Ellbogen auf dem zugeklappten Ordner ab. Ich bilde mir ein, das hilft. Es ist ein bisschen wie bei dieser einen Figur aus „Raumschiff Enterprise“ (War es der blinde Lieutenant Commander Geordi La Forge?). Der Mann besaß jedenfalls die Gabe, nur durch Berühren eines Regals im Nu sämtliches Wissen der darin befindlichen Bücher im Gedächtnis abzuspeichern. Als Kind hat mich das unendlich fasziniert.

Angefangen mit dem Aufbau meines privaten, papiernen Medienarchivs habe ich vor etlichen Jahren. Alle paar Monate, wenn die Schreibtischablage mit neu gesammeltem Material anfängt überzulaufen und es die Zeit erlaubt, mache ich mich daran, die Zettel zu heften, alphabetisch zu ordnen, zu lochen und auf die Ordner zu verteilen. Welchem System ich dabei folge, versteht außer mir wahrscheinlich niemand. Meist geht es nach Namen, selten nach Themen, dann wieder nach Unternehmen oder Marken, je nachdem. „Focus“ zum Beispiel war für mich jahrelang identisch mit Helmut Markwort. Er war der erste Chefredakteur, der das betrieb, was man Personal Campaigning nennt. Entsprechend sammelte ich alles, was mit „Focus“ zu tun hatte, in einem Ordner mit der Aufschrift „Markwort“.

Irgendwann bekam Markwort einen Nachfolger, dann wieder einen, dann den nächsten – keiner blieb lange. Also beschloss ich, den Ordner „Focus“ anzulegen. Wie hätte ich sonst den Durchblick behalten sollen? Ähnlich war es bei Sat.1. Fred Kogel hat bei mir noch einen eigenen Ordner bekommen, auch Martin Hoffmann und Roger Schawinski erhielten jeweils eigene.

Wer seither alles Geschäftsführer von Sat.1 war? Keine Ahnung. Ich müsste nachsehen, wie der aktuelle heißt. Kaum hat man sich den Namen gemerkt, ist er meist sowieso schon wieder weg. Parallel verlor der Sender an Profil. Was also tat ich? Ich habe alles im Ordner „P7S1“ für ProSiebenSat.1 zusammengelegt. Ist eh eins.

Ganz anders RTL: Sender wie Gruppe firmieren bei mir seit ewigen Zeiten unter „Schäferkordt, Anke“. Oder der „Spiegel“. Er war bei mir immer unter „Aust, Stefan“ zu finden – bis Aust eines Tages abdanken musste und ein Chefredakteur dem nächsten die Klinke reichte. Derzeit überlege ich mir, ob es sich lohnt, unter „Brinkbäumer, Klaus“ einen eigenen Ordner anzulegen. Sollte ich vielleicht besser noch warten? Einstweilen führe ich alles, was das Hamburger Magazin betrifft, unter „S“ wie „Spiegel“ weiter. Beim „Stern“ praktiziere ich das sowieso.

Sicherlich gibt es einen Grund, weshalb es bei mir weder die Akten „Maier, Michael“ noch „Petzold, Andreas“ oder „Osterkorn, Thomas“ gibt. Auch für „Krug, Christian“ habe ich keine angelegt. Damals, beim Wirrwarr um Werner Funks Nachfolge, muss ich für mich beschlossen haben, mich auf die Marke „Stern“ zu konzentrieren. Oder liegt es an der mangelnden Strahlkraft der Macher?

Manche Kuriosität in meinem Archiv ergab sich zufällig. Michael Jürgs und Hans-Ulrich Jörges, die wegen ihres ähnlichen Namens schon im wahren Leben verwechselt werden, sind bei mir nicht nur im selben Ordner vereint – die beiden teilen ihn sich ausgerechnet mit der „Jungen Freiheit“. Was sie wohl sagen würden, wenn sie das wüssten? Manchmal kommen aber auch Erinnerungen hoch, wenn ich mein Archiv durchgehe.

Kennt noch jemand „Park Avenue“ oder die deutsche „Vanity Fair“? Oder die Verlagsgruppe Milchstraße mit „Max“ und Dirk Manthey? Sie alle haben bei mir ihren Platz, wenngleich zu Karteileichen verkommen. Von manchen könnte ich mich allerdings langsam wirklich trennen, zum Beispiel von „Fischer, Gus“, dem längst vergessenen Di-Mi-Do-Vorstandschef von Springer. Oder von „Montgomery, David“. Andererseits: Vielleicht bin ich eines Tages froh wieder hervorholen zu können, was der Finanzinvestor damals mit dem Berliner Verlag angestellt hat und Schlimmeres anstellen wollte.

Zeuge des Medienwandels ist mein Archiv auch in anderer Hinsicht. Mag die Essener Mediengruppe sich in Funke umbenannt haben – in meinem Ordnungssystem bleibt sie die „WAZ“, so wie Sky „Premiere“ bleibt. Mir doch egal, wie die sich nennen. Hauptsache, ich weiß, wo im Regal ich sie finde.

Nicht ohne Folgen für mein Archiv blieb mein eigener Werdegang. Holtzbrinck mit insgesamt vier Ordnern hat bei mir (nach Springer, das aber aus einem anderen Grund) die umfangreichste Materialsammlung. Das meiste stammt aus der Zeit, als der Stuttgarter Verlag zu seinem „Tagesspiegel“, für den ich damals arbeitete, die „Berliner Zeitung“ kaufen wollte. Für Medienjournalisten wie mich war das eine der spannendsten Zeiten. Später, da schon freiberuflich, arbeitete ich für die „Berliner Zeitung“. In dieser Zeit wucherte mein Ordner MDS (inzwischen DuMont Mediengruppe) – aktuell gilt dasselbe übrigens für den von Madsack.

Nicht immer bedeutet der Tod das Ende der Materialsammlung. Bei Leo Kirch zum Beispiel füllt sich mein Ordner bis heute weiter. Die Gerichtsprozesse überdauerten seinen Tod. Wieder andere habe ich offensichtlich irgendwann aus den Augen verloren. Andreas Schmidt etwa. Als ich vor einem Jahr von seinem Tod auf einem Segelschiff in Panama erfuhr, nahm ich seinen Ordner zur Hand. Schon in den Neunzigern schwor Randy Andy, wie sie ihn bei Gruner + Jahr nannten, auf Bewegtbild im Internet. Am Baumwall fanden sie das ziemlich schräg. Ein Fehler, ganz sicher. Später wechselte er zu AOL, zu Bertelsmann – eines Tages verschwand er. Ich wusste nur, dass er ins Ausland gegangen war. Er wurde 54. Nie würde ich es übers Herz bringen, das über ihn Gesammelte wegzuwerfen.

Mir ist klar, dass mich einige für meine altmodische Art, Unterlagen zu horten, auslachen. „Steht doch alles im Netz“, werden die einen sagen. Ach ja? Auch der vor Jahrzehnten verfasste Gesellschaftervertrag vom Spiegel-Verlag? „Kann man doch alles einscannen und auf Festplatte speichern“, werden die anderen sagen. Könnte man, ja. Aber würde es helfen, den Ellbogen beim Schreiben auf die Festplatte zu legen, um sich an sein Wissen zu erinnern?

Vor ein paar Tagen glitt mein Blick zufällig über die Aufschrift eines Ordners mit einem Namen, an den ich schon länger nicht mehr gedacht hatte. Ich rief ihn an. „Hey“, begrüßte er mich, „hast du dich verwählt?“ Dann erzählte er mir, woran er gerade arbeitet. Demnächst werde ich es aufschreiben. Ohne mein Archiv hätte ich die Geschichte nicht.